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Politik

Türkei: Die Zwiebel wird zum Politikum

Daniel Derya Bellut
16. April 2019

Arbeitslosigkeit und der Absturz der Lira beuteln die Türkei schon länger. Durch die Preisexplosion von Lebensmitteln wird die Krise immer spürbarer. Die Regierung Erdogans verliert an Ansehen und sucht nach Lösungen.

Markt  Diyarbakir Türkei
Bild: Getty Images/AFP/I. Akengin

Lange hielten viele Türken die Krise für eine abstrakte Gefahr. Inzwischen bestimmt sie immer mehr ihren Alltag. Bereits im Januar hielt die Währungskrise in den Haushalten der Türken Einzug. Besser gesagt in den Küche: Preise für Obst und Gemüse schossen in die Höhe. Nach den Kommunalwahlen am 31. März wurde die Lage noch ernster. Für ein Kilo Zwiebeln verlangen manche Händler mittlerweile zehn Türkische Lira, ungefähr 1,50 Euro. Das ist ungefähr das Dreifache im Vergleich zum Vorjahr. Das verärgert die Türken ganz besonders, denn schließlich gehört die Zwiebel zu den Grundnahrungsmitteln und gehört in etliche Speisen der türkischen Küche.

Auf dem Markt von Kadiköy, einem Istanbuler Stadtteil direkt am Bosporus, ist die Stimmung entsprechend schlecht. "Ich habe so etwas noch nie gesehen. Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln waren früher eine Alltäglichkeit auf dem Esstisch, dieses Jahr sind sie wohl eher Luxusprodukte", beklagt sich ein Kunde, der seinen Routine-Einkauf erledigt. Ein Verkäufer gibt sich resigniert: "Unsere Landwirtschaft ist am Ende. Die haben nichts mehr übrig. Daher ist alles so teuer: Bohnen 20 Lira das Kilo, Zwiebeln sieben Lira das Kilo, Tomaten 15 Lira das Kilo", zählt er die Preise für seine Ware lethargisch auf.

Rasanter Wertverfall: Ein Euro kostet mittlerweile mehr als sechs Lira, zwischenzeitlichen ware es acht.

Seit Ende 2017 hat die Lira deutlich an Wert verloren, zeitweise bis zu 30 Prozent. Trotzdem hielten viele Türken an Erdogan und seiner Regierung fest. Doch langsam scheint die Gunst der Wähler zu schwinden. Bei den Kommunalwahlen am 31. März musste die islamisch-konservative AKP eine herbe Wahlniederlage hinnehmen - die zwei wichtigsten Städte des Landes, Istanbul und Ankara, gingen an die Opposition verloren. Experten sehen die schwächelnde Wirtschaft als entscheidenden Faktor für das schlechte Wahlergebnis.

Staat geht gegen "Lebensmittelterroristen" vor

Laut dem türkischen Präsidenten Erdogan sind für den "Lebensmittelterror" dunkle Mächte verantwortlich. Spekulanten würden Zwiebeln horten, um die Preise absichtlich hochzutreiben. Kritiker sagen, die Inflation im Lebensmittelmarkt sei selbstverschuldet. Um die Wirtschaft zu befeuern, investierte die AKP-Regierung über Jahre in den Bausektor und vernachlässigte andere Bereiche.

"Die Wirtschaftspolitik war nicht nachhaltig und zukunftsorientiert genug", sagt Erdal Yalcin, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule Konstanz. Man habe zu viel Geld für Infrastruktur verprasst und es gleichzeitig über Jahre versäumt, eine Produktivitätssteigerung herbeizuführen. Besonders der Agrarsektor verdeutliche das Versagen dieser Strategie, sagt Yalcin: "Die Türkei hat die perfekten klimatischen Bedingungen für eine produktive Landwirtschaft. Dennoch müssen Obst und Gemüse importiert werden, denn man hat zu wenig in den Agrarsektor investiert."

Erdal Yalcin legt der Türkei eine ökonomische Rosskur nahBild: Ifo-Institut

Nicht nur die Lira stürzt

Die innertürkische Inflation geht mit einem Verfall des Wechselkurses einher. Euro und Dollar sind heute doppelt so teuer wie vor drei Jahren. Dies stellt viele türkische Unternehmen vor große Probleme: Um Kredite zu bedienen, die sie bei ausländischen Investoren aufgenommen haben, müssen sie nun zweimal so viele Lira aufbringen. Die Kosten für Kredite seien aber auch gestiegen, weil die internationalen Investoren risikosensibler geworden seien. Das liege daran, dass es innenpolitisch in der Türkei wenig Rechtssicherheit gäbe und außenpolitisch die Türkei ein schwieriger Partner geworden sei, erklärt Yalcin.

Im letzten Quartal 2018 schrumpfte die türkische Wirtschaft um 2,5 Prozent - zum ersten Mal seit zehn Jahren befindet sich die Türkei in einer Rezession. Und auch die Arbeitslosenquote ist zwischen Dezember und Februar auf ein Zehn-Jahres-Hoch von 14,7 Prozent gestiegen, wie das nationale Statistikamt am Montag verkündete. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei fast 27 Prozent. 

Mitte 2018 ist die türkische Wirtschaft in eine Rezession abgerutscht - erstmals seit zehn Jahren

Strukturreformen als Lösung?

Zur Stärkung des Wachstums und zum Kampf gegen die Inflation hat der Finanz- und Wirtschaftsminister Berat Albayrak am 10. April einen Aktionsplan vorgestellt. Die Zeit bis zu den nächsten Wahlen 2023 werde eine Zeit "wirtschaftlicher Strukturreformen" sein, kündigte Albayrak an. Eine strikte Haushaltsdisziplin werde endlich einkehren.

"Programme wie dieser Aktionsplan wurden bereits viele angekündigt, umgesetzt wurden sie aber nie", sagt Yalcin. Die Lösung für die türkische Wirtschaftskrise sei es, Produktivität durch Strukturreformen herbeizuführen. Dann läge allerdings ein harter Weg vor den Türken: Laut Yalcin müssten unprofitable Unternehmen Pleite gehen, der Konsum müsste heruntergefahren werden, die Arbeitslosigkeit würde vorübergehend ansteigen. Und damit nicht genug: Für die Übergangszeit müsste ein Hilfsprogramm bei einem internationalen Kreditgeber beantragen werden, so Yalcin, im Idealfall beim International Währungsfond (IWF).

Allerdings hat sich Erdogan des Öfteren abwertend über den IWF geäußert. Zudem sind IWF-Hilfsprogramme an Strukturreformen geknüpft. Der türkische Präsident aber scheut jegliche Einmischung aus dem Ausland. Außerdem könnte eine Phase extremer Sparmaßnahmen seiner Popularität weiter schaden.

Konjunkturprogramm für die Türkei

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