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KonflikteSudan

Sudan: Immer mehr Berichte über Massaker und sexuelle Gewalt

13. November 2025

Aus der sudanesischen Stadt Al-Faschir werden immer mehr Gräueltaten berichtet. Die arabisch geführten Paramilitärs der RSF stehen unter Verdacht, gezielt gegen schwarze Menschen vorzugehen.

Die Hand eines verletzten sudanesischen Geflüchteten wird behandelt
Die Hand eines verletzten sudanesischen Geflüchteten wird behandeltBild: Mohamed Jamal/REUTERS

Gut zwei Wochen ist es her, dass die so genannten Rapid Support Forces (RSF) die Stadt Al-Faschir im Westen des Sudans erobert haben. Seitdem häufen sich Berichte über Massenmorde, ethnische Gewalt, Entführungen und sexuelle Übergriffe. Zeugen berichten Medienagenturen, dass Menschen gezielt aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit angegriffen werden.

Die RSF befinden sich seit April 2023 im Krieg gegen die regulären sudanesischen Streitkräfte (SAF). Entzündet hatte sich der Konflikt am Unwillen des obersten Kommandanten der RSF, Mohammed Hamdan Daglo, genannt Hemeti, seine paramilitärischen Einheiten in die SAF zu integrieren. Die RSF gehen aus den sogenannten Dschandschawid hervor, die der 2019 gestürzte Machthaber Omar al-Baschir einst gegründet hatte. Die Dschandschawid sind verantwortlich für viele Menschenrechtsverbrechen während des Darfur-Konflikts um die Jahrtausendwende. 

Es sei ja nicht das erste Mal, dass die Öffentlichkeit Zeuge der Massaker in der Großstadt Al-Faschir werde, sagt Hager Ali, Sudan-Expertin des GIGA-Instituts für Globale und Regionale Studien. "Aber das Ausmaß der Brutalität hat schon ein neues, schockierendes Level erreicht. Die Gewalt und Brutalität der RSF sind so weit fortgeschritten, dass im Grunde jeder bedroht ist, der sie nicht enthusiastisch genug unterstützt, sich nicht anschließen möchte, der irgendeinem Kämpfer im Weg steht. Es braucht keinen Befehl oder keine Befehlskette mehr, um diese Gewalt in Gang zu setzen."

Schätzungen zufolge hätten in den vergangenen Tagen bis zu 90.000 Menschen Al-Faschir verlassen, sagt Kelly Clements, stellvertretende Hochkommissarin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, im Gespräch mit der DW. "Die Menschen kommen mit absolut nichts. Sie sind zutiefst traumatisiert. Sie tragen Wunden." Rund 87 Prozent der Flüchtlinge, die nach Tschad kämen, seien Frauen und Kinder. "Das liegt über dem Durchschnitt." Die meisten Frauen und Mädchen seien angegriffen oder Opfer sexueller Gewalt geworden, so Kelly. 

Kämpfer der Rapid Support Forces feiern die Einnahme von Al-Faschir, November 2025Bild: Rapid Support Forces/AFP

"Die Rapid Support Forces hatten von Anfang an taktische Fortschritte auf dem Schlachtfeld größer und wichtiger dargestellt, als sie tatsächlich sind", erläutert Expertin Ali die Hintergründe der Brutalität. "Daher liegt die Annahme nahe, dass sie nach ihrer Niederlage in Khartoum die Einnahme von Darfur groß inszenieren und eine einschüchternde Nachricht an die SAF schicken wollen."

Zudem gehe es um die Rohstoffe des Landes wie etwa Gold und das vielseitige Akazienharz Gummi arabicum, so Ali weiter: "Die Berichte mehren sich, dass die RSF diese Ressourcen an den Landesgrenzen zu exportieren versuchen. So finanzieren die RSF auch ihre eigene Regierung, die sie gerade aufzubauen versuchen."

Verdacht auf Massenverhaftungen und Massaker

Die Indizien, dass in oder um Al-Faschir massenhaft Menschen verhaftet oder getötet wurden, haben sich in letzter Zeit verdichtet. So berichtete das Humanitarian Research Lab (HRL) der Yale School of Public Health dieser Tage, es habe an mehreren Stellen "Objekte" identifiziert, "die wie Leichen aussehen". Diese Beobachtungen deckten sich mit Berichten über Hinrichtungen und Ermordungen von Menschen, die versucht hätten, die Stadt zu verlassen. Zudem habe Yale HRL mehrere glaubwürdige Berichte über Massenmorde in Al-Faschir in sozialen Medien und öffentlich zugänglichen Quellen gefunden.

Auch das Center for Information Resilience (CIR) berichtet von verifizierten Aufnahmen von Massenverhaftungen und Tötungen nordwestlich von Al-Faschir. Die Vorfälle ereigneten sich entlang einer gemeinsamen Route, die Zivilisten auf ihrer Flucht von Al-Faschir in die rund 320 Kilometer westlich gelegene Stadt Gurnei nutzten.

Vorwurf: "demografische Säuberung"

Auch habe man mehrere Indikatoren für konfliktbezogene sexuelle Gewalt registriert, berichtet das CIR. Zwar seien bislang keine Aufnahmen sexueller Gewalt bekannt. Doch gäben verschiedene Beobachtungen "Anlass zur Sorge um die Frauen in Al-Faschir."

Bereits Mitte September warnte die Organisation Sudan War Monitor vor der zunehmend ausufernden Gewalt in Darfur. Sie berichtete damals von einem gezielten Drohnenangriff auf die Al-Safiya-Moschee in Darfur exakt zur Zeit des Freitagsgebets: "Die Morde in Safiya haben die Befürchtung verstärkt, dass die RSF-Kampagne nicht nur einen militärischen Sieg, sondern auch eine demografische Säuberung anstrebt." Auch von systematischem Aushungern wird immer wieder berichtet.

Schwierige Friedensbemühungen

Am Dienstag traf sich der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty mit dem sudanesischen Armeechef General Abdel-Fattah Burhan in Port Sudan. Offiziellen Berichten zufolge wies Abdelatty noch einmal auf den Friedensplan hin, den die USA, Ägypten, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im September vorgelegt hatten. Dieser sieht eine dreimonatige humanitäre Waffenruhe vor, gefolgt von einem neunmonatigen politischen Prozess. Die RSF erklärte vergangene Woche, sie stimme der humanitären Waffenruhe des Quartetts zu. Die Armee erklärte, sie begrüße den Vorschlag, werde ihm aber nur zustimmen, wenn sich die RSF aus zivilen Gebieten zurückziehe und ihre Waffen abgebe.

Eine aus Al-Faschir geflohene Sudanesin in einem Flüchtlingslager in Tawila im Süden der Provinz Nord-DafurBild: Mohammed Jamal/REUTERS

Ob das internationale Engagement den Krieg wirklich zu beenden vermag, sei zweifelhaft, sagt Hager Ali: "Leider ist das Einzige, das Menschen vor Ort akut schützen könnte, militärische Gegengewalt. Zum Beispiel Pufferzonen und bewaffnete Eskorten, um Zivilistinnen und Zivilisten tatsächlich evakuieren zu können." Sanktionen und Embargos seien zwar sehr wichtig. "Aber sie brauchen eine sehr lange Zeit, um zu wirken. Und für den Einsatz der African Stand-by Force oder für einen Blauhelm-Einsatz braucht es ein Mandat des UN-Sicherheitsrats. Und da kann natürlich Russland sein Veto einlegen. Im Moment sieht es also sehr schwierig aus."

Sudan: Hinrichtungen vor laufender Kamera durch RSF-Miliz

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Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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