Straße von Hormus: Was würde Öffnung für Afrika bedeuten?
17. Juni 2026
Die Aussicht auf ein mögliches Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran sorgt weltweit für Optimismus an den Finanz- und Rohstoffmärkten. Im Zentrum steht die Straße von Hormus – eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, auch und vor allem für Ostafrika. Durch die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman wird ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Erdöls transportiert. Jede Krise in der Region treibt die Energiepreise nach oben, jede Entspannung wirkt preisdämpfend.
Am Freitag wollen USA und Iran eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Sollte anschließend auch das von US-Präsident Donald Trump angekündigte Abkommen tatsächlich zustande kommen und die Straße von Hormus wieder vollständig für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet werden, würde die Menschen in Afrika davon besonders entlastet. Viele Volkswirtschaften des Kontinents leiden besonders stark unter importierter Inflation bei Energie, Düngemitteln und Lebensmitteln - genau jene Bereiche, die von den Spannungen am Persischen Golf besonders betroffen waren.
Ein mögliches US-Iran-Abkommen käme für viele afrikanische Staaten daher einem Konjunktur- und Ernährungspaket gleich. Die größten Gewinner wären energie- und düngerabhängige Importländer in Ostafrika, Nordafrika und der Sahelzone. Auch afrikanische Fluggesellschaften könnten sich wieder Luft verschaffen. Ölproduzenten wie Nigeria, Angola oder Algerien könnten dagegen deutlich weniger profitieren, sagen Experten im Gespräch mit der DW.
"Die beste Nachricht für Afrika seit Langem"
Besonders groß ist die Hoffnung in Ostafrika. Dort verfolgen Regierungen, Unternehmen und Verbraucher die Berichte über eine mögliche Einigung zwischen Washington und Teheran mit großer Aufmerksamkeit.
"Das ist die beste Nachricht für Afrika seit Langem", sagt Samuel Nyandemo, Wirtschaftsprofessor an der Universität Nairobi, der bedeutendsten Hochschule der ostafrikanischen Region.
Aus seiner Sicht würde eine Wiederöffnung der Straße von Hormus weit über die Energieversorgung hinauswirken. "Sobald die Route geöffnet wird, erwarten wir eine einfache Mobilität von Waren und Dienstleistungen", sagt Nyandemo. Afrikanische Exporte nach Europa und Asien könnten wieder ohne Umwege transportiert werden, Lieferketten würden sich stabilisieren und Transportkosten sinken.
Gerade die gestiegenen Frachtkosten hätten viele Volkswirtschaften zuletzt schwer belastet. "Durch die Störung dieser Route sind die Transportkosten stark gestiegen, weil wir nun längere Umwege fahren müssen", erklärt der Ökonom.
Ostafrika besonders stark betroffen
Das gilt insbesondere für Länder wie Kenia, Äthiopien und Tansania sowie ihre Nachbarn: "Während westafrikanische Staaten und Südafrika auf andere Routen ausweichen können, sind wir in Ostafrika hauptsächlich auf diese Route angewiesen", sagt Nyandemo. Das betreffe insbesondere Energieimporte, Düngemittel und bestimmte Lebensmittel.
Die Abhängigkeit ist erheblich. Nach Schätzungen internationaler Handelsbeobachter passieren rund 26 Prozent der kenianischen Düngemittelimporte die Straße von Hormus. Im Sudan liegt der Anteil sogar bei mehr als der Hälfte. Gleichzeitig wird rund ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln über die Region abgewickelt.
Besonders sichtbar seien die Folgen in der Landwirtschaft geworden. In Kenia hätten vor allem Exporteure von Blumen, Gemüse und anderen Gartenbauprodukten unter den gestiegenen Transportkosten gelitten.
"Wir haben große Verluste im Agrarsektor erlitten", sagt Nyandemo. Gleichzeitig hätten die höheren Importkosten die Inflation auf den lokalen Märkten angeheizt. Die Folgen reichen nach seiner Einschätzung weit über einzelne Branchen hinaus. "Wenn die Treibstoffpreise sinken, bremst das die Inflation - sei es im Transport, in der Produktion oder bei Lebensmitteln."
