Sri Lanka: Zyklon-Tragödie legt Regierungsversagen offen
3. Dezember 2025
Nach den verheerenden Überschwemmungen und Erdrutschen im Süden und Südosten Asiens ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. Zu den besonders betroffenen Ländern gehört Sri Lanka. Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur AP 465 Todesopfer für das Land. Das staatliche Katastrophenschutzzentrum sprach am Dienstag von weiteren 336 Vermissten. Mehr als 64.000 Menschen mussten in den fast 1.450 staatlich betriebenen Notunterkünften Schutz suchen.
Das Land ist verwüstet, in allen 25 Distrikten des Landes müssen die Menschen ihre Heimat wieder aufbauen. Ein Zyklon hatte vielfache Erdrutsche und die schlimmste Überschwemmungskatastrophe der vergangenen 20 Jahre ausgelöst.
Internationale Hilfe angelaufen
Indien, Großbritannien, China, Australien und Nepal haben bereits die ersten Hilfsgüter geliefert. Sri Lankas Präsident Anura Kumara Dissanayake hat zudem den Notstand ausgerufen, um die Folgen des Zyklons zu bewältigen.
Gleichzeitig wächst die Frustration der Bevölkerung über die Hilfsaktionen. Die Behörden seien bei ihren Rettungsaktionen überfordert, eine zeitnahe und effektive Kommunikation habe nicht richtig funktioniert. Es fehle zudem ein einheitlicher nationaler Katastrophenplan, sagen die Kritiker.
"Diese Katastrophe zeigt erhebliche Lücken in den Vorbereitungs- und Reaktionsmechanismen", bilanziert Paikiasothy Saravanamuttu, Geschäftsführer des in der Hauptstadt Colombo ansässigen Centre for Policy Alternatives. Die Regierung habe Warnsignale ignoriert. Die Katastrophe sei damit außer Kontrolle geraten. Die bestehenden Strukturen müssten dringend überprüft werden, um "künftige Versäumnisse zu verhindern". Dafür hätte das Parlament dringend einberufen werden müssen, um die Katastrophenschutzpolitik zu revidieren und zu stärken.
Frühwarnungen ignoriert
Der Zyklon Ditwah traf am 28. November auf Sri Lanka. Bereits am 12. November hatte das Meteorologische Amt Sri Lankas öffentlich vor extremen Regenfällen später im Monat gewarnt. Experten sagen, dass die Zahl der Todesopfer so hoch sei, weil die Regierung zu spät reagiert habe.
"Anders als Tsunamis treten hydrometeorologische Gefahren wie Zyklone mit ausreichender Vorwarnzeit von mehreren Tagen auf. Es gab Zeit genug, um Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Das hätte Vorbereitungen auf allen Ebenen der Regierung auslösen müssen", sagt Nalaka Gunawardene, Wissenschaftsjournalist aus Colombo, im DW-Interview. "Die gesamte Katastrophenschutzstruktur, von den Entscheidungsträgern bis hin zu den Beamten vor Ort, sollte für die Kettenreaktion von Versäumnissen verantwortlich gemacht werden, die eine schlimme Katastrophe noch verschlimmert haben."
Kishali Pinto-Jayawardena, eine Anwältin, die als Kolumnistin Fälle unter die Lupe nimmt, die öffentliches Interesse erregen, stimmt in die Kritik mit ein: Die Folgen seien "besonders entsetzlich, da die tödlichen Auswirkungen des Zyklons erst viel zu spät erkannt wurden".
Regierungen müssen "die Fähigkeit und Kompetenz haben, in Notfällen kritische Entscheidungen zu treffen", fordert sie im Gespräch mit der DW. "Gefühlsbetonte Lobreden von Politikern, die das Volk für sein 'Zusammenhalten' in Krisenzeiten preisen, ersetzen diese Pflicht nicht."
Rettungsteams überlastet
"Wir hatten anfänglich Schwierigkeiten, den Kurs des Zyklons vorherzusagen", räumt Chathuranga Abeysinghe, stellvertretender Minister für Industrie und Unternehmensentwicklung, ein. Es seien erhebliche Regenfälle in vielen verschiedenen Gebieten erwartet wurden, was die Rettungsteams überfordert habe.
Die steigenden Wasserstände machten Evakuierungen "extrem schwierig". Er forderte die Bewohner entlang des Kelaniya-Flusses und in hochwassergefährdeten Gebieten auf, ihre Häuser zu verlassen. Die Regierung würde auch mit Hochdruck daran arbeiten, abgeschnittene Bevölkerungsgruppen zu erreichen.
"Der Präsident hat Arbeitsgruppen eingerichtet, um die Auswirkungen zu untersuchen und Hilfe zu organisieren", erklärt der Minister im Gespräch mit der DW. "Der Wiederaufbau wird aber eine Weile dauern."
Die Oppositionspartei Samagi Jana Balawegaya (SJB) kündigt kürzlich an, rechtliche Schritte gegen die Regierung einzuleiten. Der SJB-Abgeordnete S M Marikkar verglich die Auswirkungen der Naturkatastrophe mit den Selbstmordanschlägen am Ostersonntag 2019, bei denen fast 270 Menschen ums Leben kamen, sowie mit dem jüngsten wirtschaftlichen Zusammenbruch unter der mächtigen Herrscherfamilie von Rajapaksa. "Ähnlich wie die Strafanzeige gegen die Rajapaksas wegen der Staatspleite werden wir eine Klage gegen die aktuelle Regierung einreichen, da sie für jedes Todesopfer in der Naturkatastrophe verantwortlich ist."
Sprachliche Barriere
Dazu kommt ein nicht zu unterschätzendes weiteres Kommunikationsproblem, so der in Colombo ansässige Desinformations-Experte Sanjana Hattotuwa. Sri Lanka hat zwei Amtssprachen: Singhalesisch und die Minderheitensprache Tamil. Englisch wird von fast einem Viertel der Bevölkerung in unterschiedlichem Maße gesprochen.
"Meine Untersuchung zeigen, dass wichtige Updates aber nur auf Singhalesisch und manchmal auf Englisch veröffentlicht wurden, aber selten, wenn überhaupt, auf Tamil", sagt der in Colombo ansässige Desinformations-Experte Sanjana Hattotuwa.
"Dies trug zu einem Informationsvakuum in kritischen Stunden bei und beeinträchtigte die Vorbereitung und die Reaktionen der Gemeinschaft", sagt Hattotuwa weiter. "Wenn Informationen effektiver und rechtzeitiger verfügbar gewesen wären, hätten Leben gerettet werden können."
Aktualisiert mit Agenturmaterial am Mittwoch, den 3. Dezember.
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand