1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
GleichberechtigungSyrien

Syriens Frauen wehren sich gegen Diskriminierung

Jennifer Holleis | Omar Albam
6. April 2026

In Syrien fordern Frauen Gleichheit vor dem Gesetz. Angesichts von mehr als 100.000 "verschwundenen" Männern leben tausende von ihnen in einem rechtlichen Vakuum. Verweigert ihnen Damaskus die Gleichberechtigung?

Frauen feiern den ersten Jahrestag des Sturzes von Baschar al-Assad, Latakia, Dezember 2025, Straßenszene mit syrischen Fahnen und zwei Frauen im Vordergrund
Erst feiern, dann fordern: Frauen beim ersten Jahrestag des Sturzes von Baschar al-Assad, Latakia, Dezember 2025Bild: Sevket Akca/Anadolu/picture alliance

Für über 100.000 Frauen in Syrien ist es nicht nur emotional, sondern auch rechtlich unmöglich, den Krieg hinter sich zu lassen. Sie vermissen nicht nur ihre Angehörigen und Ehemänner. Sie genießen auch nicht dieselben Rechte wie sie.

Laut Vereinten Nationenund syrischen Menschenrechtsgruppen gelten auch nach dem Ende des Bürgerkriegs weiterhin zwischen 150.000 – 170.000 Menschen - überwiegend Männer - als vermisst. Die meisten "verschwanden" nach 2011, also zu jener Zeit, als der Aufstand gegen das Assad-Regime in einen Bürgerkrieg mündete.

Während des Bürgerkrieges wurden schätzungsweise ein bis zwei Millionen Menschen inhaftiert. Zudem wurden etwa 600.000 Menschen getötet. Viele von ihnen wurden in nicht gekennzeichneten Gräbern verscharrt.

Kampf um eine Sterbeurkunde

Der Krieg endete im Dezember 2024, als eine Koalition von Rebellengruppen unter Führung der Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) - angeführt vom heutigen Präsidenten Ahmed al-Scharaa - den langjährigen syrischen Machthaber Baschar al-Assad stürzte.

"Vierzehn Jahre sind vergangen, seit mein Mann verschwunden ist", sagt die 33-jährige Nora aus Al-Dana, rund 40 Kilometer westlich von Aleppo, der DW. Sie bittet darum, ihren Nachnamen nicht zu veröffentlichen - aus Angst vor Vergeltung durch die Familie ihres Mannes, zu der sie ein angespanntes Verhältnis hat.

Die Hoffnung, dass er zurückkehrt, hat sie längst aufgegeben. Abschließen kann sie den Verlust dennoch nicht - auch darum nicht, weil die Familie ihres Mannes gerichtlich intervenierte, als sie eine Sterbeurkunde beantragte.

Syrien: Drei Künstlerinnen zwischen Hoffnung und Angst

04:06

This browser does not support the video element.

Mächtige männliche Verwandte

Ein Eckpfeiler der syrischen Gesetzgebung ist bis heute das Personenstandsgesetz von 1953. Es sieht unter anderem vor, dass eine vermisste Person erst dann gerichtlich für tot erklärt werden kann, wenn sie das 80. Lebensjahr erreicht hat.

Eine rechtliche Todesvermutung ist auch vier Jahre nach dem Verschwinden möglich - vorausgesetzt, dieses steht im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, Militäroperationen oder vergleichbaren Umständen.

Zugleich überträgt das Gesetz männlichen Verwandten weitreichende Entscheidungsbefugnisse. Für Nora bedeutet das: Ohne die Zustimmung der Familie ihres Mannes kann sie keine Sterbeurkunde erhalten. 

Die Folgen sind gravierend: Sie kann weder das Erbe ihres Mannes antreten noch eine Witwenrente beanspruchen. Ebenfalls verwehrt bleibt ihr das volle Sorgerecht für ihren Sohn sowie die Möglichkeit, erneut zu heiraten.

"Mein Sohn braucht bis zu seinem 18. Lebensjahr für jedes offizielle Dokument die Zustimmung der Schwiegereltern", sagte sie. Ihre eigene Unterschrift werde nicht akzeptiert, Unterstützung durch die männlichen Verwandten gebe es nicht.

Rechtliches Vakuum

"Das ist kein nebensächlicher Aspekt", sagt Hiba Zayadin, leitende Forscherin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Human Rights Watch. Mehr als 100.000 Männer würden in Syrien vermisst.

