Springt Äthiopiens Tigray-Krieg auf Eritrea über?
7. Oktober 2026
Inmitten des eskalierenden Konflikts in Tigray ist Abiy Ahmed für eine weitere Amtszeit als Premierminister Äthiopiens vereidigt worden. Er hat nun weitere fünf Jahre vor sich - und zudem eine gestärkte Regierungskoalition im Parlament hinter sich, die in der nahen Zukunft auch über eine weitere Ausweitung seiner Kompetenzen entscheiden könnte.
Doch der Krieg ist nicht weit weg: Kurz nach der Zeremonie am Montagnachmittag bekräftigte Abiy seinen Willen, dem Binnenland einen direkten Zugang zum Roten Meer zu verschaffen. "Auf der Grundlage des Prinzips von Geben und Nehmen werden wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass Äthiopien einen Zugang zum Meer erhält", sagte Abiy. Auf welche Weise das geschehen soll, ließ er offen - und dürfte damit dazu beitragen, dass sich die ohnehin belasteten Beziehungen mit dem Nachbarland Eritrea weiter verschärfen. Schon lange erhebt Äthiopien Ansprüche auf den eritreischen Hafen von Assab.
DW-Korrespondent Solomon Muchie verfolgte die Vereidigungszeremonie in Addis Abeba aus nächster Nähe. Er sagt Abiy schwierige Zeiten voraus: "Die neue Amtszeit verleiht Premierminister Abiy Ahmed mehr politische Autorität. Doch die komplexen innenpolitischen und regionalen Herausforderungen des Landes könnten es erschweren, diese Autorität in dauerhafte Stabilität umzusetzen", sagt Muchie.
Er führt als Beispiel ein regionales Treffen an, das am Sonntag stattfand: "Die Staats- und Regierungschefs Ägyptens, Eritreas, Somalias und des Sudans erörterten regionale Fragen, doch Äthiopien wurde von diesem Treffen ausgeschlossen - ein Vorgeschmack auf das, womit die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed in den kommenden Jahren konfrontiert sein wird." All diese Länder lehnen Abiys Regierung offen ab.
Zugang zum Meer um jeden Preis?
Nach Ansicht des Analysten Abdurahman Sayed, der das in London ansässige "Horn of Africa Centre for Regional Integration" leitet, droht Eritrea nun, in den Krieg in Tigray hineingezogen zu werden - und zwar nicht wie im vorangegangenen Krieg 2020 an der Seite Abiys, sondern als Gegner. In den letzten Jahren machte Äthiopien keinen Hehl daraus, Kontrolle über den Hafen von Assab erlangen zu wollen, auf den es historische Ansprüche geltend macht. Bis 1993 waren beide Länder - gegen den Willen Eritreas - eine politische Einheit.
"Eritrea hegt berechtigte Bedenken hinsichtlich der Absichten Äthiopiens, wenn möglich das Land zu besetzen - und falls dies nicht gelingt, zumindest den Hafen von Assab einzunehmen. Assab ist nicht nur für den Handel, sondern auch strategisch von großer Bedeutung", sagt Sayed im DW-Interview. "Es liegt an der Meerenge von Bab al-Mandab, die den südlichen Zugang zum Roten Meer bildet. "Ohne diesen Hafen würde die strategische Bedeutung Eritreas nahezu auf null sinken, dann hätte Eritrea keinerlei Bedeutung mehr."
Vergangene Woche verwies Äthiopien diplomatische Vertreter von Eritrea und Ägypten des Landes. Laut Sayed könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass die Regierung entschlossen ist, ihre angeblichen Ansprüche auf den Hafen am Roten Meer notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Auch die erneuten Kämpfe in Tigray könnten demnach auf dieses Ziel ausgerichtet sein.
