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HandelNahost

Auch ein Friedensabkommen wird die Energiekrise nicht lösen

Nik Martin
7. Juni 2026

Selbst wenn die USA und der Iran ein Friedensabkommen aushandeln: Die Wiedereröffnung der Straße von Hormus und die Wiederherstellung der Energieinfrastruktur wird Monate oder Jahre in Anspruch nehmen, warnen Experten.

Der US-Zerstörer USS Rafael Peralta fängt einen iranischen Öltanker im Arabischen Meer ab, während einzelne Sonnenstrahlen aus einem wolkenverhangenen Himmel aufs Meer treffen.
Eine Meerenge als Waffe: Die Straße von Hormus zeigt, wie sehr die Welt von der Golfregion abhängig istBild: US Navy/Planet Pix/ZUMA/picture alliance

An diesem Sonntag währt der Iran-Krieg schon hundert Tage und allmählich setzt sich eine tröstliche, aber trügerische Hoffnung durch: Wenn die Straße von Hormus nur schnell wieder geöffnet würde, werden die Energiepreise rapide sinken und die im Golf gestrandeten Öl- und Gastanker endlich wieder den Golf verlassen.

So sehr sich Politiker, Unternehmer und Investoren auch an diesen Gedanken klammern - führende Vertreter der Ölindustrie, der Schifffahrtsbranche und der Wirtschaft gehen vom genauen Gegenteil aus. Selbst wenn Frieden einkehren sollte, könnten die Energiemärkte und globalen Lieferketten keineswegs umgehend wieder zur Normalität zurückkehren, warnen sie. Die Nachwirkungen könnten noch viele weitere Monate oder gar Jahre zu spüren sein.

Amin Nasser ist Hauptgeschäftsführer von Saudi Aramco, dem größten Erdölproduzenten der Golfstaaten. Im vergangenen Monat sagte er zu Investoren, es würde "Monate dauern bis sich der Markt wieder im Gleichgewicht befindet". Würde die Blockade auch nur einige Wochen länger anhalten, würde "eine Normalisierung bis 2027 dauern".

Trotz der brüchigen Waffenruhe und den wiederholt gescheiterten Friedensgesprächen verkehrt noch immer nur ein Bruchteil der gewohnten Zahl an Schiffen durch die schmale Meerenge zwischen Iran und Oman. Die Preise für Rohöl verharren auf etwa 30 Prozent über dem Vorkriegsniveau und führen zu deutlich erhöhten Preisen für Benzin, Diesel und Dünger. Diese Zusatzkosten treiben die Inflation weltweit in die Höhe und beeinträchtigen die Lieferketten. Die Lebensmittelpreise weltweit steigen, weil Düngemittel, bei deren Herstellung Erdgas eine wichtige Rolle spielt, für Landwirte teurer werden.

Wiedereröffnung mit Unterbrechungen

Nach einem Friedensabkommen müssten die Reedereien erst wieder ausreichend Vertrauen entwickeln, um ihre Besatzungen in die Golfregion zurückzuschicken, betonen Experten. Dies könnte eine Beobachtungsphase von 30 bis 45 Tagen bedeuten. Zudem müssten Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz vor vereinzelten Angriffen auf Schiffe getroffen werden, darunter auch internationale Marinepatrouillen.

Schiffseigner und Besatzungen seien noch immer ausgesprochen vorsichtig, weil die Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus weitergingen, sagte Chevron-Chef Mike Wirth am 29. Mai zur Nachrichtenagentur Bloomberg. Allein in der vergangenen Woche seien mehrere Schiffe getroffen worden. Eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus wäre vermutlich ein Prozess mit vielen Unterbrechungen, fügte er hinzu.

"Es bedarf nur eines Angriffs auf ein Schiff, um die große Mehrheit abzuschrecken", sagt Neil Crosby vom Marktforschungsunternehmen Sparta Commodities zur DW. Mittlerweile hätten die Reedereien ihre Einnahmen aus der Golfregion durch andere Schiffsfahrten ersetzt: "Warum also das Risiko eingehen?" Die Prämien für Kriegsrisiken bei Durchfahrten durch die Straße von Hormus sind bei Lloyd's of London, dem weltweit führenden Markt für Seeversicherungen, dramatisch in die Höhe geschnellt. Auch nach der am 8. April in Kraft getretenen Waffenruhe verharren sie auf einem hohen Niveau.

