Syrische Regierungstruppen gegen Kurden: Worum es geht
22. Januar 2026
Über Wochen hatten sie einander bekämpft, nun haben sich die Übergangsregierung in Damaskus und die syrisch-kurdischen Milizen, die sogenannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), auf einen viertägigen Waffenstillstand geeinigt. Dies gaben die SDF am Dienstagabend (20.01.25) bekannt.
Vorgeschichte des Konflikts
Während des fast 14 Jahre andauernden syrischen Bürgerkriegs kontrollierten die SDF große Teile des Nordostens des Landes. Zu Beginn des Krieges 2011 übernahmen sie Gebiete mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit, nachdem sich die Truppen des Assad-Regimes aus der Region zurückgezogen hatten.
Direkte Kämpfe gegen das Assad-Regime führten die Kurden jedoch kaum. Stattdessen weiteten sie im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat" (IS) und mit mit Unterstützung der USA ihr Einflussgebiet aus, darunter auch mehrheitlich arabische Regionen wie Rakka. Das von ihnen kontrollierte bislang semi-autonome Gebiet wurde als 'Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien' (AANES) bekannt, häufig von den Kurden selbst auch als Rojava bezeichnet.
Nach dem Sturz des autoritären Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 bildeten Politiker aus den Reihen bisheriger Rebellenmilizen - überwiegend arabischer und zugleich islamistischer Prägung - eine Übergangsregierung, die auf der territorialen Einheit Syriens bestand. Sie forderte die Kurden auf, ihre Gebiete der neuen Zentralregierung zu übergeben und ihre Kämpfer in die neue syrische Armee zu integrieren. Ein im März 2025 unterzeichnetes Abkommen zur Umsetzung dieser Schritte brachte jedoch kaum Fortschritte. In der Folge kam es im vergangenen Jahr immer wieder zu Zusammenstößen. Die bislang heftigsten Kämpfe ereigneten sich am vergangenen Wochenende.
Kurden deutlich geschwächt
Beobachtern zufolge wurden die SDF dabei deutlich geschwächt. Sie verloren rund zwei Drittel des von ihnen über Jahre kontrollierten Gebiets, insbesondere Regionen mit arabischer Bevölkerungsmehrheit, ebenso Zugang zu Öl-Anlagen. Eine bereits am Sonntag (18.01.25) vereinbarte Waffenruhe hielt nur kurz, bei weiteren Gefechten rückten die Regierungstruppen und verbündete Milizen weiter vor und bauten ihren militärischen Druck aus.
Bei der neuen Einigung am Dienstagabend gab die Regierung den SDF vier Tage Zeit, einer Integration kurdischer Institutionen und besonders der Provinz Hasaka zuzustimmen. Währenddessen soll eine Waffenruhe gelten. Die SDF erklärten, sie würden sich ebenfalls an den Waffenstillstand halten, nur im Fall von Provokationen reagieren. Ob dies ausreicht, um die Kämpfe dauerhaft zu beenden, bleibt offen.
Den Kurden wurde laut Angaben aus Damaskus bei einer weitergehenden Integration unter anderem der Posten des stellvertretenden Verteidigungsministers angeboten. Der US-Gesandte Tom Barrack schrieb auf sozialen Netzwerken, dieser Vorschlag sei die beste Option für die Kurden in Syrien - was allgemein als klares Signal interpretiert wurde, dass die frühere US-Unterstützung für die Kurden deutlich nachgelassen hat. Sie scheinen militärisch in der Defensive.
Wer sind die SDF?
Die Syrischen Demokratischen Kräfte wurden 2015 mit Unterstützung der USA gegründet und bestehen aus kurdischen, teils auch arabischen Kämpfern. Die paramilitärische Gruppe wird dabei jedoch von kurdischen Kräften dominiert. Die SDF unterhält zudem enge Verbindungen zur sogenannten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die auch von der EU und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft wird. In der Türkei führte die PKK jahrzehntelang einen bewaffneten Aufstand, bis sie im vergangenen Mai - zumindest offiziell - ihre Auflösung ankündigte.
Die Kurden gelten mit rund 30 Millionen Menschen als eines der größten Völker ohne eigenen Staat. Viele leben in Grenzregionen von Iran, Irak, Syrien und der Türkei. Entsprechend groß ist für viele Kurden die symbolische und politische Bedeutung der von den SDF kontrollierten Gebiete. Als mögliches Vorbild gilt die Autonome Region Kurdistan im benachbarten Irak.
Zentrale Streitpunkte
Der Konflikt gründet auf unterschiedlichen Vorstellungen zur Zukunft Syriens. Die SDF streben ein dezentrales System mit regionaler Selbstverwaltung an, während die Übergangsregierung ein stärker zentralisiertes Land mit politischer Kontrolle aus Damaskus anstrebt. Zugeständnisse an die Kurden könnten aus Sicht der Regierung ähnliche Forderungen anderer Gemeinschaften nach sich ziehen.
Strittig ist zudem, wer die Grenzen kontrolliert und wer die Gefängnisse im Nordosten verwaltet, in denen Tausende mutmaßliche IS-Kämpfer oder deren Angehörige einsitzen. Das bekannteste, Al Hol, ist inzwischen offenbar in Händen der Regierungstruppen. Es soll jedoch zu Gefängnisausbrüchen gekommen sein - beide Seiten beschuldigen sich diesbezüglich gegenseitig. Auch wirtschaftliche Fragen spielen eine zentrale Rolle: In den bis vor kurzem kurdisch kontrollierten Gebieten liegen große Teile der syrischen Öl- und Gasvorkommen.
Die Türkei lehnt eine autonome kurdische Region an ihrer Grenze strikt ab und unterstützt die neue syrische Regierung. Ankara erklärte, man werde die Entwicklung aufmerksam verfolgen und mögliche „Provokationen" nicht hinnehmen. Ankara übt auch deshalb zusätzlichen Druck aus, weil jeder politische oder militärische Erfolg der SDF auch kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen im eigenen Lande neuen Auftrieb geben könnte.
Unklarheit über weitere Regionen
Durch die jüngsten Kämpfe wurden die SDF aus mehrheitlich arabisch geprägten Gebieten verdrängt, auch weil sich lokale Stämme dort gegen sie wandten. Unklar bleibt, was mit den Regionen mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit geschieht - dort würden etwaige militärische Kämpfe womöglich noch viel heftiger ausfallen. Berichten zufolge forderte SDF-Oberkommandant Mazloum Abdi bei einem Treffen mit Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa, diese Gebiete unter Kontrolle der SDF zu belassen. Al-Scharaa lehnt dies jedoch ab. Manche Analysten vermuten, Abdi habe nicht alle beteiligten kurdischen Gruppen vollständig unter Kontrolle und müsse Rücksicht auf innerkurdische Spannungen nehmen.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die militärische Integration. Die SDF wollen ihre Einheiten innerhalb der Armee behalten, die Regierung lehnt parallele Strukturen mit - zumindest aus ihrer Sicht - unklarer Loyalität ab und will anstelle von militärisch zusammenhängenden Verbänden nur Einzelpersonen integrieren.
Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.