Erfolgreicher Spectrum-Start: Deutsche Rakete erreicht Orbit
6. September 2026
"Wir sind im Orbit!", meldete das Unternehmen Isar Aerospace in der Nacht zum Sonntag. "Deutschland kann Raumfahrt", jubelte daraufhin Deutschlands Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in Berlin.
Gegen 22.00 Uhr Ortszeit war die Rakete vom Typ "Spectrum" am Samstagabend vom Weltraumbahnhof Andøya im Norden Norwegens abgehoben. Der Start wurde live übertragen. Nach etwa zehn Minuten brach die Verbindung wegen der zu großen Entfernung ab - aber die Rakete flog offensichtlich weiter. Auf der geplanten Route ging es in eine Umlaufbahn im erdnahen Weltraum.
Forschungssatelliten als Nutzlast
Es sei das erste Mal, dass eine privat entwickelte Rakete vom europäischen Kontinent aus den Orbit erreicht habe, teilte Isar Aerospace mit. Die Mission "Onward and Upward" (Vorwärts und Aufwärts) sei erfolgreich abgehoben und habe Nutzlasten in den Orbit ausgesetzt. "Ein neues Kapitel für die europäische Raumfahrt" habe begonnen. Die Spectrum-Rakete hatte fünf wissenschaftliche Satelliten mehrerer Universitäten und ein wissenschaftliches Experiment an Bord.
"Wir haben in wenigen Jahren erreicht, wofür die europäische Raumfahrtindustrie zuvor Jahrzehnte gebraucht hat", so Isar-Aerospace-Vorstandschef Daniel Metzler. "Europa hat jetzt souveränen Zugang zum Weltraum."
Glückwünsche vom Bundeskanzler
Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz gratulierte dem Unternehmen nach dem erfolgreichen Start: "Großer Glückwunsch an Isar Aerospace für den erfolgreichen Start der Trägerrakete Spectrum. Das erste Mal gelingt ein solcher Flug vom europäischen Kontinent aus in die Erdumlaufbahn. Das ist der Beginn einer neuen Ära".
Das Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München baut Trägerraketen für den Transport kleiner und mittelgroßer Satelliten. Die zweistufige Spectrum-Rakete ist 28 Meter hoch und kann mit ihren zehn Triebwerken Nutzlasten von bis zu tausend Kilogramm in erdnahe Umlaufbahnen befördern. Das Werk im süddeutschen Bundesland Bayern soll nach Unternehmensangaben in der Lage sein, mehr als 30 solcher Raketen pro Jahr herzustellen.
Tests und Pannen
Im März vergangenen Jahres hatte Isar Aerospace einen ersten Spectrum-Testflug unternommen. Die Rakete war dabei - ebenfalls in Andøya - erfolgreich gestartet und war nach 30 Sekunden Flug planmäßig ins Meer gestürzt.
Nun also der Schritt ins All. Allerdings hätte der am Samstagabend gelungene Start ursprünglich bereits im Januar stattfinden sollen.
Doch der erste Termin wurde wegen eines defekten Ventils verschoben. Beim zweiten Anlauf im März kam ein norwegischer Fischer dazwischen, der mit seinem Boot die Sicherheitszone in den Gewässern vor der Startbasis nicht rechtzeitig verlassen hatte. Im April wurden die Startvorbereitungen wegen eines leckenden Druckbehälters abgebrochen. Im Juni gab es erneut ein Problem.
Nach der erfolgreichen Mission am Samstagabend will Isar Aerospace noch in diesem Jahre weitere Starts folgen lassen. Der Bau der dritten Spectrum-Rakete sei bereits weit fortgeschritten.
Start mit strategischer Bedeutung
Isar Aerospace wurde 2018 gegründet. Das Start-up gehört zu mehreren deutschen und europäischen Unternehmen, die Europa in der Raumfahrt unabhängiger von den USA und Russland machen wollen.
Bundeskanzler Merz hatte den Weltraumbahnhof Andøya in Norwegen im März besucht und sich für eine größere Unabhängigkeit Europas in der Raumfahrt ausgesprochen. Bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin im Juni bezeichnete er die Luft- und Raumfahrtindustrie als "strategische Schlüsselbranche". Dieser Sektor sichere nicht nur Innovation und Wirtschaftskraft sondern "auch unsere Souveränität und unsere Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung".
Mit der Spectrum sollen künftig zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen wenige hundert Kilometer über dem Erdboden transportiert werden. Geplant ist die Produktion von 40 Raketen im Jahr. Die deutsche Bundesregierung, aber auch die EU und weitere europäische Staaten haben ein strategisches Interesse am Erfolg des Unternehmens mit seinen guten 400 Mitarbeitern.
Isar Aerospace hat nach Firmenangaben bislang über eine halbe Milliarde Euro Investorengelder eingeworben. Zuletzt hatte das Jungunternehmen einen Vertrag über 200 Millionen Euro mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA unterzeichnet - Teil eines ESA-Programms, das die Entwicklung europäischer Trägerraketen beschleunigen soll.
Bisher wird das Geschäft mit Trägerraketen von US-Milliardär Elon Musk dominiert. Sein Raumfahrtunternehmen SpaceX hat die teilweise wiederverwendbare Trägerrakete Falcon 9 schon hunderte Male von den USA aus gestartet.
Auch ein Großteil der europäischen Satelliten wird bislang von SpaceX ins All befördert. Das ist bei europäischen Raumfahrtunternehmen nicht zuletzt deswegen unpopulär, weil die Auftraggeber in den Vereinigten Staaten die technischen Spezifikationen ihrer Satelliten offenlegen müssen.
Auch Ariane 6 soll in Schwung kommen
Laut eigenen Angaben ist Isar Aerospace schon jetzt mit Aufträgen über mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht - obwohl die Rakete noch gar nicht serienreif ist. Größere Höhen im All wird die Spectrum jedoch auch dann nicht ansteuern können. Als SpaceX-Alternative kommen in diesem Segment nur Raketen der Ariane Group infrage. Und auch dieses französisch-deutsche Unternehmen hat einiges vor.
Die Ariane Group will in diesem Jahr insgesamt sieben bis acht Raketen vom Typ "Ariane 6" starten lassen. Deren Serienreife hatte sich jahrelang verzögert. Nun sind die bis zu 62 Meter hohen Raketen aber einsatzbereit. Bisher gab es nach Zählung des Fachportals "European Spaceflight" vier Ariane-Starts in diesem Jahr.
Anders als die Spectrum ist die Ariane 6 eine große Trägerrakete. Sie kann weit schwerere Nutzlast transportieren und Satelliten auch in geostationäre Umlaufbahnen befördern, wo sie dann synchron mit der Erdumdrehung kreisen können. Entfernung: knapp 36.000 Kilometer über dem Erdboden.
AR/rb (afp, dpa)