Ist die Meerenge erst einmal gesichert, müssen die im Golf gestrandeten Schiffe diesen unbehelligt verlassen, während andere Schiffe von entlegeneren Häfen, einige davon auf der anderen Seite des Globus, sich auf den Weg zur Straße von Hormus machen, um neue Ladung aufzunehmen. "Dieser Vorgang könnte acht Wochen oder mehr in Anspruch nehmen, je nachdem wie lange die einzelnen Schritte dauern", warnt Crosby.

Sicherheitsprüfungen verzögern Wiederinbetriebnahme

Die Schäden an der Energieinfrastruktur in den Golfstaaten werden zu weiteren Verzögerungen führen. Dutzende Ölfelder, Pipelines, Raffinerien und LNG-Anlagen wurden getroffen. Die Kosten für ihre Wiederherstellung wurden im April laut Beratungsunternehmen Rystad Energy auf 21,7 bis 50,3 Milliarden Euro geschätzt.

Am schwersten beschädigt wurde die riesige Flüssigerdgasanlage Ras Laffan in Katar. Iranische Luftschläge legten dort 17 Prozent der LNG-Kapazitäten des Landes lahm. Drei bis fünf Jahre könnten die Reparaturen bis zur vollständigen Wiederherstellung der Anlage dauern, warnen katarische Regierungsvertreter.

In Katar wurde die LNG-Anlage Ras Laffan stark durch iranische Luftangriffe beschädigtBild: Maneesh Bakshi/AP Photo/picture alliance

Außerdem könnten LNG-Produzenten noch Jahre damit verbringen, Vertragsstreitigkeiten wegen ausgebliebender Lieferungen beizulegen, und Auftragsrückstände könnten sich bis in das kommende Jahr auf die Frachtpläne auswirken, erklärten Juristen gegenüber S&P Global Energy Platts, einem führenden Anbieter von Referenzwerten für Energie- und Rohstoffpreise. Dazu zählten auch strittige Forderungen aufgrund "höherer Gewalt", also rechtliche Erklärungen, wonach der Krieg die versprochene Lieferung von Flüssigerdgas unmöglich gemacht habe.

Auch anderen Energieanlagen stehen wochen- oder monatelange Reparatur- und Wartungsarbeiten bevor. Allein schon, weil es Komplikationen aufgrund der langen Produktionspausen gibt und umfassende Sicherheitsprüfungen durchgeführt werden müssen. In den seit März stillstehenden Produktionsstätten hat sich Druck aufgebaut, es gibt Ablagerungen und es muss auf Korrosion geprüft werden. Das erfordert gründliche Inspektionen und eine vorsichtige Wiederinbetriebnahme, um Unfälle zu vermeiden. Zudem waren Ersatzteile schon vor dem Krieg knapp. 

Ölreserven gehen zur Neige

Crosby erwartet bis zum Sommer außerdem noch ein "Lagerbestandsproblem", weil andere Sektoren des globalen Ölmarkts vorübergehend Abhilfe für die Versorgungsengpässe aus der Golfregion geschaffen haben. So haben die Vereinigten Staaten ihre Ölförderung seit Kriegsbeginn auf Rekordhöhe gesteigert. China hat stärker auf eigene strategische Ölreserven zurückgegriffen und seine Importe von Rohöl um 3,5 Millionen Barrel täglich gesenkt. Auch die Mitgliedsstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) haben auf ihre Ölreserven zurückgegriffen.

Diese Maßnahmen sind jedoch nicht von Dauer. Die Ölvorräte der USA erreichen in den nächsten Monaten voraussichtlich ein gefährlich niedriges Niveau, während China bald seine Importe wiederaufnehmen muss und mit dem Rest der Welt erneut um begrenzte Vorräte konkurrieren wird. IEA-Chef Fatih Birol warnte im vergangenen Monat, dass der Ölüberschuss vor dem Krieg dazu beigetragen habe, den ersten Schock abzufedern, der Ölmarkt aufgrund sich leerender Bestände jedoch im Juli oder August in eine "kritische Phase" eintreten könnte.

"Sobald [die Ölvorräte] zur Neige gehen, sind höhere Preise unausweichlich. Nur höhere Preise können die Nachfrage wirklich eindämmen", sagt Crosby zur DW. Der Ölpreis könne sich verdoppeln, warnt er, und dann stünden wir vor einer weltweiten Rezession.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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