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Musik

Paavo Järvi beim Rheingau Musik Festival

Gaby Reucher
1. Juli 2021

Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ist Dirigent Paavo Järvi auf Festival-Tournee. Er zeigt, dass ein Konzert trotz Corona auch lustig sein kann.

Blick in den Konzertsaal mit klassischen Säulen und goldenen Verzierungen.
In kleiner Besetzung: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen beim Rheingau Musik FestivalBild: Gaby Reucher/DW

Der Friedrich-von-Thiersch-Saal im Wiesbadener Kurhaus ist nicht nur bekannt für seine prunkvolle Jugendstil-Ausstattung, sondern auch für die brillante Akustik. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ihrem Chefdirigenten Paavo Järvi ist Stammgast beim Rheingau Musik Festival und spielt in dieser Konzerthalle besonders gerne. "Das ist so ein wundervoller Saal, er gibt dem Klang einen gewissen Glanz und eine besondere Strahlkraft", sagt der Stardirigent aus Estland im Gespräch mit der DW. Tatsächlich hat man als Zuhörer selbst in den hinteren Reihen das Gefühl, ganz nah dabei zu sein.

Der Brahms Code - Teil 1

42:36

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In diesem Saal hat Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen auch seine gefeierte Einspielung von vier Brahms-Sinfonien geprobt und aufgeführt. "Hier ist die beste Akustik für Brahms-Sinfonien, speziell für ein Orchester wie die Deutsche Kammerphilharmonie. Man hat einen schönen natürlichen Widerhall", sagt Järvi.

Die Deutsche Welle hatte die Proben und Aufnahmen von "Der Brahms Code" 2019 in einer TV-Dokumentation begleitet.

Ein Kurhaus mit Flair

Das Kurhaus in Wiesbaden wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Architekten Friedrich von Thiersch im neoklassizistischen Stil entworfen. Florale Jugendstil-Elemente prägen die Verzierungen in den Sälen. "Als das Kurhaus 1907 fertig gestellt wurde, sagte der Kaiser bei einem Besuch in Wiesbaden: 'So einen wunderschönen Ort kann ich mir in Berlin nicht erlauben'", erzählt Festspielleiter Michael Herrmann, der das Rheingau Musik Festival 1987 gegründet hat. Für Kaiser Wilhelm II. soll es das "schönste Kurhaus der Welt" gewesen sein.

Das Kurhaus Wiesbaden beherbergt neben den Konzertsälen heute auch ein SpielcasinoBild: World travel images - Fotolia

Neben der Musik und dem guten Wein des Rhein-Tals sind die historischen Spielstätten ein Markenzeichen des Rheingau Musik Festivals. Wegen der Corona-Pandemie gibt es zurzeit allerdings immer noch gewisse Einschränkungen im Konzertbetrieb. So durfte der Saal nur zur Hälfte besetzt sein, Mundschutz war Pflicht. 

Corona schränkt auch die Musikauswahl ein

Eigentlich hatte beim Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen Sergej Rachmaninows 2. Klavier-Konzert auf dem Programm gestanden. "Das hätten wir alle gerne gespielt", sagt Paavo Järvi, "aber die Bühne war zu klein für die vorgesehene Besetzung". Die Abstandsregeln auch zwischen den einzelnen Orchestermitgliedern hätten nicht eingehalten werden können.

Rachmaninow dirigiert Paavo Järvi gerne und oft. Während des Lockdowns hat sich der Dirigent aber auch ausgiebig mit russischer Konzertliteratur beschäftigt, die selbst russische Orchester kaum spielen. Von bekannteren Komponisten wie etwa Sergei Prokofjew, Dmitri Schostakowitsch oder Krzysztof Penderecki werden längst nicht alle Werke aufgeführt. "Auch von Michail Iwanowitsch Glinka oder von Modest Moussorky gibt es Stücke, die nahezu unbekannt sind im Rest der Welt", sagt Järvi. Wann er mit diesen Stücken auf die Bühne kommt, ist noch unklar. Er hofft, dass sich der Konzertbetrieb Schritt für Schritt weiter öffnet

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gehört weltweit zu den renommiertesten Ensembles DeutschlandsBild: Oliver Reet

Bislang erschweren auch ständige Wechsel bei den Musikern die Proben - doch man kann es auch positiv sehen: "Die Leute sind zur Zeit sehr flexibel. In manchen Wochen müssen wir die Programme immer wieder neu einstudieren, weil die einen nicht reisen dürften und die anderen Angst haben vor neuen Verordnungen der Regierung". Auf diese Weise seien selbst große Orchester flexibel geworden und widmeten sich kammermusikalischen Stücken in kleiner Besetzung.

