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Politik

Sudan: Auf wessen Seite steht das Militär?

8. April 2019

Massenproteste im Sudan: Vieles deutet darauf hin, dass sich die Armee im Sudan mit den Demonstranten solidarisiert. Wenn sich das bewahrheitet, könnte es für Präsident Omar al-Baschir eng werden.

Sudan Anti-Regierungsproteste in Khartum
Bild: Getty Images/AFP

Im Sudan kommt es offenbar zu einem Schulterschluss zwischen den Demonstranten und der Armee. Tausende Menschen hatten sich am Sonntag, am zweiten Tag in Folge, vor dem Hauptquartier der sudanesischen Streitkräfte in der sudanesischen Hauptstadt Khartum versammelt und dort den Rücktritt von Präsident Omar al-Baschir gefordert. Im Militär sehen sie offenbar einen Verbündeten.

"Der Sudan erhebt sich, die Armee erhebt sich", sangen Medienberichten zufolge die vor dem Armee-Komplex versammelten Demonstranten, und: "Wenn die Armee hier ist, haben wir keine Angst!"

Das Vertrauen zum Militär scheint begründet. Als Sicherheitskräfte die Menge auseinander treiben wollten, stellten sich ihnen Soldaten entgegen. "Militärische Einheiten schützten die Teilnehmer des Sit-Ins, als die Polizei den Protest gewaltsam aufzulösen versuchte", berichtete einer der Teilnehmer der spanischen Nachrichtenagentur EFE.

Kein Ende der Proteste

Auch in den sozialen Netzwerken finden sich Berichte über ein Zusammengehen von Armee und Bevölkerung.

Für diesen User hat der Zusammenschluss zwischen Demonstranten und Militär ein emotionales Moment:

Am Montagmorgen setzten sich die Proteste fort. Laut Augenzeugen fuhren Agenten des Geheimdienstes Niss und Bereitschaftspolizisten vor, um die Menge mit Tränengas auseinander zu treiben. Auch dieses Mal stellten sich nach Augenzeugenberichten Soldaten vor die Demonstranten und gaben Warnschüsse ab.

Junge Militärs kennen nur einen Präsidenten

Schon der Beginn der Proteste am Samstag, dem 6. April, war symbolträchtig. Am 6. April 1985 begann der Aufstand, der zum Sturz des damaligen Präsidenten Jaafar al-Nimeiri führte. Der hatte sich 1969 an die Macht geputscht - mit Hilfe eben jenes Militärs, das ihn 16 Jahre später zum Rücktritt zwang und die Macht an die gewählte Regierung unter Sadiq al-Mahdi übergab. Dessen Amtszeit währte bis 1989, als er vom jetzigen Präsidenten Munir al-Baschir gestürzt wurde.

Auch bei diesen beiden Regierungswechseln seien die Militärs beteiligt gewesen, sagt der Politikberater und Sudan-Experte Tobias Simon. "Damals hatten sich vornehmlich jüngere Offiziere auf Seiten der Demonstranten geschlagen." Bei den derzeitigen Unruhen wisse man zwar noch nicht, welche Teile des Militärs mit den Demonstranten sympathisierten. "Aber man kann vermuten, dass es wieder Offiziere der jüngeren Generation sind", so Simon im Gespräch mit der DW.

Masse und Macht: Demonstranten auf dem Weg zum Hauptquartier der Armee in KhartoumBild: Getty Images/AFP

Soldaten, die jetzt zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, hätten keinen anderen Politiker an der Staatsspitze erlebt als Omar al-Baschir, so Simon weiter. Vermutlich teilten sie den politischen Unmut der Bevölkerung. "Die Proteste im Sudan werden häufig als Brot-Proteste abgetan, die sich gegen die Verteuerung von Brot und Benzin richten. Aber eigentlich geht es doch um Freiheits- und Menschenrechte. Und so sind es vermutlich eher jüngere Offiziere, die sich auf Seiten der Demonstranten geschlagen würden."

Eigener Korpsgeist

Im sudanesischen Militär, schreibt der in Khartoum lehrende Politikwissenschaftler Atta el-Battahani in einer Analyse für das norwegische "Chr. Michelsen Institute", habe sich über viele Jahre ein eigener Korpsgeist entwickelt. "Dieser, symbolisiert vor allem durch die nationale Uniform, setzte sich über alle ethnischen und konfessionellen Unterschiede hinweg." Der Korpsgeist zeichne sich zudem durch Distanz zur Zivilgesellschaft aus, die in den Augen der Militärs für zahlreiche der derzeitigen Probleme verantwortlich ist. 

Omar al-Baschir versuchte seine durch einen Putsch herbeigeführte Herrschaft durch Berufung auf den Islam zu legitimieren. Darum verpasste er der sudanesischen Gesellschaft einen konfessionellen Anstrich. Auch das Militär habe er in diese Richtung drehen wollen, so El-Battahani. Diesem Versuch hätten sich zumindest weite Teile der Armee nicht angeschlossen. Das habe Al-Baschir dazu veranlasst, das Militär zugunsten der Geheimdienste zu schwächen. "Diese Entwicklung ließ es dann unsicher erscheinen, welche Rolle das Militär bei einem künftigen Machtwechsel spielen würde."

Politisch in Bedrängnis: Präsident Omar al-BaschirBild: Reuters/M. Nureldin Abdallah

Neue Phase des Machtkampfs?

Diese Rolle scheint sich nun zu klären. Auf den Schulterschluss, den die Bevölkerung anbietet, gehen zumindest Teile des Militärs ein. Das sehen Teilnehmer vor Ort so.

"Das Bild zeigt den Geist der Armee", schreibt dieser Nutzer. "Das Militär hat sich zwischen die Demonstranten und die Truppen des Schattens gestellt."

Letztlich, sagt Tobias Simon, vertrete das Militär keine eindeutige Ideologie. "Eher ist es ein Spiegel der Bevölkerung. In dieser Eigenschaft handelt es auch." Und es scheint, als seien zumindest große Teile der Armee entschieden, sich auf die Seite der Bevölkerung zu stellen. "Wenn sich diese Annahme bewahrheitet", so Simon, "könnte die Armee zum entscheidenden Faktor in dem Machtkampf werden."

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika