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Sprache ohne Namen

31. August 2004

Republik Moldau begeht einen bizarren Feiertag

Berlin, 31.8.2004, DW-RADIO, Ernst Meinhardt

In der Republik Moldau, dem östlichen Nachbarn Rumäniens, wird am Dienstag (31.8.) ein bizarrer Feiertag begangen. "Unsere Sprache" heißt er. Das Bizarre daran ist, dass die Sprache, die da von Staats wegen gefeiert wird, keinen Namen hat. "Rumänisch", was richtig wäre, soll die Amtssprache, die für zwei Drittel der Bevölkerung des Landes Muttersprache ist, nicht genannt werden. "Moldauisch", wie man der offiziellen Meinung zufolge sagen sollte, was aber sprachwissenschaftlich unhaltbar ist, will sie niemand nennen. Die Sache erinnert stark an die einstige Deutsche Demokratische Republik (DDR). Auch dort versuchte man eine zeitlang den Eindruck zu erwecken, als gäbe es Unterschiede zwischen der in der DDR gesprochenen Sprache und dem Deutsch der Bundesrepublik Deutschland. Die Gründe waren und sind die gleichen: So wie sich die DDR damals von der Bundesrepublik abgrenzen wollte, um eine Wiedervereinigung auszuschließen, so möchte sich jetzt die Republik Moldau von Rumänien abgrenzen und von einer Wiedervereinigung nichts wissen. Ernst Meinhardt mit weiteren Informationen:

Der Feiertag "Unsere Sprache" wurde vor 15 Jahren eingeführt. Am 31. August 1989 erklärte die damalige "Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik" die "moldauische Sprache" zur Amtssprache. Und sie kehrte von der kyrillischen zur lateinischen Schreibweise zurück.

Selbstverständlich gibt es keine zwei Sprachen, also hier Rumänisch, dort Moldauisch. Ob östlich oder westlich vom Grenzfluss Pruth, überall wird ein und dasselbe Rumänisch gesprochen, natürlich mit Dialekteinfluss wie im Deutschen auch. So wie ein Bayer, ein Sachse, ein Schwabe oder ein Rheinländer seine Herkunft nicht verbergen kann, wenn er Hochdeutsch spricht, so kann auch ein Siebenbürger, ein Banater oder ein Moldauer Rumäne seine Herkunft nicht verbergen, wenn er Standard-Rumänisch spricht.

Weil die Moldauer "Rumänisch" nicht sagen sollen und "Moldauisch" nicht sagen wollen, umschreiben sie ihre Sprache mit Begriffen wie "Staatssprache", "Amtssprache", "Muttersprache". Jede Umschreibung ist recht, Hauptsache man verwendet den Begriff "Rumänisch" nicht. Das wurde am Dienstagmorgen (31.8.) wieder sehr deutlich. Bei Radio Moldova, dem Inlandsdienst des moldauischen Rundfunks, war der Feiertag Aufmacher in den Nachrichtensendungen. Um die Sprache, die gefeiert wird, musste aber herumgeredet werden:

1. O-Ton Radiosprecher (rumän.):

"Zur Stunde findet im Regierungsdepartement für interethnische Beziehungen das Gedichtfestival 'Unsere Sprache ist ein Schatz' statt. Später wird dort eine Buchausstellung eröffnet, in der Lehrbücher und Literatur gezeigt werden, die in der Staatssprache der Republik Moldau sowie in den Sprachen der nationalen Minderheiten erscheinen."

Der Begriff "moldauische Sprache" ist eine Erfindung der Stalinisten. Als 1940, aufgrund des Ribbentrop-Molotow-Pakts, das damalige Bessarabien von Rumänien abgetrennt und der Sowjetunion angegliedert wurde, trachteten die Sowjets danach, alle rumänischen Spuren in dem annektierten Gebiet zu verwischen. Den Rumänen wurde eingeredet, sie seien "Moldauer". Ihre Sprache wurde umgetauft in "moldauisch". Und damit sich ihr "Moldauisch" nur ja vom Rumänischen unterscheidet, musste es kyrillisch geschrieben werden. Eine lateinische Sprache mit kyrillischen Schriftzeichen - eine Absurdität, die ihresgleichen sucht.

Im Zuge der nationalen Emanzipation in der Endphase der Sowjetunion kehrte die "Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik" vor fünfzehn Jahren zum lateinischen Alphabet zurück. Wohl aber wurde in der Verfassung der Republik Moldau, die vor dreizehn Jahren - am 27. August 1991 - ihre Unabhängigkeit ausrief, festgeschrieben, dass "Moldauisch" die Amtssprache ist.

Die einzige moldauische politische Kraft, die hierbei konsequent nicht mitspielt, ist die oppositionelle Christlich-Demokratische Volkspartei. Ihre Vertreter und die ihr nahestehenden Medien sagen stets: "Wir sind Rumänen. Wir sprechen Rumänisch. Und wir wollen die Wiedervereinigung mit Rumänien." Aus Rumänien erhalten die moldauischen Christdemokraten nicht viel Unterstützung. Rumänien teilt zwar ihre Ansicht, dass in beiden Ländern ein und dasselbe Rumänisch gesprochen wird. Rumänien möchte aber 2007 Mitglied in der Europäischen Union werden. Angesichts dessen will man in Bukarest auf das Thema "Wiedervereinigung" am liebsten gar nicht angesprochen werden.

Dass den moldauischen Offiziellen bei ihrem Eiertanz um den Namen der Sprache nicht wohl ist, zeigt wiederum der moldauische Rundfunk. In seinem Auslandsdienst meldet er sich seit jeher mit der Ansage:

2. O-Ton Radio Moldova (rumän.):

"Hier spricht Radio Moldova International. Sie hören die Sendung in rumänischer Sprache."

Pikanterweise trägt auch die Hymne der Republik Moldau den gleichen Titel wie der heutige Feiertag: "Unsere Sprache". Die rumänische Hymne "Rumäne, erwache" war nur sehr kurze Zeit, Anfang der 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, gleichzeitig moldauische Hymne. Im Zuge der Abgrenzung musste eine andere Hymne her. Dummerweise wird in dem Text, den Alexei Mateevici zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb, schon wieder die rumänische Sprache besungen, auch wenn das Wort "Rumänisch" nirgends ausdrücklich erwähnt wird. (TS)