Steht Kuba vor dem Kollaps?
6. Februar 2026
Es scheint wieder die Sonne über Havanna. Mehrere Tage lang hatte eine Kaltwetterfront Polarluft in die Karibik gedrückt. Das sorgte in einigen Gegenden erstmals in der Geschichte des Landes für Temperaturen um den Gefrierpunkt. Aber nicht nur die Kaltluft aus den USA sorgt in diesen Tagen für gedämpfte Stimmung in Kuba.
Nach dem Angriff der USA auf Kubas engsten Verbündeten Venezuela und der Entführung von Staatschef Nicolás Maduro hat Caracas seine Öllieferungen auf die Insel eingestellt. Ende Januar stufte US-Präsident Donald Trump Kuba als "außergewöhnliche Bedrohung für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten" ein und drohte allen Staaten mit Strafzöllen, die Kuba weiter mit Öl oder Ölprodukten beliefern.
Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel hatte noch vor kurzem die Maßnahmen als "faschistisch, kriminell und völkermörderisch" angeprangert. Mittlerweile erklärt er, Kuba sei zu Gesprächen mit den USA "ohne Vorbedingungen" bereit. Gleichzeitig beharrt Díaz-Canel darauf, dass sein Regime nicht "nahe am Scheitern" sei, und kündigte Einzelheiten an, um den Energiesektor zu stärken.
"Trump ist verrückt"
"Trump ist verrückt, er will uns unbedingt die Luft zum Atmen abschnüren. Und der andere ist noch fanatischer, wenn es um Kuba geht", sagt Aleida, die in Havanna eine Privatunterkunft betreibt, in Anspielung auf den kubanisch-stämmigen US-Außenminister Marco Rubio. Dieser gilt als maßgeblicher Treiber der Politik des "maximalen Drucks" gegen Venezuela und Kuba. "Wir können nur abwarten, was noch passieren wird", sagt Aleida. Aus ihrem Gesicht spricht Besorgnis.
"Manchmal denke ich, dass er (Trump, Anm. d. Red.) angreifen wird, und manchmal, dass er uns nicht ertrinken lässt, um sich dann als der Gute darzustellen", sagt die 21-jährige Staatsangestellte Rachel und schiebt hinterher, dass sie erwartet, dass das tägliche Leben nun noch schwieriger wird.
"Trump schadet uns einfachen Leuten, nicht der Regierung", sagt Ramón. Der Mittsechziger lebt als Taxifahrer vom Tourismus, der im vergangenen Jahr weiter eingebrochen ist. Benzin gibt es mittlerweile nur noch gegen Devisen und nach Stunden in der Warteschlange an den sogenannten Dollar-Tankstellen. Die Stromabschaltungen von zehn bis 15 Stunden sind mittlerweile auch in Havanna an der Tagesordnung. Das Land produziert nur noch knapp 40 Prozent der benötigten Strommenge. Ansonsten aber geht das Leben in Havanna auch nach Trumps Zolldrohung seinen gewohnten Gang.
Das stellt auch Bert Hoffmann, Lead Researcher am GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien, fest, der sich gerade in Havanna aufhält. "Ich erlebe ein großes Abwarten. Es gibt sehr viel Krisen-Normalität, ein weiter so. Die Stromabschaltungen haben zugenommen, Benzin ist knapper geworden, aber alles relativ graduell. Es ist weiter Verkehr auf den Straßen", so Hoffmann. Es sei aber eine trügerische Normalität, weil das Land "keine Aussicht hat, Öl ins Land zu bekommen."
Zeitenwende in Caracas
Seit dem 3. Januar sei alles anders, sagt Hoffmann. Seitdem ist Venezuela als wichtigster Öllieferant Kubas ausgefallen. Der zweitwichtigste Lieferant Mexiko setzte seine für Januar geplanten Öllieferungen nach Kuba aus. Seit dem 9. Dezember hat kein Schiff mit Öl mehr in Kuba angelegt.
Im Januar hat Kuba eine Tankerladung auf dem sogenannten Spotmarkt eingekauft. Das Schiff aus Togo, das am 4. Februar in Kuba eintreffen sollte, änderte aber auf hoher See seinen Kurs Richtung Dominikanische Republik. Man könne davon ausgehen, dass dies auf Druck der USA geschehen ist, so Hoffmann. "Das heißt, selbst wenn Kuba Öl kaufen kann, kommt es nicht an." Das gelte auch für mögliche Lieferungen aus Algerien, Angola, China oder Vietnam. "Ich würde im Moment davon ausgehen, dass die USA sehr viel hineinstecken, das zu verhindern", so Hoffmann. "Wahrscheinlicher scheint, dass Kuba auf absehbare Zeit kein Öl ins Land bekommt. Und das ist brutal."
