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KonflikteSyrien

Syrien: Wer verantwortet die konfessionelle Gewalt?

Cathrin Schaer
26. August 2025

Morde, Entführungen, Übergriffe: Die Gewalt in Syrien ist längst nicht überwunden. Über Ursachen und Hintergründe informiert unter anderem eine Untersuchung der Vereinten Nationen.

Bewaffnete Kämpfer auf einem Motorrad während der Gewalt zwischen Regierungs-nahen Beduinen und drusischen Kämpfern in Suwaida
Rund 1700 Personen kamen bei den Kämpfen in der Region Suwaida ums LebenBild: Abdulaziz Ketaz/AFP/Getty Images

Vor mehr als einem Monat verschwand Hamza al-Amareen. Der 33-jährige Syrer, Leiter eines Notfallzentrums der syrischen Zivilschutzorganisation Weißhelme, wurde nach Angaben seiner Familie am 16. Juli aus seinem Fahrzeug entführt. Er war gerade von Löscharbeiten zurückgekehrt und unterstützte ein Team der Vereinten Nationen bei Evakuierungen nach den jüngsten Gewalttaten in der Region Suwaida, der Heimat der drusischen Minderheit in Syrien.

Kurz hatte seine Familie telefonischen Kontakt mit den Entführern. Danach, erklärten Verwandte, habe man von dem dreifachen Vater nichts mehr gehört.

"Humanitäre Helfer werden normalerweise nicht ins Visier genommen", schreibt al-Amareens Familie der DW in einem E-Mail-Interview. "Sie haben nichts mit Konflikten zu tun. Hamza gehörte keiner Seite an, sein Engagement war rein humanitärer Art." Seine Familie vermutet, dass Al-Amareen von einer drusischen Miliz in Suwaida gefangen gehalten wird. Sie will nicht ausschließen, dass er nur aufgrund seiner sunnitischen Religionszugehörigkeit entführt wurde. Gewalt wird in Syriens Konflikten von vielen Seiten angewendet.

Die Mitte Juli ausgebrochene Gewalt in Suwaida forderte den Tod von schätzungsweise fast 1700 Menschen. Sie ist nicht der einzige Fall dieser Art: Im März kamen bei Kämpfen in den hauptsächlich von der alawitischen Minderheit bewohnten Küstengebieten laut Menschenrechtlern rund 1000 Menschen ums Leben.

Verschärft werden die Zusammenstöße durch zahlreiche Des- und Fehlinformationen, durch Vorurteile und Verschwörungstheorien zur Frage, wer für die schlimmste Gewalt verantwortlich sei.

"Niemand kennt die Fakten", sagtetwa ein lange vor Beginn des Bürgerkriegs 2011 nach Deutschland übersiedelter Syrer der Website "Syria in Transition". "Die Interpretation der Verantwortlichen hängt ganz von der politischen Perspektive ab."

Verschiedene Untersuchungen

Im Juli veröffentlichte die Übergangsregierung eine Untersuchung über die Gewalt vom März dieses Jahres. Das Papier identifizierte 298 mutmaßliche Täter, die mit militärischen Gruppierungen zumindest aus dem Umfeld der Übergangsregierung in Verbindung stehen. Hinzu kamen 265 weitere mutmaßliche Täter, die mit dem ehemaligen Assad-Regime verbunden sein sollen.

In der vergangenen Woche veröffentlichte eine mit der Überwachung von Menschenrechtsverletzungen in Syrien beauftragte unabhängige internationale Untersuchungskommission der UN einen Bericht, der die Gewalt Anfang März noch detaillierter beschreibt. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die Gewalt in den alawitisch geprägten Küstengebieten "einem systematischen Muster an mehreren, weit verstreuten Orten folgte". Dies könnte auf eine "organisierte Politik innerhalb bestimmter Gruppierungen oder Privatpersonen" hindeuten. Den Ermittlern zufolge gab es hingegen "keinen Beweis für eine Regierungspolitik oder einen Plan zur Durchführung solcher Angriffe".

Der Bericht dokumentiert 42 Vorfälle, mehr als 200 Zeugen wurden befragt. Er zeigt nicht zuletzt, wie chaotisch die Lage im Gesamten war. So schützten beispielsweise in einigen Städten regierungsnahe Kämpfer Zivilisten, während andere zur selben Zeit und in derselben Stadt offenkundig an Kriegsverbrechen und Plünderungen beteiligt waren.

