Ukraine-Krieg: Was ist die tödliche Gasbrand-Krankheit?
12. November 2025
Soldatinnen und Soldaten, die lange Zeit verletzt auf Hilfe warten müssen, weil eine Evakuierung und damit die dringende medizinische Versorgung schlicht unmöglich ist. Bedroht von einer gefährlichen Krankheit, die in abgestorbenem Gewebe beginnt und zu Gasblasen unter der Haut führt. Was sich nach Horrorgeschichten aus längst vergangen Kriegen anhört, spielt sich aktuell in der Ukraine ab. Dort soll sich nach einem Bericht der britischen Tageszeitung "The Telegraph" die Infektionskrankheit Gasbrand ausbreiten.
"Über Gasbrand lernt man in der Schule, aber in der Ukraine sehen wir ihn jetzt, weil Verwundete nicht angemessen versorgt werden", so Alex, der als freiwilliger Sanitäter in der Gegend um Saporischschja arbeitet, gegenüber der Zeitung. "Es kommen Leute ins Krankenhaus, die seit Wochen verletzt waren, und nur in unterirdischen medizinischen Stabilisierungsräumen gesessen haben, wo sie notdürftig am Leben erhalten wurden."
Ob es sich tatsächlich um Gasbrand handelt, der sich unter den ukrainischen Truppen ausbreitet, konnte noch nicht unabhängig verifiziert werden. Aber dass die Front aufgrund häufiger russischer Drohnenangriffe nur schwer zu erreichen ist, das ist unbestritten. Vorräte erreichen die Truppen oft nicht oder nur mit großer Verspätung. Neue Soldatinnen und Soldaten müssen teils kilometerweit zu Fuß gehen, bevor sie dort ankommen, wo gekämpft wird – und wo Verwundete auf Hilfe warten.
Was löst Gasbrand aus?
Die toxische Infektionskrankheit zerstört Muskelgewebe in einem hohen Tempo. Gasbrand wird ausgelöst durch Clostridien, das sind Bakterien, die in der Natur zum Beispiel im Boden oder auch im menschlichen Darm vorkommen.
Clostridium-Bakterien sind nicht zwingend krankheitserregend. Gefährlich wird es erst, wenn sie in das Gewebe gelangen, in dem Sauerstoffmangel herrscht. Das ist der Fall bei tiefen, komplexen Wunden. Das abgestorbene, oder nekrotische, Gewebe verhindert die Wundheilung – und hier breiten sich Clostridium-Bakterien aus.
Die Infektionskrankheit verbreitet sich schnell unter Bedingungen wie sie in Schützengräben herrschen, also wo es viele Verletzungen und mangelhafte Hygiene gibt.
Für Betroffene ist Gasbrand extrem schmerzhaft. Unter der Haut bilden sich Gasblasen, die man beim Abtasten der Wundumgebung fühlen und knistern hören kann. Die befallene Muskulatur verfärbt sich grau-rot und schwillt an. Bei den infizierten Soldatinnen und Soldaten tritt eine Sepsis auf: Der Puls beschleunigt sich, es kommt zu Kreislauf- und Atemstörungen und letztlich zu multiplem Organversagen
Selbst bei einer Behandlung im Krankenhaus ist eine Heilung nicht garantiert, wenn Gasbrand erst einmal aufgetreten ist. Ohne Behandlung, etwa wegen zu langer Evakuierungszeiten von Betroffenen, liegt die Sterberate bei fast 100 Prozent.
Wie kann Gasbrand behandelt werden?
Das betroffene Gewebe muss so schnell wie möglich operativ entfernt werden. Außerdem müssen intravenös starke Antibiotika verabreicht werden. Um die richtigen Antibiotika zu finden, die bei den Patientinnen und Patienten jeweils am besten helfen, werden Mikrobenkulturen erstellt und auf mögliche Resistenzen getestet.
Diese Schritte erfordern 100-prozentig hygienische Operationsbedingungen und können nur in Kliniken mit angeschlossenen Laboren stattfinden – nicht in notdürftig improvisierten Behandlungsräumen in Luftschutzbunkern. Hier können zwar einige Antibiotika auf Vorrat lagern, aber bei Resistenzen gibt es dann keine Alternativen.
Wann trat Gasbrand zuletzt großflächig auf?
Gasbrand ist eine Krankheit, die in Europa aufgrund des medizinischen Fortschritts als so gut wie ausgerottet galt.
Im Ersten Weltkrieg starben viele Verwundete letztendlich an Gasbrand. Allein mehr als 100.000 deutsche Soldaten sollen dieser Infektion zum Opfer gefallen sein. Damals lagen viele Verwundete ebenfalls lange ohne Behandlung in schlammigen Schützengräben. Eine Wundversorgung oder Wundhygiene gab es nicht.
Bereits im Zweiten Weltkrieg war Gasbrand ein weitaus kleineres Problem. Antibiotika waren zwar schon verbreitet genug, dass sie für die Behandlung zur Verfügung standen, aber noch nicht so allgegenwärtig wie heute.
Damals waren allerdings auch Antibiotikaresistenzen noch kein bedeutendes Problem.