Experten schätzen, dass Kubas aktueller Ölbedarf bei rund 100.000 Barrel Rohöl pro Tag (bpd) liegt. Ein Viertel bis ein Drittel davon hing bislang von Venezuela ab. Mexiko lieferte 2025 geschätzte 6000 bis 12.000 bdp, Russland und Algerien kleinere Mengen.
"Es gibt Gerüchte, dass im Februar schon kein Öl mehr da ist", sagt Rachel. "Jetzt sind wir im Februar." Sie hofft, dass vielleicht weniger verbraucht wurde und das Öl noch etwas länger reicht.
Zwar hat Kuba in den vergangenen beiden Jahren mit chinesischer Unterstützung massiv in den Ausbau von Solarparks investiert, aber die können den Strombedarf bei Weitem nicht decken. Die Stromversorgung im Land hängt weiter an den havarieanfälligen Wärmekraftwerken sowjetischer Bauart. Das heißt, Kuba ist dringend auf Energieimporte angewiesen. Das eigene Schweröl, das rund 40 Prozent des Bedarfs deckt, kann nicht zu Benzin verarbeitet werden und wird nur für die Kraftwerke eingesetzt.
Niemand weiß, wie lange das verfügbare Öl noch reicht, so Hoffmann. Die Financial Times sprach Ende Januar noch von 15 bis 20 Tagen. Die Konsequenzen seien aber in jedem Fall fatal. "Im Grunde ist es eine Frage von x Wochen, bis kein Benzin mehr da ist. Und wenn kein Benzin mehr da ist, dann kommt nicht nur der Tourist nicht vom Strand zum Flughafen, sondern auch die Lebensmittel vom Land nicht in die Stadt", betont der GIGA-Experte.
Hoffmann erwähnt eine deutsche Firma, die in Kuba medizinischen Sauerstoff für Krankenhäuser produziert. "Wenn der Laster kein Benzin hat, kommt der Sauerstoff nicht ins Krankenhaus und die Leute sterben." Und wenn keine Lebensmittel mehr transportiert werden können, werde es Hunger geben.
Mexiko kündigte die Sendung von humanitärer Hilfe noch in dieser Woche an. Man lote zudem auf diplomatischem Wege aus, was an Öllieferungen möglich ist. Mexiko ist wirtschaftlich stark abhängig von den USA, sodass der Spielraum begrenzt ist. Und mit den in Kürze beginnenden Neuverhandlungen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens hat Trump einen zusätzlichen Hebel gegen das Nachbarland in der Hand.
Kontakte, aber kein Dialog
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hat sich auch als Vermittlerin für mögliche Gespräche zwischen Washington und Havanna angeboten, obwohl gar nicht klar ist, was verhandelt werden soll. Bei einer Senatsanhörung im Januar hat US-Außenminister Rubio keinen Hehl daraus gemacht, dass er einen Regimewechsel anstrebt.
Anders als Venezuela hat Kuba weniger einen wirtschaftlichen als einen hohen symbolischen Wert. Die Karibikinsel steht für den Widerstand gegen die Monroe-Doktrin und den Vormachtanspruch der USA in der westlichen Hemisphäre. "Das ist eine offene Rechnung", so Hoffmann. "In Washington haben sie das Gefühl, dass sie wirklich alle Hände an der Gurgel haben und jetzt der Moment ist, wo Kuba kapitulieren muss, was immer das im Einzelnen heißt." Daher sei es schwer vorstellbar, "auf welche Punkte sich die kubanische Führung mit Trump und Rubio einigen könnte".
Trump versicherte in den vergangenen Tagen, dass seine Regierung in Gesprächen mit der kubanischen Führung sei. Die dementierte: Es gebe Kontakte, aber keinen Dialog. Kubas stellvertretender Außenminister Carlos Fernández de Cossio erklärte am Dienstag in einem Interview mit der spanischen Nachrichtenagentur EFE, dass "Botschaften ausgetauscht" worden seien, betonte jedoch, dass "es falsch wäre zu sagen, dass bilaterale Verhandlungen vorbereitet werden". Havanna hat sich wiederholt öffentlich zu Gesprächen mit den USA "auf Augenhöhe" bereiterklärt.
Angesichts des Öl-Embargos räumte de Cossio ein, dass sein Land "begrenzte Optionen" habe. Er kündigte einen Notfallplan an, der "in den nächsten Tagen" der Bevölkerung mitgeteilt werde. Dieser werde "schwierig für die Regierung und sehr schwierig für die Bevölkerung insgesamt".
Unterdessen machte der russische Botschafter in Kuba, Viktor Koronelli, eine klare Ansage. Wie Reuters meldete, unterstrich der Diplomat im Interview mit der russischen Agentur RIA Novosti, Moskau plane Kuba weiterhin mit Öl zu beliefern. "Russisches Öl wurde in den letzten Jahren mehrfach nach Kuba geliefert. Wir gehen davon aus, dass diese Praxis fortgesetzt wird", so Koronelli.