Gerade für viele afrikanische Staaten ist Energie ein zentraler Inflationstreiber. Höhere Diesel- und Benzinpreise verteuern Transporte, Stromproduktion, Landwirtschaft und Industrie zugleich. Entsprechend stark könnten sinkende Ölpreise auf Verbraucherpreise durchschlagen.
Wenn Wirtschaftspolitik zur Innenpolitik wird
In Kenia haben die gestiegenen Energiepreise inzwischen auch politische Auswirkungen, die bis hin zu Staatschef William Ruto reichen. "Die Menschen leiden darunter, und auch der Präsident leidet politisch", sagt Nyandemo. Die Regierung müsse zusätzliche Mittel für Treibstoffsubventionen bereitstellen, was den Staatshaushalt belaste und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung erhöhe.
Hinzu kommt die Bedeutung des Exportsektors. Kenia gehört weltweit zu den wichtigsten Exporteuren von Schnittblumen sowie zu den bedeutenden Tee- und Kaffeeproduzenten Afrikas. Die Umleitung von Handelsrouten habe die Kosten für Exporteure zusätzlich erhöht.
Trotz der positiven Erwartungen mahnt der Professor zur Vorsicht. "Wir werden uns erst beruhigen, wenn das Abkommen offiziell unterzeichnet ist." Bislang seien viele Details unbekannt.
Ölproduzenten könnten Einnahmen verlieren
Während die meisten afrikanischen Importländer profitieren würden, stellt sich die Lage für große Erdölexporteure differenzierter dar. Für Angola, Nigeria oder Algerien bedeuten sinkende Ölpreise tendenziell geringere Staatseinnahmen.
"Wenn die Straße von Hormus wirklich geöffnet würde, würden die Importe wieder günstiger werden, was für Konsumenten und Unternehmer positiv wäre", sagt Heitor de Carvalho, Direktor des Wirtschafts-Forschungszentrums der renommierten Lusíada-Universität in Luanda. Auch die Inflation würde sinken und vor allem ärmere Bevölkerungsschichten entlasten.
Kurzfristig überwiegen für Angola aus seiner Sicht jedoch die Nachteile. "Für Angola zählen vor allem die Einnahmen aus den Erdölexporten", sagt de Carvalho. Selbst wenn günstigere Importe die Inflation dämpften, profitiere der Staat kurzfristig stärker von hohen Ölpreisen. "Daher wäre der Gesamteffekt einer Öffnung der Straße von Hormus - vor allem kurzfristig - eher negativ."
Weniger Öl, mehr Diversifizierung?
Langfristig bewertet der angolanische Ökonom die Lage jedoch deutlich anders. "Unser eigentliches Problem ist die übermäßig große Rolle, die die Gewinne aus den Erdöleinnahmen spielen", sagt de Carvalho. Hohe Ölpreise verstärkten strukturelle Ungleichgewichte und machten notwendige Reformen oft weniger dringend.
Für viele afrikanische Rohstoffexporteure ist das sogenannte Ressourcen-Paradox seit Jahrzehnten ein Problem: Hohe Einnahmen aus Öl, Gas oder Mineralien fördern zwar kurzfristig Wachstum, erschweren aber häufig den Aufbau wettbewerbsfähiger Industrien und anderer Wirtschaftssektoren. "Langfristig sollten wir das Gewicht des Öls in unserer Wirtschaft zugunsten anderer Produkte reduzieren", fordert de Carvalho.
Sein Fazit fällt deshalb überraschend aus: Was kurzfristig geringere Staatseinnahmen bedeuten könnte, wäre langfristig womöglich ein Schritt in Richtung einer widerstandsfähigeren Wirtschaft. "Langfristig wäre auch für die Erdölländer Angola oder Nigeria eine Öffnung der Straße von Hormus sehr zu begrüßen."
Hoffnung auf Friden und niedrigere Preise
Für viele afrikanische Länder ist die Rechnung vergleichsweise einfach: Fallen die Energiepreise, sinken Transportkosten, Düngemittel werden günstiger und der Druck auf Lebensmittelpreise lässt nach.
Noch ist das angekündigte Abkommen jedoch nicht unterzeichnet. Ob aus den diplomatischen Signalen tatsächlich ein tragfähiger Friedensvertrag wird, bleibt offen.