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"Stinksauer" - DW-Nutzer über das Leben in Russland

Nik Martin
30. August 2026

Der wirtschaftliche Druck in Russland steigt und offiziellen Umfragen zufolge scheint sich die Stimmung bei den Menschen zu verschlechtern. Die DW hat ihre Nutzer gefragt, wie sie die Lage im Land sehen.

Spaziergänger im Zaryadye-Park bei Sonnenuntergang. Im Hintergrund sind die Umrisse des Spasskaja-Turms des Kremls und der Basilius-Kathedrale zu sehen.
Viele Social-Media-Nutzer der DW zeichnen ein düsteres Bild vom Leben in RusslandBild: Pavel Bednyakov/AP Photo/dpa/picture alliance

In Russland macht sich der Treibstoffmangel im Alltag bemerkbar, Gehälter und Löhne stellen immer weniger Menschen zufrieden, die Aussichten, sich beruflich zu entwickeln, sinken weiter. Zukunftspläne werden durch kurzfristige Bewältigungsstrategien ersetzt, während die Unruhe weiter wächst.

Selbst große russische Umfrageinstitute, darunter die staatlichen Institute VCIOM und FOM, aber auch das unabhängige Lewada-Zentrum, verzeichnen eine deutliche Verschlechterung der öffentlichen Stimmung. Der Kreml jedoch beharrt darauf, dass die Lage stabil bleibe. Die DW hat ihre Social-Media-Nutzer gebeten, ihre Geschichten zu teilen. Aus Sicherheitsgründen wurden alle Antworten anonymisiert.

"Selbst wenn es Treibstoff gibt, ist die Warteschlange 50 bis 100 Autos lang"

Ein DW-Nutzer aus dem Moskauer Stadtteil Petschatniki beschreibt, wie er kürzlich spät nachts auf der Suche nach einer geöffneten Tankstelle etwa 40 Kilometer durch die Stadt fuhr. "Wenn man überhaupt eine Tankstelle findet, an der es Benzin gibt, steht davor eine Schlange mit 50 oder 100 Autos", berichtet er. "Wir beschlossen, nicht bis 3 oder 4 Uhr morgens zu warten, nur um dann direkt zur Arbeit zu fahren, also fuhren wir nach Hause, um zu schlafen. Unser Tank ist jetzt nur noch halb voll, Ende der Woche müssen wir uns also auf die Suche nach Benzin machen oder das Auto stehen lassen. In letzter Zeit sind wir mit dem Auto nur noch zur Datsche oder zu unseren betagten Eltern gefahren."

"Mittlerweile muss man sich nachts auf die Suche nach Benzin machen. Nicht immer hat man Glück. Oft gibt es überhaupt kein Benzin und wenn, musst du zwei bis drei Stunden warten", berichtet ein anderer DW-Abonnent.

Treibstoffmangel in Russland: Warteschlange an einer Tankstelle in MoskauBild: Anastasia Barashkova/REUTERS

Der durch ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien ausgelöste Treibstoffmangel ist zu einem der wichtigsten Gründe für die öffentliche Unzufriedenheit geworden. Daten des Portals BenZinMap zufolge, das die Verfügbarkeit von Treibstoff abbildet, kam es bis zum 27. August in 66 Regionen zu starken Einschränkungen der Verfügbarkeit. In 16 weiteren Regionen kam es zu lokalen Beeinträchtigungen oder starken Preisanstiegen.

Alexander Schochin, Präsident des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes RSPP, erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal RBC, die Raffineriekapazität sei um nahezu ein Drittel gefallen, eine Einschätzung, die von unabhängigen Beobachtern geteilt wird. Der Regierung ist es nicht gelungen, diese Lücke durch Maßnahmen wie Exportverbote, gesteigerte Importe oder die Senkung von Kraftstoffstandards zu schließen.

Daten der staatlichen russischen Statistikbehörde Rosstat zufolge sind die Preise an den Tankstellen in diesem Jahr um durchschnittlich 7,4 Prozent angestiegen und liegen damit über der allgemeinen Inflationsrate von 4,19 Prozent. Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich jedoch regional stark voneinander abweichende Preise. An den Tankstellen großer Ölkonzerne sind die Preissteigerungen relativ moderat, vor ihnen bilden sich lange Warteschlangen. Unabhängige Tankstellen verlangen dagegen deutlich höhere Preise, die die Haushaltskassen entsprechend belasten.

Doch Anzeichen für Panikkäufe gibt es kaum. Die Autofahrer scheinen sich daran zu gewöhnen, dass es nur unregelmäßig Kraftstoff gibt. "Der Treibstoff ist knapp, aber bislang hält sich St. Petersburg wacker", meint ein DW-Nutzer. "Die Versorgung mit Treibstoff ist immer wieder unterbrochen, aber im Moment ist die Situation besser, auch wenn es nicht überall Treibstoff gibt", sagt ein anderer.

"Arbeit zu finden wird immer schwieriger"

Amtlichen Statistiken zufolge ist die Arbeitslosigkeit in Russland außergewöhnlich niedrig. Rosstat meldet ein Rekordtief von 2,2 Prozent. Doch diese Zahl ist irreführend. Bei Jobbörsen wie hh.ru und SuperJob hat die Zahl der eingestellten Lebensläufe stark zugenommen, während die Zahl der Stellenangebote sinkt. Die Unzufriedenheit unter Arbeitnehmenden scheint also zu steigen, gleichzeitig stehen ihnen immer weniger Alternativen zur Verfügung. 

