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Studie "Ängste der Deutschen 2025": Viele Ängste lassen nach

18. September 2025

Steigende Lebenshaltungskosten bereiten den Deutschen weiter am meisten Sorgen. Doch trotz Ukraine-Krieg, Inflation und Donald Trump sinkt der Durchschnittswert der gemessenen Ängste spürbar.

Hände an einem Portemonnaie mit Kreditkarten und einigen Euro-Scheinen
Bleibt der Alptraum vieler Deutschen: dass die Geldscheine durch gestiegen Preise nicht lange in der Börse bleibenBild: Patrick Pleul/dpa/picture alliance

Mutlos, zögerlich und sehr vorsichtig. Dazu extrem auf Sicherheit bedacht, plus eine gehörige Portion Furcht vor der Zukunft - das ist es, was man international unter "German Angst" versteht. Dazu passt, dass zahlreiche Studien zur Angst nur in Deutschland durchgeführt werden.

Das gilt auch für die Studie "Die Ängste der Deutschen 2025" des Infocenters der R+V Versicherung, die zum 34. Mal die Sorgen der deutschen Bevölkerung genauer unter die Lupe nimmt. Das erstaunliche Ergebnis der aktuellen Befragung, an der 2.400 Menschen teilgenommen haben: Die Ängste der Deutschen sinken - und das trotz weltweiter Krisen und einer angespannten ökonomischen Lage.

Die Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Philipps-Universität Marburg, Isabelle Borucki, begleitet die Studie als Beraterin. Sie sagt der DW: "Dies kann eine Art Aufatmen nach vielen Krisenjahren bedeuten. Zudem liegt der Fokus der Menschen momentan auch weniger auf Zukunftsängsten, sondern vielmehr im Hier und Jetzt. Zwar sind die Ängste in Bezug auf die Wirtschaftslage oder die Lebenshaltungskosten nach wie vor hoch, aber die Menschen fühlen sich nicht mehr so betroffen wie zuvor."

Unter den ersten vier Ängsten gleich drei zum Thema Geld

Nach wie vor sorgt die meisten Deutschen, dass ihr Geld wegen höherer Preise an der Supermarktkasse, Tankstelle oder bei der Stromrechnung am Monatsende nicht mehr ausreicht. Wie im Vorjahr und zum 15. Mal insgesamt belegt die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten Platz Eins im Ängste-Ranking, die Inflation bleibt das ultimative deutsche Schreckgespenst.

Überhaupt Geld - unter den vier größten Ängsten der Deutschen befinden sich noch zwei weitere monetäre Themen, die vielen Menschen schlaflose Nächte bereiten: die Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen sowie die Furcht vor unbezahlbarem Wohnraum.

"Das Thema ist besonders brisant, weil sich bei den Wohnkosten und dabei insbesondere bei den Mieten, aber eben auch bei den Nebenkosten fürs Wohnen wie Heizung und Strom wenig Entspannung zeigt", sagt Borucki. Bei künftigen Wahlkämpfen könnte der bezahlbare Wohnraum zum sozialpolitischen Thema Nummer Eins werden. "Es ist einfach zentral, dass die Menschen beim sozialen Wohnungsbau, bei der Beschleunigung von Genehmigungsverfahren und überhaupt der Ermöglichung von mehr bezahlbarem Eigentum sichtbare Fortschritte sehen."

Migration macht weiter vielen Angst - vor allem im Osten

Zwischen den finanziellen Ängsten auf Platz Zwei: die Furcht vor einer Überforderung des Staates durch Geflüchtete, vor allem im Osten Deutschlands. Dabei ging die Zahl der Asylanträge im ersten Halbjahr 2025 mit knapp 73.000 um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück, auch weil schon die Ampel-Regierung aus SPD, Grünen und FDP die Asylgesetze verschärft hatte und die neue Regierung aus Union und SPD verstärkt die Grenzen kontrolliert.

