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Politik

Russland: Die Grenzen der Aufrüstung

Kirill Buketov
29. Januar 2023

Eine vom Kreml angekündigte Reform sieht die Verstärkung der russischen Armee um 350.000 Mann vor. Wie soll so viel neues Militärpersonal rekrutiert, so viel neue Ausrüstung finanziert werden?

Verteidigungsminister Russlands Sergej Schoigu (links), Präsident Wladimir Putin und Generalstabschef Walerij Gerassimow
Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu, Präsident Wladimir Putin und Generalstabschef Walerij Gerassimow (v.l.n.r.)Bild: Alexei Nikolsky/dpa/picture alliance

Russland will seine Armee um weitere 350.000 Soldaten auf 1,5 Millionen Mann aufstocken. Zur Begründung sagte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu jüngst vor seinen Stellvertretern, die "militärische Sicherheit des Staates" sowie der "neuen Subjekte", wie er die von Russland illegal annektierten Gebiete der Ukraine bezeichnet, aber auch die Sicherheit "kritischer Einrichtungen" des Landes könne nur garantiert werden, "wenn die wichtigsten strukturellen Komponenten der Streitkräfte gestärkt werden".

Ihm zufolge soll eine in diesem Jahr beginnende Reform 2026 abgeschlossen werden. In deren Rahmen sollen die ehemaligen Militärbezirke Moskau und Leningrad (das heutige St. Petersburg) wiederhergestellt werden, neue Truppengruppierungen in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine sowie zwölf neue mobile Divisionen geschaffen werden.

Armeekorps in der Region Karelien

Zudem soll ein neues Korps in Karelien gebildet werden. Es soll drei motorisierte Schützendivisionen als Teil der Bodentruppen und zwei Divisionen von Luftlandetruppen umfassen. "Das Korps in Karelien ist eine Antwort auf die Erweiterung der NATO", sagt der israelische Militärexperte David Sharp, der aus der Ukraine stammt. Die russische Region Karelien grenzt an Finnland, das wie Schweden die NATO-Mitgliedschaft beantragt hat.

Russische Rekruten bei der Teilmobilmachung im Oktober 2022Bild: Stringer/AA/picture alliance

Sharp zufolge habe Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine gezeigt, dass die russische Armee zahlenmäßig nicht in der Lage ist, ihren Auftrag zu erfüllen und die Ukraine zu besetzen. Neben der Aufstockung der Armee wolle Moskau auch die Organisation der Truppen ändern. "Die Reform soll den Übergang von Brigaden zu Divisionen beschleunigen, was den Einheiten mehr Autonomie verleiht. Die Veränderungen sind auf langfristige Ziele ausgerichtet, weniger auf die Korrektur der jetzigen Lage an der Front", meint der Experte.

Woher sollen neue Soldaten kommen?

Der wichtigste Punkt der angekündigten Reform - die Aufstockung der Armee um 350.000 Personen - wirft bei Beobachtern allerdings Fragen auf. Mit wem sollen die neuen Einheiten besetzt werden? 

In Russland sind heute alle Männer zwischen 18 und 27 Jahren wehrpflichtig. Pro Jahr werden etwa 270.000 Rekruten im Frühjahr beziehungsweise Herbst zum einjährigen Dienst eingezogen, was nur ein Teil dieser Altersgruppe ist. Durch ein Hochschulstudium oder aber auch durch Bestechung konnten sich bislang viele Männer der Rekrutierung entziehen.

Dabei soll das Wehrpflichtalter von derzeit 18 bis 27 Jahren auf 21 bis 30 Jahre angehoben werden. "Das ist Teil dieser Reform. 18-jährige Rekruten sind noch 'Kinder' und kaum kampffähig, hingegen sind 21- bis 30-Jährige körperlich stärker und haben auch bereits eine Ausbildung, die der Armee nutzen kann", erläutert David Sharp. Er geht davon aus, dass künftig deutlich mehr Wehrpflichtige auch tatsächlich einberufen werden.