Auch die Löhne steigen langsamer. Unternehmen in angeschlagenen Branchen wie der Autoindustrie und dem Bergbau schicken ihre Angestellten immer öfter in Kurzarbeit oder Zwangsurlaub. Mehrere DW-Nutzer berichten von einem angespannten Arbeitsmarkt.

"Eine neue Stelle zu bekommen wird immer schwieriger. Es gibt keine Jobangebote und die Jobs, die es gibt, sind entweder schlecht bezahlt oder die Arbeitszeiten sind lang und anstrengend", schreibt ein Nutzer.

"Verzögerungen bei der Gehaltsauszahlung führen zu Schwierigkeiten bei der Abzahlung von Krediten", klagt ein anderer. "Den ganzen Sommer habe ich für nur zwei Drittel meines Gehalts gearbeitet. Davon kann ich Lebensmittel und das Fitnessstudio bezahlen, mehr aber auch nicht", bemängelt ein weiterer. Ein vierter fügt hinzu: "Viele Branchen sind von Entlassungen betroffen. Die Zeit der hohen Gehälter ist vorbei. Und das Leben ist unfassbar viel teurer geworden als vor 2022."

Die Unzufriedenheit hat auch höhere Büroangestellte erreicht. Ein IT-Experte aus St. Petersburg beschreibt, wie sich die Arbeitswelt verändert hat: "Es gibt keine plötzlichen wirtschaftlichen Erschütterungen, nur einen langsamen Niedergang, der sich jetzt schon über zehn Jahre hinzieht. Die Jobaussichten sind schlecht und eine neue Position zu finden, wird extrem schwierig."

DW-Nutzer klagen über steigende Preise in ganz RusslandBild: Erik Romanenko/TASS/dpa/picture alliance

Ein 54jähriger Unternehmer aus Moskau erinnert sich an die Zeiten vor Russlands Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022, als er eine Dienstleistungsfirma für Bekleidungsmarken aus dem Westen führte. Nachdem wichtige Kunden abgesprungen waren, musste er sein Unternehmen schließen. Später startete er ein neues Unternehmen, das in Zentralasien und Bangladesch Bekleidung für den russischen Online-Markt produzierte. Dank steigender Verbrauchereinkommen wuchs das Unternehmen schnell, doch mit zunehmendem wirtschaftlichem Druck verschlechterten sich die Bedingungen.

"Zunächst stiegen die Verkaufszahlen stärker als erwartet, aber auch dieses Unternehmen wurde vom Strudel der aktuellen politischen Entwicklungen mitgerissen, von der Isolation und der wirtschaftlichen Instabilität", erläutert der Unternehmer. "Die Einnahmen brachen komplett ein. Und nicht nur uns geht es so. Die Menschen sparen an fast allem."

Keine Pläne für die Zukunft

In den Antworten an die DW dominiert das Fehlen positiver Zukunftsperspektiven. Den Äußerungen der Befragten ist zu entnehmen, dass sie sich nicht auf einen einmaligen Schock vorbereiten, sondern auf eine lange Phase der Stagnation oder des Niedergangs.

"In unserer Region sind die Veränderungen noch nicht sehr ausgeprägt", schreibt eine Frau aus Sachalin, einer Insel im fernen Osten des Landes. "Die Preise steigen natürlich, aber im Großen und Ganzen hat man das Gefühl, die Menschen leben wie zuvor. Die Veränderungen, die ich persönlich im Alltag am meisten spüre, betreffen das Internet. Viele Menschen aus meiner persönlichen Bubble haben Russland verlassen, aber das ist schon seit 2022 der Fall. Auch wir haben unseren Sohn in ein anderes Land geschickt."

Wo sich die Zukunft nur schlecht planen lässt, steht das tägliche Überleben im Vordergrund. "Kraftstoffmangel, Drohnenangriffe…. Kleine Reisen in die Türkei sind unbezahlbar geworden", schreibt ein weiterer Nutzer. "Die Menschen planen nicht mehr, sie heben ihr Bargeld ab, kaufen US-Dollar. Es gibt keine Hoffnung auf eine schöne Zukunft oder einen Machtwechsel. Jeder lebt nur für den aktuellen Tag. Der Alkoholkonsum hat spürbar zugenommen, selbst in Moskau."

Neben Angst und Apathie wird in zahlreichen Antworten auch die zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung deutlich. Die Menschen ziehen sich in immer enger werdende Kreise zurück und meiden breitere Debatten.

"Die Menschen sind stinksauer und schieben die Schuld für ihre Probleme auf den Westen. Das Leben ist viel ärmer geworden, langweiliger und gefährlicher als vor dem Krieg", merkt ein Nutzer an. "Die Menschen ziehen sich entweder zurück oder beenden jede Unterhaltung über das Leben und den Krieg umgehend. Es gibt fast niemanden, der so tut, als sei alles in Ordnung."

"Es geht nicht nur um Kraftstoff oder das Internet. Es ist die Veränderung in den Menschen", schreibt eine Frau, die im Gesundheitswesen arbeitet. "Da ist so eine innere Angst, eine tief reichende Verärgerung, selbst unter denen, die nichts verstehen und nichts wissen wollen. Aber alle sehen die Preise. Das macht den Menschen Angst. Innere gesellschaftliche Tabus schwinden. Die Intelligentsia hat ihren Glanz verloren, ihre kulturelle Fassade."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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