Steht Tigray am Rande eines neuen Krieges?
28. Februar 2026
Das Flüchtlingslager Tsehaye in der äthiopischen Region Tigray war einst eine der öffentlichen Schulen der Stadt Shire. Nun dienen die Klassenzimmer als Zuflucht für Familien, die in den baufälligen Räumen unter den noch immer dort hängenden Tafeln schlafen. In dem staubigen ehemaligen Schulhof reiht sich Zelt an Zelt.
Vor einer dieser notdürftigen Unterkünfte sitzt eine Mutter von drei Kindern, die nicht namentlich genannt werden will. Als der Krieg 2020 ausbrach, wurde sie zum ersten Mal vertrieben. Nachdem der Konflikt 2022 nach zwei Jahren durch das Abkommen von Pretoria offiziell beendet worden war, versuchte sie, in ihr Dorf im Westen von Tigray zurückzukehren. Dieser Teil der Region ist noch immer von amharischen Streitkräften besetzt.
Doch ihr Land war von anderen besetzt worden, ein Neuanfang dort war unmöglich. Vor acht Monaten floh sie erneut und kehrte nach Shire zurück. Ihr Ehemann, erzählt sie, war verhaftet worden, "weil er Tigray ist". Nach seiner Entlassung folgte die Familie ihm in den Norden.
"Ich würde gerne in Frieden leben, nach Hause zurückkehren und wie früher mein Land bestellen", sagt sie. "Es ist sehr schwer, so mit meinen Kindern zu leben."
Leben unter schwierigen Bedingungen
Tausende in Tsehaye teilen ihre Ängste. In ganz Tigray leben noch immer etwa 800.000 Vertriebene, die nicht in ihre Heimat, insbesondere im Westen der Region, zurückkehren können. Ihre ungelöste Lebenssituation ist zu einer der Hauptursachen für die Spannungen zwischen der Region und der Regierung in Addis Abeba geworden.
Das Leben im Flüchtlingslager ist hart. Lebensmittelzuteilungen gibt es nur unregelmäßig. Medikamente sind knapp. Nachdem im vergangenen Jahr die Hilfsleistungen gekürzt wurden, haben sich die humanitären Bedingungen verschlechtert. Um zu überleben, sind die Familien auf kleine Lebensmittelrationen und informelle Solidaritätsnetzwerke angewiesen.
"Jeden Monat werden neue Unterkünfte errichtet, weil neue Vertriebene ankommen", berichtet Hagos Gebremichael, der Koordinator des Lagers. Noch immer kommen Familien aus dem Westen Tigrays und aus dem Sudan, wohin viele während des Krieges geflohen waren, hier an.
Er selbst lebte früher im Westen der Region. "Früher führte ich dort ein normales Leben", erzählt er. "Jetzt lebe ich hier ohne Unterstützung, ohne Arbeit, ohne alles. Wenn mich niemand zurück nach Hause mitnimmt, werde ich hier nicht sterben. Ich würde eher versuchen, zurückzukehren, auch wenn es mich mein Leben kostet."
Kämpfe zwischen TDF und ENDF
Ende Januar brachen in Tselemti im Westen Tigrays erneut Kämpfe aus zwischen den Äthiopischen Streitkräften ENDF und den Tigray Defense Forces (TDF). Und auch in der Nähe der südlichen Grenze zur Region Afar, wo seit langem territoriale Streitigkeiten bestehen, sollen bewaffnete Kämpfer aufeinander losgegangen sein.
Während der Zusammenstöße kamen Berichten zufolge auch Drohnen zum Einsatz. Dies erinnert an die Taktiken während des Konflikts von 2020 bis 2022. Wenn die politischen Spannungen weiter eskalieren, könnten sich diese lokal begrenzten Auseinandersetzungen ausweiten, warnen Sicherheitsexperten.
Mitte Februar forderte der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union "sofortige Maßnahmen, um einen drohenden Krieg zu verhindern". Etwa zur selben Zeit rief der äthiopische Außenminister Eritrea öffentlich auf, seine Truppen aus den umkämpften Gebieten abzuziehen und drohte seinerseits mit Maßnahmen.
Während des Krieges von 2020 bis 2022 kämpften eritreische Streitkräfte Seite an Seite mit dem äthiopischen Militär gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), doch mittlerweile haben sich die Beziehungen zwischen Addis Abeba und Asmara verschlechtert. Das Misstrauen wird vertieft durch Vorwürfe der Einmischung und wechselnde regionale Allianzen.
