Alkoholverbot in Syrien: Es geht um mehr als nur Bier
25. März 2026
Alkohol soll in weiten Teilen von Damaskus fortan nicht mehr zu kaufen sein. So haben es die Behörden der syrischen Hauptstadt vor einigen Tagen beschlossen. Bars und Restaurants, die dort seit Jahrzehnten Alkohol ausgeschenkt haben, dürfen dies nun nicht mehr. Alkohol kann nur noch in verschlossenen Flaschen und ausschließlich zum Mitnehmen in wenigen, mehrheitlich christlichen Vierteln erworben werden.
Das Verbot des Alkoholverkaufs ist im Nahen Osten nicht ungewöhnlich: Praktizierende Muslime sollen keine berauschenden Substanzen konsumieren. Christen hingegen ist dies erlaubt. Entsprechend befinden sich Bars und Spirituosengeschäfte häufig in christlich geprägten Vierteln. Für Damaskus ist ein solches Verbot allerdings untypisch: Zwar existieren seit Jahren Vorschriften, doch wurden diese bislang nur begrenzt durchgesetzt - auch darum, weil das Assad-Regime Säkularismus über religiöse Normen stellte und gesellschaftliche Vielfalt zumindest in dieser Hinsicht duldete. Wie es nun weitergeht, ist offen.
Entsprechend heftig fällt die aktuelle Debatte aus. "Die Nachricht war überraschend und beunruhigend zugleich", sagte die Medienproduzentin Angela Alsahwi. Damaskus habe stets für Offenheit und Vielfalt gestanden; nun gehe es "nicht nur um das Getränk selbst, sondern um die Wahlfreiheit" - und damit um eine grundsätzliche Frage, wie sich die Stadt künftig verstehe.
Kritik und gesellschaftliche Spannungen
Neben grundsätzlichen Einwänden verweisen Kritiker auch auf wirtschaftliche Folgen: Die Schließung von Bars und Restaurants dürfte zahlreiche Arbeitsplätze kosten, zudem könnte der ohnehin schwache Tourismus weiter leiden - ein Bereich, der für viele Familien eine wichtige Einnahmequelle darstellt.
Besonders umstritten ist, dass der Verkauf nun nur noch in christlichen Viertel möglich sein soll. Kritiker sehen darin eine politische Markierung gesellschaftlicher Unterschiede und eine Verstärkung sektiererischer Trennlinien.
"Diejenigen, die diese Entscheidung getroffen haben, verstehen das soziale Gefüge Syriens nicht", sagt die Aktivistin Roba Hanna. "Nicht alle Christen trinken Alkohol. Zugleich gibt es Muslime, die das durchaus tun." Die Gleichsetzung von Alkoholkonsum mit einem Verstoß gegen die öffentliche Moral stigmatisiere einen Teil der Bevölkerung und verschiebe die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen.
Auch die christliche Sozialministerin Hind Kabawat äußerte sich: Die christlichen Viertel seien keine Orte für Alkohol. Vielmehr stellten sie das Herz von Damaskus dar. Die Formulierung lässt sowohl Distanz zum Alkoholkonsum erkennen, zugleich aber auch den Anspruch der Christen auf Zugehörigkeit zur syrischen Gesellschaft.
Die Behörden begründeten das Verbot mit Beschwerden von Anwohnern. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass viele der betroffenen Bars seit Jahrzehnten existieren und Teil des städtischen Alltags und seiner kulturellen Mischung sind.
Gleichzeitig gibt es auch Zustimmung. "Wir sind ein Land mit muslimischer Mehrheit", schrieb ein Nutzer in sozialen Medien. Der Verkauf von Alkohol passe nicht in den öffentlichen Raum; die Entscheidung schütze die Zukunft der Kinder. Andere sehen darin einen notwendigen Schutz vor westlichen Einflüssen und vor einem als moralisch problematisch empfundenen Lebensstil.
Wieder andere halten die Debatte angesichts der wirtschaftlichen Not für zweitrangig. Für Viele gehe es derzeit vor allem darum, ihre Familien zu ernähren und in einem weiterhin fragilen Alltag Stabilität zu finden.
Mehr als nur eine Alltagsregel
Einige Beobachter warnen jedoch, dass es um mehr gehe als um die Frage, ob ein Konsumgut verkauft werden dürfe oder nicht. Die Debatte berühre grundlegende Fragen von Regierungsführung, gesellschaftlichen Werten und dem Verhältnis von Religion und Staat - und damit die künftige Ordnung des Landes.
Tatsächlich steht das Verbot nicht isoliert. In den vergangenen Monaten gab es mehrere Maßnahmen, die sich auf "öffentliche Moral" berufen: Empfehlungen für angemessene Badebekleidung, Einschränkungen für gemischtgeschlechtliche Gruppen in Restaurants oder Vorschriften zur "öffentlichen Sittlichkeit". Auch das Verbot von Make-up für Beamtinnen in Latakia sorgte international für Aufmerksamkeit und wurde als Indiz einer restriktiveren Linie interpretiert.
Auffällig ist zudem, dass viele dieser Entscheidungen auf kommunaler Ebene getroffen werden, obwohl die Zentralregierung zugesichert hat, persönliche Freiheiten zu achten - ein Spannungsverhältnis, das derzeit politisch noch nicht aufgelöst ist.
Nun werden dieselben Fragen erneut gestellt. "Für sich genommen mag eine solche Maßnahme trivial erscheinen", schrieb der Analyst Haid Haid. "Im Zusammenhang betrachtet zeigt sich jedoch eine wachsende Tendenz staatlicher Eingriffe in das Privatleben."
"Wir sind nicht gegen Regulierung", sagte Hanna. "Aber ein erwachsener Bürger braucht keine Bevormundung."
Offene Fragen
Viele Mitglieder der Übergangsregierung um Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa stammen aus der Provinz Idlib, die lange von der islamistisch geprägten HTS kontrolliert wurde. Dort existierten zeitweise Strukturen einer Sittenpolizei, die unter anderem Kleidungsvorschriften durchsetzte, die jedoch bis 2023 schrittweise zurückgedrängt wurden - auch infolge lokalen Widerstands.
Al-Scharaa betonte zwar, Syrien werde nicht zu einem "zweiten Afghanistan". Allerdings ließ er offen, ob ein landesweites Alkoholverbot möglich sei. Diese strategische Unklarheit trägt zur aktuellen Verunsicherung bei und lässt Raum für unterschiedliche politische Interpretationen.
Genau das beunruhigt nun viele Beobachter. "Es geht nicht nur um Alkohol, sondern darum, wie Autorität ausgeübt wird", sagte die Politikwissenschaftlerin Rahaf Aldoughli. Nach dem Machtwechsel konkurrierten unterschiedliche Akteure darum, gesellschaftliche Normen zu definieren und ihre jeweilige Vorstellung von Ordnung durchzusetzen.
Blick nach vorn
Kritiker hoffen dennoch auf eine Rücknahme der Entscheidung. So wurden bereits Forderungen nach einer offiziellen Entschuldigung sowie nach der Aussetzung des Verbots bis hin zur Wahl neuer lokaler Gremien laut.
Zugleich wächst der Ruf nach zivilem Widerstand gegen Einschränkungen öffentlicher und individueller Freiheiten - und nach einer grundsätzlichen Klärung der Frage, welchen gesellschaftlichen und politischen Charakter der neue syrische Staat künftig haben soll.
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.