Die Erklärung von Politikwissenschaftlerin Borucki: Es gehe nur vordergründig um eine konkrete Zuwanderungspolitik und deren Maßnahmen.

"Es geht um die gesellschaftliche Identität, um die Frage, was ist eigentlich ein kulturelles Miteinander und was man unter Zugehörigkeit versteht. Das Thema der Geflüchteten wird quasi darübergelegt. Hinzu kommt natürlich, dass die Sorge vor Zuwanderung durch rechtspopulistische oder rechtsextremistische Narrative politisch leicht instrumentalisierbar ist und instrumentalisiert wird."

Angst, so Borucki, sei ein grundsätzliches, existenzielles Gefühl. "Insofern sind wir hier in einer emotionalen und weniger in einer faktenbasierten Ebene unterwegs."

Unzufriedenheit mit Politikern und Politikerinnen immer noch groß

Nur eines macht den Deutschen mehr Sorgen als im Vorjahr: dass weltweit autoritäre Herrscher immer mächtiger werden. Sicherlich auch ein Resultat der Amtsübernahme von US-Präsident Donald Trump. 

In der Rangliste belegen die Ängste vor autoritären Herrschern und speziell vor der Politik von Trump die Plätze 5 und 6. Apropos Politiker: Wäre die Angststudie eine Schule, hätten Politiker und Politikerinnen aus Regierung und Opposition mit einer Durchschnittsnote von 3,8 gerade so die Versetzung geschafft - immerhin eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahreswert von 4,0.

"Es ist kein Grund, sich zu feiern, weil nach wie vor mehr als die Hälfte der Bevölkerung nur ein 'Ausreichend' verteilt. Das zeugt nach wie vor von einer tiefen Unzufriedenheit. Und insofern bekommt die Politik ein Zeugnis mit einer ernsthaften Mahnung." Dies gelte insbesondere für die amtierende Regierung, sagt Borucki: "Das Vertrauen, dass die Regierung Merz die Bevölkerung professionell und gut durch Krisen führt, ist im Moment nicht sichtbar. Insofern ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen."

"Der Rückgang der Angstwerte ist keine Entwarnung und kein Grund, sich zurückzulehnen" - Isabelle Borucki von der Philipps-Universität MarburgBild: R+V Versicherung

Angst vor Klimawandel hat trotz Naturkatastrophen an Schrecken verloren

Bei den Ängsten nur noch unter ferner liefen rangieren dagegen die Sorgen vor Naturkatastrophen und dem Klimawandel auf den Plätzen 15 und 16 - und das trotz der weltweit steigenden Zahl an Naturkatastrophen, Überflutungen, Waldbrände und Dürren. Doch im bundesdeutschen Wahlkampf spielte der Klimaschutz nur eine Nebenrolle und hat zudem bei der neuen Regierung nicht unbedingt Priorität.

Das Umweltthema sei aus der politischen Agenda Deutschlands verdrängt worden und habe etwas an Mobilisierungskraft verloren, auch weil die Grünen nicht mehr in der Regierung seien, konstatiert Borucki.

Dies könne sich aber durch Ereignisse wie die Überschwemmungen im Ahrtal 2021 auch schnell wieder ändern. Bei den jungen Befragten von 14 bis 19 Jahren gehört die Furcht vor dem Klimawandel zu den Top-3-Ängsten.

Dafür umso überraschender: Die vielfach beklagte Spaltung der Gesellschaft und Polarisierung flößt den Deutschen nicht mehr so viel Furcht ein. Der Wert sank um neun Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Keine andere Angst ging so weit zurück.

Die Spaltung sei zum Alltag geworden, erklärt Isabelle Borucki: "Die Menschen haben sich an einen Krisenzustand und eine konfliktbeladene Öffentlichkeit gewöhnt. Es ist also ein gewisses Maß an Spaltungsmüdigkeit eingetreten, sodass man Spaltungszustände als einen Dauerzustand akzeptiert und annimmt."

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