In einem ersten Schritt im kommenden Frühjahr soll aber vorerst nur die Obergrenze auf 30 Jahre angehoben werden. Die Anhebung der Untergrenze soll zu einem nicht näher genannten späteren Zeitpunkt erfolgen. Das würde den Kreis derjenigen, die der Wehrpflicht unterliegen, auf fast zwei Millionen Mann erweitern.

Kommt eine weitere Mobilmachung?

Unterdessen reißen die Diskussionen über eine weitere Mobilmachung in Russland nicht ab, zumal der Kreml jüngst bestätigte, dass der Präsidentenerlass, mit dem im September vergangenen Jahres im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine eine "Teilmobilmachung" angeordnet wurde, weiterhin gilt.

Ein russischer Soldat auf ukrainischem Territorium im Dezember 2022Bild: Konstantin Mihalchevskiy/SNA/IMAGO

"Wenn wir über den Verlauf dieses Krieges sprechen, dann kann die angekündigte Reform nur mit einer zusätzlichen Mobilmachung umgesetzt werden. Um die Armee auf 1,5 Millionen Mann zu bringen, müssen Hunderttausende eingezogen werden. Die Zahl der Soldaten ist der einzige Trumpf, den Russland noch hat", meint Sharp.

Der ukrainische Experte Andrij Ryschenko, einst stellvertretender Stabschef der Marine seines Landes, glaubt hingegen, dass eine weitere Mobilmachung in Russland nichts bringt. Ihm zufolge ist der russische Generalstab immer noch mit der Verteilung der Einberufenen aus der ersten Einberufungswelle beschäftigt. "Neue Männer werden nur herumsitzen und nichts tun", so der Experte. Ihm zufolge hat der Kreml bislang erfolglos versucht, die bisherigen Verluste im Krieg durch die letzte Mobilmachung auszugleichen. Auch die Reform werde, so Ryschenko, kurzfristig nichts bringen: "Russland hat seit Beginn des Krieges sehr schwere Verluste erlitten, die ausgeglichen werden sollen. Doch neue Soldaten sind an der Front erst vor dem nächsten Winter zu erwarten."

Kann die Reform finanziert werden?

Die geplante Aufstockung der russischen Armee ist bereits die zweite während des Krieges gegen die Ukraine. Im August 2022 hatte Präsident Wladimir Putin die maximale Stärke um 140.000 Mann erhöht. Zusammen mit den nun geplanten weiteren 350.000 wären dies fast eine halbe Million neuer Soldaten, die mit Waffen und Uniformen ausgestattet werden müssen, was eine enorme Belastung des Staatshaushalts bedeutet.

Kann sich Moskau angesichts des Rückgangs der Öl- und Gaseinnahmen all dies überhaupt leisten? "Diese Reform erfordert viele Ressourcen, nicht nur Geld und Personal. Es wird Ausrüstung und auch eine Infrastruktur für diese 350.000 Mann gebraucht. Zudem müssen Spezialisten ausgebildet werden, die Rekruten anleiten", so David Sharp. Er schließt nicht aus, dass viele neu geschaffene Einheiten nur auf dem Papier existieren oder keine militärische Ausrüstung erhalten werden. "Die Reform erscheint in Bezug auf einen erheblichen Teil ihrer Versprechungen unrealistisch", so Sharp.

Andrij Ryschenko zufolge kostet es rund 80.000 Dollar, einen Soldaten mit allem Notwendigen auszurüsten. Angesichts der hohen Kosten und des Rückgangs der Einnahmen zum Staatshaushalt bezweifelt auch er, dass sich die Reform umsetzen lässt. Ferner weist er darauf hin, dass Russland bei der militärischen Ausrüstung auch auf ausländische Komponenten angewiesen ist. Und im Volk populär sei eine solche Maßnahme sicherlich auch nicht: "Letztlich fehlt bei vielen Russen die Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen", so Ryschenko.

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk

Nach Serbien emigriert vor Putins Krieg

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