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Spannender Saisonauftakt an der Deutschen Oper Berlin

19. September 2001

Luigi Nonos Oper "Intolleranza" ist ein einziger Aufschrei für eine bessere Welt und deshalb auch ein Kommentar zu den Terror-Anschlägen in den USA.

Die Oper "Intolleranza" gehört zu den eindrücklichsten und verstörendsten Werken des modernen Musik-Theaters. Mit einer anspruchsvollen und gelungenen Inszenierung wurde an der Berliner Deutschen Oper jetzt eine neue Richtung eingeschlagen.

Die Deutsche Oper will nicht länger Spielball der Berliner Kulturpolitik sein, die sich nicht entscheiden kann, wie an den drei Berliner Opernhäusern Kosten eingespart werden können. Jetzt gilt es, der Krise im Berliner Kultur-Betrieb etwas entgegenzusetzen: gute Inszenierungen, berühmte Namen und damit - so hofft man - viele Zuschauer.

Intolleranza erzählt die Geschichte eines Gastarbeiters, der sich nach Jahren in der Fremde nach seiner Heimat sehnt. Er verlässt seine Frau und macht sich auf den Heimweg. Dabei gerät er als unbeteiligter Beobachter in eine antifaschistische Demonstration. Er wird verhaftet, gefoltert und in ein Konzentrationslager verschleppt. Es gelingt ihm sich zu befreien, er setzt seinen Weg fort, findet auch eine neue Gefährtin. Und obwohl sie dann dem Ziel schon sehr nahe sind, kommen sie doch in einer, von der Regierung
verschuldeten Flutkatastrophe ums Leben.

Diese Geschichte wird in der Inszenierung multi-perspektivisch aufgelöst und erweitert. Der Zuschauer wird mit den Schrecken des 20. Jahrhunderts konfrontiert, die unter dem Begriff "Intoleranz" zusammengefasst werden: Vom Spanischen Bürgerkrieg über die Konzentrationslager der Nazis bis zum Indochina- und Algerienkrieg. Im Libretto finden sich Texte von Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, des Algerien-Kämpfers Henri Alleg und des von den Nazis ermordeten Julius Fucik.

Musik, das war die Überzeugung des italienischen Komponisten Luigi Nono (1924-1990), muss sich zu den Problemen der Welt verhalten - das heißt bei Nono vor allem politisch Stellung beziehen. Und Stellung beziehen, das wollte auch Regisseur Peter Konwitschny.

Als das Publikum die Plätze einnimmt, ist bereits der Blick auf die Bühne freigegeben: Zu sehen ein großes düster wirkendes Baugerüst sowie vorne in der Bühnenmitte ein knallrotes Bett. Verkörperungen des öffentlichen sowie des privaten Raumes. Dazu Nonos Musik: Sie wühlt auf, nimmt das Publikum gefangen und klagt an. An ein ruhiges
Zurücklehnen und Genießen der Klänge ist nicht zu denken. Trotzdem gerade die Musik ist es, die Peter Konwitschny fasziniert. Er sieht Nonos Schaffen als Fortsetzung der Tradition Verdis.

Peter Konwitschny hat seine Inszenierung ganz auf die drei
Hauptfiguren konzentriert und damit im wesentlichen auf plakative Mittel des politischen Theaters verzichtet. Auf die
Filmeinblendungen und Projektionen, die in Nonos eigenem szenischen Konzept eine entscheidende Rolle spielten, wartet man in der Deutschen Oper also vergebens. Dafür sorgen die roten Lettern einer elektronischen Leuchtschrift für Modernität.

Hier kann der Zuschauer die ganze Zeit den Text verfolgen, einige Regieanweisungen lesen und hier findet sich auch der aktuelle Bezug. In der ersten Szene des zweiten Teils erscheint dort die Chronologie der terroristischen Angriffe auf Amerika. Dazu redet auf der Bühne ein Mann im Anzug
wild gestikulierend - allerdings bleibt er stumm. Nur die Pantomime allein scheint in der Lage der allgemeinen Sprachlosigkeit über das Unfassbare Ausdruck zu geben. Die Ereignisse in Amerika brachen über die letzten Probentage an der Deutschen Oper Berlin hinein und trotz aller enthaltenen Aktualität um Intoleranz und Toleranz, so ganz wollte Peter Konwitschny den neuen Terror nicht unbearbeitet lassen.

Peter Konwitschny sucht durch und mit der Kunst aufzurütteln, zu verändern. Der Applaus des Premierenpublikums zeigte, das es ihm mit seiner Sicht auf Nonos "Intolleranza" gelungen war.

Konwitschnys leisen Töne rühren an und man schluckt, wenn der Chor, der übrigens nur ein einziges Mal wirklich szenisch auftritt, plötzlich während der Folterszene das Publikum anfährt mit: "Und ihr? Seid ihr taub? Schüttellt Euch nicht die Klage unserer Brüder?" Gleichzeitig wird es hell im Zuschauerraum - keiner kann sich verstecken.

Brillant außerdem die sängerische Besetzung: Chris Merritt als Gastarbeiter verstand es die Leiden seiner Figur sowohl stimmlich als auch schauspielerisch über die Rampe zu bringen. Gut flankiert von Yvonne Wiedstruck als Ehefrau und Melanie Walz als Gefährtin.

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