Publikumsliebling Beethoven

Statt Rachmaninow mit großem Orchester spielte die Pianistin Khatia Buniatishvili mit der Deutschen Kammerphilharmonie Beethovens 1. Klavierkonzert in C-Dur mit dem bekannten Allegro im Schlusssatz. Für Pianisten ist dieses Stück ein Muss, für das Publikum ein Genuss, zumal Khatia Buniatishvili das Konzert mit Leichtigkeit und Präzision präsentierte. Die vielen Läufe über die gesamte Tastatur, die Beethoven verlangt, fordern die Virtuosität und Fingerfertigkeit der Pianisten.

Doch Paavo Järvi schätzt an Buniatishvilis Spiel nicht nur ihr technisches Können. "Sie ist sehr authentisch und transportiert die Poesie der Stücke. Man fühlt sich nicht nur beeindruckt durch die Geschwindigkeit und die Textur." Man merkt, dass Orchester und Solistin bereits ein eingespieltes Team sind. "Gerade bei Beethoven: Das sind Stücke, wo nur bei gleichberechtigten Partnern die beste Musik entsteht", sagt Järvi.

Khatia Buniatishvili liebt es, bei Solo-Konzerten ganz spontan zu agierenBild: Gavin Evans

Die georgisch-französische Pianistin gab schon mit sechs Jahren ihr erstes Orchesterdebüt. 2012 erhielt sie den Echo-Klassik-Preis als "Nachwuchskünstlerin" mit ihrem Album zu Franz Liszt. Khatia Bruniatishvili ist in diesem Jahr beim Rheingau Musik Festival "Artist in Residenz" und wird unter anderem mit ihrer Schwester Gvantsa Buniatishvili noch einen Klavier-Duo-Abend beim Rheingau Musik Festival gestalten.

Strawinskys "Pulcinella" zum Schmunzeln

Zwar musste das Publikum auf Rachmaninows hochvirtuoses Klavierkonzert verzichten, doch Strawinskys Suite aus dem Ballett "Pulcinella" war in der Besetzung Corona-konform. Der russische Komponist Igor Strawinsky hatte die Ballettmusik 1920 bereits für kleines Orchester komponiert. Bei Pulcinella konnte das Orchester, das durch transparenten Klang und Präzision besticht, auch seine komische Seite zeigen.

Strawinsky griff in seiner sogenannten neoklassizistischen Phase unter anderem auf die tänzerische Barockmusik von Giovanni Battista Pergolesi zurück. "Pulcinella ist so ein lebhaftes Stück. Es zeigt Strawinskys Klarheit und Genie, aber zur gleichen Zeit auch seinen Sinn für Humor", sagt Dirigent Paavo Järvi. Igor Strawinsky liebte es, die Zuhörer mit unerwarteten Klängen zu überraschen. Sein berühmtes Werk "Le sacre du printemps" war seinerzeit ein Schock, "Pulcinella" dann die Versöhnung mit dem Publikum. "Bei Strawinsky gibt es sehr lustige Momente. Man fühlt sich nie komfortabel, weil immer eine ironische Wendung kommt, ein lustiger Akzent oder ein Kontrast, der so gar nicht Barock ist", erläutert Järvi. 

Das Ballett "Le Sacre du Printemps" war bei der Uraufführung 1913 ein SkandalBild: picture-alliance/akg-images

Die humoristische Seite des schlauen Harlekins (Pulcinella) hat das Orchester bravourös hervorgehoben, seien es die Streicher bei der Allegro-Variation der "Gavotta" oder die Kontrabässe und die seufzenden Posaunen im lebhaften Duett. Ein Konzert zum Schmunzeln, auch das tut gut in Zeiten der Corona-Pandemie. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen hat die Pulcinella-Suite bei fast allen Konzerten dieser Sommer-Festival-Saison im Gepäck.

Der Brahms Code - Paavo Järvi und Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Teil 2

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