Syrien: Kein Ende im Konflikt zwischen Kurden und Regierung
13. Januar 2026
Einen Moment schien es, als hätten die Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen und kurdischen Milizen am Sonntag (11.01.26) ein Ende gefunden. Die syrische Armee erklärte, sie habe die Kontrolle über mehrere zuvor von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) gehaltene Stadtviertel von Aleppo übernommen. Die kurdisch dominierten SDF-Einheiten hatten eine Niederlage erlitten und zogen sich daraufhin zurück. Bei den Gefechten wurden zahlreiche Gebäude zerstört, einige Menschen getötet, laut Berichten flohen mehr als 140.000 Menschen zumindest zeitweise aus der Region.
Am Dienstag dann beschuldigte die Armee die Kurden, sich - angeblich in Abstimmung mit Überresten des ehemaligen Assad-Regimes - militärisch neu zu formieren. Mit diesem Argument erklärte die syrische Übergangsregierung Gebiete östlich von Aleppo zum militärischen Sperrgebiet. In der Folge kam es offenbar erneut zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und der gezielten Zerstörung von Brücken - die Schilderungen von Details beider Seiten gehen dabei auseinander. Eine weitere Eskalation steht freilich zu befürchten.
Eine Eskalation und ihre Vorgeschichte
Auslöser der Eskalation waren offenbar erneut gescheiterte Gespräche zwischen der von Interimspräsident Ahmed al-Scharaa geführten Regierung in Damaskus und der kurdischen Führung über die politische und militärische Integration der SDF. Während die Zentralregierung auf einer vollständigen Unterstellung unter die nationale Armee bestand, forderten die Kurden Garantien für Autonomie, lokale Selbstverwaltung und eigene Sicherheitsstrukturen. Zwar unterzeichneten beide Seiten im März 2025 ein Grundsatzabkommen, doch die Frage der militärischen Integration blieb strittig, so dass das Abkommen nie umgesetzt wurde.
Die kurdische Selbstverwaltung im Norden und Osten Syriens entstand ab 2012 gewissermaßen im Schatten eines Machtvakuums im Bürgerkrieg zwischen Assad-Regime und seinen Gegnern. Internationale Bedeutung erlangten die SDF im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), den sie mit Unterstützung der USA maßgeblich mit zurückdrängten. Seit 2018 firmiert das Gebiet als "Demokratische Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien".
Ein im Oktober 2025 unter US-Vermittlung geschlossenes Abkommen eröffnete erstmals einen realistischen Weg zur militärischen Integration der Kurden in die syrische Armee. Es sieht vor, die SDF als geschlossene Einheiten mit eigener Kommandostruktur einzugliedern. Damit bliebe ihre kollektive Identität gewahrt, während Damaskus formell die Kontrolle über das betreffende Staatsgebiet im Nordosten und die dort tätigen militärischen Einheiten zurückerlangte.
Nachvollziehbare Interessen
Viele Ansinnen der Kurden seien politisch nachvollziehbar, meint die Nahost-Expertin Birgit Schäbler, Historikerin und Professorin an der Universität Erfurt und bis 2022 Direktorin des Orient-Instituts in Beirut. "Die Kurden verlangen aus historischer Erfahrung heraus verlässliche kulturelle und politische Rechte. Sie waren unter beiden Assad-Regierungen diskriminiert, ihre Sprache war zeitweise verboten, und als bedeutender Bevölkerungsanteil konnten sie ihre Rolle nie angemessen entfalten." Nach diesen traumatischen Erfahrungen wollten sie eine erneute Marginalisierung verhindern und strebten eine begrenzte Form von Selbstverwaltung an, etwa kulturelle Mitbestimmung und Anerkennung im Bildungswesen, meint die Nahost-Expertin aus Erfurt.
Der Einfluss der Türkei
Schäbler sieht aber auch nachvollziehbare Interessen der syrischen Übergangsregierung: Jede Form von Dezentralisierung berge das Risiko, ähnliche Forderungen auch in anderen Landesteilen auszulösen, so Schäbler. Zudem lehnt der mächtige Nachbar Türkei jede Form von kurdischer Selbstverwaltung ab und betrachtet die SDF als Ableger der PKK. Ankara ist für die Integration kurdischer Kämpfer als Einzelpersonen in die syrische Armee - aber gegen geschlossene kurdische Verbände. Die Diskussionen über diesen Punkt seien ein "zentraler Faktor für das Scheitern der Gespräche" gewesen, sagt die Expertin.
Die Rolle der USA
Die USA verfolgen bisher eine eher ambivalent anmutende Linie. Einerseits streben sie einen geeinten syrischen Staat an und unterstützen ausdrücklich den syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa - trotz seiner Vergangenheit als Anführer einer Dschihadisten-Miliz. Andererseits bleiben sie aus sicherheitspolitischen Gründen auf die SDF angewiesen, vor allem im Kampf gegen einen wieder erstarkenden IS. Die Rolle der Vereinigten Staaten sei derzeit schwer einzuschätzen, sagt Schäbler: "Auffällig ist vor allem ihr Schweigen. Ob sie sich bewusst im Hintergrund halten oder den Konflikt laufen lassen, ist unklar. Letzteres wäre problematisch."
Vertrauensbildende Schritt nötig
Weitere Analysten fordern rasche vertrauensbildende Schritte, um weitere Eskalationen einzudämmen. Die Kurden sollten die staatliche Souveränität anerkennen, etwa durch die Übergabe von Grenzübergängen und die Regelung von Öl-Lieferungen, heißt es etwa in einer Analyse des Think Tanks "Arab Center" in Washington. Zugleich müsse Damaskus die Kurden politisch stärker einbinden und Verantwortung für die Sicherheit im Nordosten übernehmen. Ohne Fortschritte drohe Syrien erneut zu fragmentieren – mit erheblichen Folgen für die Region.
Ähnlich sieht es Birgit Schäbler. Im schlimmsten Falle könne ein offener Krieg drohen, so die Nahost-Wissenschaftlerin. "Das halte ich zwar weiterhin für unwahrscheinlich. Doch das Risiko ist real. Und da es um rund 30 Prozent des syrischen Territoriums geht, wäre eine Eskalation von enormer Tragweite." Insbesondere für einen zivilen und nachhaltigen Staatsaufbau in ganz Syrien wäre ein neuer Krieg im Inneren verheerend, mahnt Schäbler.