Im Internet zirkulierende Videos scheinen erhebliche Truppenbewegungen in der Nähe der Grenze zu zeigen. Zwar leugnen Vertreter der Tigray, eine formelle Allianz mit Eritrea eingegangen zu sein, sie warnen jedoch auch, dass sie sich, sollte das Friedensabkommen scheitern, verteidigen würden. Das könnte zu einer Neuordnung alter Frontlinien führen.
Tigray bereiten sich auf einen Konflikt vor
Jede neuerliche Auseinandersetzung zwischen Äthiopien und Eritrea würde sich vermutlich auf dem Gebiet von Tigray abspielen. Die jüngsten Spannungen haben bereits Auswirkungen auf die Bewegungsfreiheit in der gesamten Region. Ende Januar wurden Flüge nach Tigray aufgrund von Militäroperationen, darunter auch Drohnenangriffe durch die Regierung, für fünf Tage ausgesetzt. Viele Menschen flohen daraufhin aus der Region.
"Die jüngsten Spannungen haben viele Menschen schockiert", sagt der Manager eines Busunternehmens in Shire, der anonym bleiben möchte. "Viele haben versucht, Tigray zu verlassen, weil sie fürchteten, wie während der vorherigen Blockade in der Falle zu sitzen." Busse nach Addis Abeba füllten sich schnell.
In der regionalen Hauptstadt Mekelle ist die Angst weniger offensichtlich, doch auch hier durchdringt sie alles. Vor den Banken bilden sich lange Schlangen. An den abgedunkelten Bildschirmen der Geldautomaten lassen sich nur kleine Geldsummen abheben. Fahrer kaufen das benötigte Benzin auf dem Schwarzmarkt. Verschiedene Waren sind aus den Regalen der Geschäfte verschwunden, während andere angesichts der anhaltenden Inflation unerschwinglich geworden sind. Die Wasserversorgung der Stadt funktioniert nur hin und wieder.
Seife arbeitete früher als Touristenführer, nun schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs in der Stadt durch. "Der Mangel an Bargeld macht das Leben extrem schwierig", klagt er. "Die Unternehmen wollen Bargeld, weil sie sich auf Banküberweisungen nicht mehr verlassen können. Alles läuft über Cash."
Nachdem sich die jüngsten Spannungen in Auseinandersetzungen entluden, kehrte die Angst schnell zurück, meint er. "Der zerbrechliche Frieden, den wir haben, könnte zusammenbrechen. Es könnte wieder zu einem Krieg kommen."
Unsicherer Frieden
Der Krieg von 2020 bis 2022, in dem zahlreichen Schätzungen zufolge rund 600.000 Menschen starben und der von schweren Menschenrechtsverletzungen und mutmaßlichen Kriegsverbrechen geprägt war, endete formell mit dem Abkommen von Pretoria. Wichtige Vereinbarungen dieses Friedensabkommens wurden jedoch noch immer nicht umgesetzt.
Die territoriale Integrität Tigrays ist weiterhin nicht wiederhergestellt. Der Westen und Teile des Südens der Region befinden sich noch unter amharischer Kontrolle. Eritreische Truppen halten währenddessen weiterhin Stellungen im Norden. Auch die Entwaffnungs- und Wiedereingliederungsprozesse sind noch nicht abgeschlossen.
Für den 1. Juni sind landesweite Wahlen geplant, doch die TPLF ist von der Wahl ausgeschlossen. Erst vor einigen Tagen entzog das äthiopische Bundeshaus, das Oberhaus des äthiopischen Parlaments, angesichts der bevorstehenden Wahlen der Verwaltungsaufsicht von Tigray fünf Bezirke. Beamten vor Ort zufolge hat dies die Spannungen weiter verschärft.
Vor diesem Hintergrund schüren die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea die Befürchtungen, dass Tigray wieder einmal zum Schauplatz von Auseinandersetzungen werden könnte.
In der Nähe des Denkmals und Museums der Märtyrer von Mekelle schneidet Berhane, einer der städtischen Gärtner, die Hecken zurück und wässert die Blumenbeete. An diesem heißen Nachmittag ist der Platz um das Denkmal nahezu menschenleer. "Wir werden sehen, ob ein neuer Krieg ausbricht", sagt er. "Ich wurde hier geboren, hier will ich leben. Aber ich befürchte, dass die Dinge sich zum Schlechteren entwickeln."
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.