Vor wenigen Tagen haben die äthiopischen Nationalen Verteidigungskräfte die Kontrolle über Mekelle, die Hauptstadt von Tigray, übernommen. Am Montag berichtete ein regierungsnahes Medium, dass die äthiopische Armee damit begonnen habe, ihre Truppen an der eritreischen Grenze zu mobilisieren, nachdem sich die oppositionelle Tigray People's Liberation Front (TPLF) in das Gebiet um Adigrat zurückgezogen hatte, einem wichtigen Tor nach Eritrea und zum Roten Meer. Am Mittwoch meldeten nun lokale Behörden, dass auch Eritrea seit dem Wochenende Soldaten in die äthiopische Region entsandt hätte.
"Das Volk der Tigrer hat kulturelle, sprachliche und religiöse Verbindungen zu den Menschen im Süden Eritreas", sagte Sayed. "Die Machthaber in Eritrea weisen viele Gemeinsamkeiten mit den Menschen in Tigray auf." Ein Überspringen der Kämpfe hält er für wahrscheinlich, insbesondere jetzt, da die TPLF aus Mekelle vertrieben wurde und möglicherweise auch aus anderen größeren Städten abgezogen ist.
Laut Sayed warten die äthiopische Regierung und die Armee nur darauf, dass Eritrea in den Krieg eintritt. Zwar seien die TPLF-Kämpfer gut ausgerüstet und nicht unbedingt auf militärische Unterstützung aus Eritrea angewiesen. "Aber die Äthiopier würden das nur zu gerne sehen, damit sie ihren Angriff auf Eritrea damit rechtfertigen können, dass sie angeblich als Erste angegriffen wurden."
Aufrufe zur Diplomatie
Über die vielfachen Verflechtungen der Geschehnisse am Horn von Afrika und im Nahen Osten ist viel berichtet worden. Indessen haben sich Akteure aus dem globalen Norden relativ zurückgehalten - auch wenn Experten wie Abdurahman Sayed eine Erklärung der Vereinigten Staaten begrüßt haben, in der eine Wiederaufnahme der diplomatischen Bemühungen gefordert wurde. Ein entscheidender Faktor könnte daher der Zugang zu Dschibuti sein, dem einzigen Land am Horn von Afrika, mit dem Äthiopien seit langem gute Beziehungen unterhält.
Bei einem Webinar der unabhängigen Konfliktbeobachtungsstelle ACLED ging die Ostafrika-Analystin der Organisation, Jalale Getachew Birru, näher darauf ein. "Äthiopiens wichtigste Handelsroute verläuft über Dschibuti, und deshalb verläuft eine der Fronten in Afar" - der Region, die auf äthiopischer Seite an Dschibuti grenzt, erklärte sie. "Genau wie im letzten Krieg will die TPLF die Hauptroute von Dschibuti nach Addis Abeba kontrollieren."
Die diplomatischen Beziehungen am Horn von Afrika hätten im vergangenen Jahr eine neue Dynamik erhalten, seit Israel die autonome Region Somaliland in Somalia offiziell als unabhängigen Staat anerkannt habe, sagt Jalale. "Dschibuti hat sich manchmal auf die Seite von Eritrea, Ägypten und anderen geschlagen, aber sie versuchen auch, neutral zu bleiben", sagte Jalale.
Derzeit scheinen jedoch sowohl Äthiopien als auch Dschibuti entschlossen zu sein, den Handel aufrechtzuerhalten, von dem beide profitieren. "In Äthiopien herrscht Hyperinflation", sagt Analyst Abdurahman Sayed. "Und wenn es zu Versorgungsengpässen und Ölknappheit kommt, kann das die äthiopische Regierung von heute auf morgen erheblich unter Druck setzen." Zudem haben zahlreiche Länder Luftwaffenstützpunkte in Dschibuti, das strategisch günstig am Eingang zum Roten Meer liegt - darunter die USA, China, Frankreich, Italien und Japan.
Die Unterbrechung der Handelsroute des Landes zum afrikanischen Festland könnte der entscheidende Punkt sein, der internationale Akteure endlich dazu veranlasst, ihre Stimme zu erheben und Druck auf Äthiopien auszuüben, den Konflikt zu beenden.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.