Demonstranten in Aleppo fordern ein geeintes Syrien und protestieren gegen mögliche Abspaltungen sowie auch gegen die Idee des Föderalismus in ihrem Land, August 2025Bild: Kasim Yusuf/Anadolu/picture alliance

Der Bericht stellte fest, dass es auf allen Seiten Gewalt, außergerichtliche Tötungen, religiös motivierte Übergriffe und Fehlverhalten gab - sogar von Zivilisten, die die Situation als Deckmantel für eigene Gewalttaten nutzten.

Die Eruption der Gewalt sei nachvollziehbar, sagte Aaron Zelin, Senior Fellow am Washington Institute. Er verweist auf eine frühere Untersuchung der syrischen Regierung. Diese ging davon aus, dass 200.000 Menschen auf die eine oder andere Weise an der Gewalt an der Küste beteiligt waren. Die islamistische Rebellenmiliz Haiat Tahrir al-Sham, deren Mitglieder heute die Übergangsregierung anführen und die das Rückgrat der neuen Armee bildet, hatte allerdings selbst früher schätzungsweise nur 30.000 bis 60.000 Kämpfer in ihren Reihen.

Jahrzehntelanges Misstrauen

"Der Krieg in Syrien endete nicht wie von Zauberhand mit Assads Sturz", sagt Lars Hauch, Forscher bei der britischen Beratungsfirma Conflict Mediation Solutions und leitender Herausgeber der Webseite "Syria in Transition". Er dauere indirekt weiterhin an. Auch die Einmischung von außen und regionale Rivalitäten seien noch nicht überwunden: "Syrien ist geprägt von Traumata, die Generationen zurückreichen. Zudem leidet das Land unter konfessionellen Spaltungen, unter digital verbreiteten Falschinformationen sowie mangelnder Regierungsführung."

Experten zufolge hat das Assad-Regime mit brutaler Gewalt gegen eigene Staatsbürger ethnische und konfessionelle Spaltungen gezielt angefacht. Jahrzehntelang aufgestaute Antipathien kommen nun, nach dem Ende der Diktatur, zum Vorschein. Einige syrische Zivilisten nutzen das relative Sicherheitsvakuum, um sich an denjenigen zu rächen, die ihnen während der Diktatur Schaden zufügten. Zusammen mit der Verbreitung gezielter Fehlinformationen erschwert dies die Aufklärung über Unrecht und Verantwortlichkeiten.

"Infolge des Krieges ist das Land außerdem mit Waffen überschwemmt", so Zelin weiter. "Viele Personen sind für die Gewalt verantwortlich, denn der Staat hat faktisch kein Gewaltmonopol. Daher wird die Gewalt höchstwahrscheinlich so weitergehen, bis sich diese Dynamik ändert."

Syriens mangelnde Einheit gehört zu den größten Herausforderungen für Übergangspräsident Ahmed al-ScharaaBild: Izz Aldien Alqasem/Anadolu/picture alliance

Klima von "Straflosigkeit und Angst"

Beobachter und zivilgesellschaftliche Aktivisten sehen die Verantwortung für Befriedung und Aussöhnung bei der Übergangsregierung. "Die vom Assad-Regime etablierten Normen müssen überwunden werden. Darum muss die Übergangsregierung dringend handeln", meint auch Razan Rashidi, Geschäftsführerin der in Großbritannien beheimateten Menschenrechtsorganisation 'The Syria Campaign' im DW-Interview: "Die Regierung muss die Zivilbevölkerung schützen und ihre Streitkräfte zur Rechenschaft ziehen. Angriffe auf humanitäre Helfer und die Einschüchterung von Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft werden die im ganzen Land verfestigte Kultur der Straflosigkeit und Angst weiter verstärken."

Die Familie des vermissten Entwicklungshelfers Hamza al-Amareen kann derweil nur abwarten. Sie fordert die syrische Übergangsregierung und internationale Organisationen dazu auf, Druck auf die Miliz auszuüben, die ihn festhält. "Wir sind unter allen Umständen gegen die Spaltung Syriens", sagt sie. "Wir haben Freunde aus allen Konfessionen in Syrien. Und wir hoffen weiterhin auf eine Verbesserung der Lage, denn wir glauben an eine bessere, sicherere Zukunft für unser Land."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

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