DW: Herr Lindel, warum suchen Sie denn gerade in den Meeren?
Thomas Lindel: Im Meer gibt es beispielsweise sesshafte Tiere, die leben auf Riffen und das sind damit Organismen, die eine exklusive Klasse von Substanzen produzieren können.
DW: Warum müssen sie die produzieren?
Thomas Lindel: So ein Riff kann man sich vorstellen als Brennpunkt des Lebens. Es gibt auf engstem Raum eine Vielzahl von Organismen und die sind auf die Chemie als Mittel der Verteidigung und der Kommunikation angewiesen.
DW: Welche Tiere sind das?
Thomas Lindel: Unter sesshaften Tieren kann man beispielsweise Schwämme finden, Korallen, auch Moostierchen. Algen dagegen gehören natürlich nicht zu den sesshaften Tieren.
DW: Da sind also jede Menge Lebewesen, die sich ordentlich verteidigen müssen. Wie viele Substanzen hoffen Sie denn zu finden da unten im Meer?
Thomas Lindel: Insgesamt sind so etwa 25.000 Einzelsubstanzen bisher charakterisiert worden über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren. Und unter Einzelsubstanz meint man nicht ein Extrakt und auch keine Fraktion, das sind Gemische, sondern eine chemisch reine Verbindung nach einer vollständigen Reinigung.
DW: Das klingt relativ einfach, so als würden Sie sagen, ich hol mir da eine Koralle und extrahiere dann den Stoff daraus. Ist es tatsächlich so leicht oder ist es eher eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen?
Thomas Lindel: Es ist natürlich eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich hatte schon gesagt, 25.000 bekannt. Das bedeutet, dass man natürlich auch bekannte Verbindungen findet und man wird spektroskopisch untersuchen müssen, ob eine isolierte Verbindung neu ist oder nicht. Der Aufwand, der dahinter steckt, der steckt zum guten Teil in der Reinigung der Substanz. Ich würde mal schätzen so um die 80 %, und 20 % der Zeit geht dann in die Strukturaufklärung, wenn man Glück hat.
DW: Und wie viel von diesen Stoffen sind tatsächlich in der Medizin gelandet?
Thomas Lindel: Das Bild ist, wenn man die Zahl hört, eher ernüchternd. Wir haben es mit vier exklusiv marinen Naturstoffen zu tun, die bisher in der Klinik zugelassen sind. Etwa vier weitere sind ganz nah dran, in der klinischen Phase 3. Die stammen aus verschiedenen Quellen, also bspw. aus einer Kegelschnecke. Die benutzt eine Harpune, harpuniert einen Fisch und muss dafür sorgen, dass der Fisch sich danach nicht mehr bewegt, also paralysiert ist und diese Conotoxine, die man dann isoliert hat, eignen sich für die Schmerztherapie. Da ist eine Verbindung aus diesem Bereich zugelassen.
DW: Aber vier oder ein paar mehr Verbindungen - das klingt doch danach, als ob Sie in Ihrem Forscherleben verdammt viel Geduld bräuchten.
Thomas Lindel: Das ist in der Tat so, man muss aber dazu sagen, dass es unterhalb einer klinischen Zulassung natürlich auch noch die Rolle eines Naturstoffes als molekulares Werkzeug gibt. Das heißt, man kann bestimmte Prozesse in der Zelle blockieren, und auch so etwas zu finden, wäre schon ein großer Erfolg.
DW: Und welche Vorteile haben jetzt diese natürlichen Stoffe gegenüber dem, was wir sonst per Chemie bekommen, den künstlich synthetisierten?
Thomas Lindel: Kurz gesagt, sie sind durch die Evolution optimiert. Sie sind beispielsweise für die Wechselwirkungen mit Proteinen und Nukleinsäuren bestens geeignet. Von der Ausstattung unterscheiden sich selbst die Meeresorganismen nicht viel vom Menschen, auch wenn hier natürlich andere Proteine vorkommen.
DW: Wunderbar, haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Herr Lindel.
(Interview: Ingolf Baur)