"Ihre Ehefrauen leben in einem rechtlichen und wirtschaftlichen Vakuum, und ihren Kindern fehlen die Dokumente, die sie für Bildung und Gesundheitsversorgung brauchen." Eine Verbesserung ihrer Lage müsse im Zentrum jeder ernsthaften Debatte über Übergangsjustiz und Geschlechtergerechtigkeit stehen, sagte sie der DW.

Die zerstörte Heimat - Rückkehr nach Syrien

06:45

This browser does not support the video element.

Zwar hat die syrische Übergangsregierung eine Nationale Behörde für Vermisste eingerichtet. Zentrale Reformen des Familienrechts stehen jedoch weiterhin aus.

"Angesichts der religiösen und ethnischen Vielfalt Syriens ist ein einheitliches Familienrecht kaum realistisch", schrieb Lena-Maria Möller, Dozentin am "Qatar University College of Law" in einem Blogbeitragfür die London School of Economics and Political Science.

Mütter als Menschen zweiter Klasse

Ein praktikablerer Ansatz wäre ein differenziertes System, das den einzelnen Gemeinschaften ein gewisses Maß an Autonomie einräumt und zugleich eine kohärente Rechtsstruktur gewährleistet."

Ein solcher Ansatz entspreche auch dem erklärten Ziel der Übergangsregierung, Minderheiten zu respektieren und alle gesellschaftlichen Gruppen einzubinden.

Doch die Entwicklung scheint in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Das syrische Justizministerium hat die bisherige Flexibilität der Richter bei der Übertragung der Vormundschaft an Mütter in Abwesenheit der Väter beendet, sagt die syrische Forscherin und Menschenrechtsexpertin Lina Ghotouk.

Seit Dezember 2025 beschränkt das entsprechende Rundschreiben Nr. 17 die gesetzliche Vormundschaft für Minderjährige auf eine Vielzahl männlicher Verwandter – und drängt Mütter an den Rand.

"Das deutet auf eine schleichende Zunahme der Diskriminierung hin, von der insbesondere Ehefrauen von Verschwundenen betroffen sind", sagte Ghotouk. Die Frauen befänden sich weiterhin in einer sozialen und rechtlichen Grauzone.

Yafa Nawaf, syrische Aktivistin für Frauenrechte & Gründerin der Initiative "My Children, My Right"Bild: Omar Albam/DW

Kampf für mehr Rechte

Für die in Aleppo lebende Aktivistin Yafa Nawaf markierte das Rundschreiben Nr. 17 einen Wendepunkt. "Das Gesetz wird uns nicht gerecht – auch nicht in Bezug auf Unterhalt und grundlegende Bedürfnisse", sagte sie der DW.

Als die 39-Jährige die Initiative "Meine Kinder, mein Recht" in sozialen Medien startete, schlossen sich ihr Tausende Frauen aus ganz Syrien an.

"Uns eint, dass wir selbst die grundlegendsten Ausweisdokumente für unsere Kinder nicht bekommen -  außer über einen sogenannten 'Pflichtvormund'."

Nawaf fordert deshalb grundlegende Reformen. "Die Volksversammlung muss im Zuge der neuen Verfassung das Personenstandsgesetz grundlegend reformieren - insbesondere bei Sorgerecht und Vormundschaft", erklärt sie.

Für sie ist klar: "Es geht nicht mehr um Reformen. Es geht ums Überleben." Gleichzeitig sind sich die Frauen der Gefahr gesellschaftlicher Gegenreaktionen bewusst.

Staatsangehörigkeit, auch von der Mutter?

Auch andere Organisationenwollen das Ende des Bürgerkrieges nutzen, um überholte Gesetze abzuschaffen und jahrhundertelange Diskriminierung zu beenden. Dazu gehört auch das Recht, dass Kinder die Staatsabgehörigkeit ihrer Mutterbekommen können. 

Kristian Brakel, Leiter des Beiruter Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, bestätigt das. "Frauen haben während des Krieges einen erheblichen Teil der Last getragen. Und trotz der tiefgreifenden Entwicklungen in Syrien hat sich für sie bislang wenig verändert." Das Problem liege nicht nur im syrischen Rechtssystem, sondern auch "in den Denkmustern vieler männerdominierter staatlicher Institutionen".

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

Jennifer Holleis Redakteurin und Analystin mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika.
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen