1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Türkei: Hamburger Familie starb an Insektizid-Vergiftung

27. November 2025

Zwei Wochen suchten Experten in Istanbul nach der Todesursache. Jetzt gibt das rechtsmedizinische Gutachten Gewissheit. Es hat in der Türkei Konsequenzen.

Hotel Harbour Suites Old City in Istanbul
Das Hotel in der Istanbuler Altstadt, in dem die vierköpfige Hamburger Familie übernachteteBild: Emrah Gurel/AP Photo/picture alliance

Es gibt endlich Gewissheit: Die vierköpfige Familie aus Hamburg ist an einer Vergiftung durch Schädlingsbekämpfungsmittel gestorben, die wohl in ihrem Istanbuler Hotel eingesetzt wurden. Dieses Ergebnis geht aus dem rechtsmedizinischen Gutachten hervor, das die ermittelnde Staatsanwaltschaft bekanntgab. Türkische Medien berichteten bereits am Mittwoch, das rechtsmedizinische Institut habe seinen Bericht zum Tod der Familie am 26. November der zuständigen Behörde übermittelt.

Nun erklärte die Istanbuler Staatsanwaltschaft, dass die Familie durch ein in dem Hotel verwendetes Insektizid ums Leben kam. Die genaue Art des Gifts wurde in der Bekanntmachung nicht genannt, jedoch hieß es ergänzend, dass keinerlei Hinweise auf eine Lebensmittelvergiftung vorliegen.

Infolge dieser neuen Erkenntnisse seien vier der elf Verdächtigen, darunter Betreiber von Streetfood-Ständen und Restaurants, freigelassen worden, so die Staatsanwaltschaft. Sechs mutmaßliche Beschuldigte, darunter der Hotelbesitzer sowie der Inhaber einer Schädlingsbekämpfungsfirma und mehrere seiner Mitarbeiter, bleiben weiterhin in Untersuchungshaft.

Zuvor hatten mehrere Medien berichtet, dass Ermittler im Hotelzimmer der Familie das toxische Gas Phosphin entdeckt hätten. Dieses hochgiftige Gas entsteht, wenn Aluminiumphosphid mit Wasser oder Feuchtigkeit in Verbindung kommt. Phosphin schädigt die Körperzellen, verhindert in größeren Konzentrationen den Sauerstoff-Transport im Blut und kann unter anderem zu Reizhusten, Erbrechen sowie Leber- und Nierenfunktionsstörungen führen.

Der Stoff Aluminiumphosphid wird in der Türkei oft zur Schädlingsbekämpfung in landwirtschaftlichen Betrieben und Lagern eingesetzt.

Versäumnisse und gravierende Sicherheitsmangel

Der tragische Tod der vierköpfigen Familie in Istanbul hat nicht nur tiefe Bestürzung ausgelöst, sondern auch ein Schlaglicht auf gravierende Sicherheitsmängel und eine Reihe älterer, ungeklärter Vergiftungsfälle in der Türkei geworfen.

Die jüngst verstorbene Familie war am 9. November für einen Kurzurlaub nach Istanbul gereist. Die ersten gesundheitlichen Probleme traten am 12. November auf, woraufhin sie mit Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen ins Krankenhaus ging. Nach einer kurzen Behandlung kehrten die Eltern und ihre zwei Kinder in ihr Hotel zurück. In der Nacht zum 13. November verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch: Kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus starben die beiden Kinder, am Tag darauf die junge Mutter. Der Vater kämpfte auf der Intensivstation einer Istanbuler Klinik weiter um sein Leben, verstarb jedoch am 17. November.

Der Verdacht: Vom Streetfood zum Pestizid

Anfänglich vermuteten die Behörden, Ärztinnen und Ärzte eine Lebensmittelvergiftung, da die Familie zahlreiche türkische Streetfood-Spezialitäten und Fastfood verzehrt hatte.

Der Verdacht verlagerte sich jedoch rasch auf das Hotel, in dem die Hamburger Familie übernachtete, nachdem weitere Gäste mit ähnlichen Vergiftungserscheinungen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert wurden. Angaben des Hotelmanagers zufolge wurden in dem Hotel hochgiftige Insektizide zur Bekämpfung von Bettwanzen eingesetzt. Die Ermittler zogen daher eine Vergiftung durch Chemikalien als die wahrscheinlichere Todesursache in Betracht.

Wegen der anfänglichen Symptome gingen die Ermittler zunächst von einer Lebensmittelvergiftung ausBild: Dmitry Naumov/Zoonar/picture alliance

Die Untersuchung brachte besorgniserregende Details zur Schädlingsbekämpfungsfirma ans Licht, die in dem Hotel tätig war. Laut Verhörprotokollen soll der Firmeninhaber weder über die erforderliche Lizenz oder Genehmigung für Schädlingsbekämpfungsdienste verfügen noch eine entsprechende Ausbildung vorweisen können.

Zudem meldeten sich nach dem Tod der Hamburger Familie die Eltern eines dreijährigen Kindes, das bereits am 18. April 2025 in Istanbul verstarb. Laut Autopsiebericht kam das Kind durch eine Vergiftung mit Insektiziden ums Leben, die in der unmittelbaren Nachbarschaft angewendet worden waren - und zwar durch dieselbe Firma, die im Hotel der Hamburger Familie die Schädlingsbekämpfung durchgeführt haben soll. Trotz der Strafanzeige, die die Eltern des dreijährigen Kindes gestellt hatten, arbeitete das Unternehmen offenbar weiter.

Parallelen zum Fall Marlene P.

Der Fall der Familie aus Hamburg lenkte zudem die öffentliche Aufmerksamkeit auf ältere, noch unaufgeklärte Fälle, die auf eine weitverbreitete Problematik beim Umgang mit Pestiziden hindeuten.

So meldeten sich die Eltern der vor einem Jahr in Istanbul verstorbenen Lüneburger Erasmusstudentin Marlene P. zu Wort. Den forensischen Bericht zur Todesursache ihrer Tochter erhielten sie erst im vergangenen August. Auch dieser Bericht weist auf eine Vergiftung durch Schädlingsbekämpfungsmittel hin, nachdem im Apartment unter der WG-Wohnung von Marlene P. Insektizide gegen Bettwanzen versprüht worden sein sollen. Die Eltern fordern nun, dass auch der Fall ihrer Tochter aufgeklärt wird und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

Marlenes Fall ist nicht der einzige: Bereits vor einem Jahr starben ein einjähriges Kind in Izmir und ein siebenjähriger Junge in der Stadt Konya, in deren Nachbarschaft Kammerjäger ebenfalls giftige Insektizide versprüht haben sollen.

Massenvergiftungen und Reaktionen

In der Türkei sind sowohl Insektizid- als auch Lebensmittelvergiftungen ein wiederkehrendes Problem. Die Meldungen der Nachrichtenagentur DHA verzeichnen allein im November mindestens 15 Fälle von Massenvergiftungen nach gemeinsamen Mahlzeiten in Kantinen, Mensen oder bei Großveranstaltungen, bei denen mehr als 900 Menschen behandelt werden mussten. Beobachter halten dies nur für die Spitze des Eisbergs, da viele Fälle nicht gemeldet würden.

Passanten und Forensiker vor dem Hotel in Istanbul, in dem Ermittler das hochgiftige Gas Phosphin entdecktenBild: DHA

Als direkte Reaktion auf die Tragödie bemühen sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und die zuständigen Ministerien um Schadensbegrenzung und verstärkte Kontrollen. Zudem kündigte das Istanbuler Gouverneursamt eine Verschärfung der Kontrollen von Straßenhändlern und die Einrichtung von Kontrollkommissionen für Lebensmittelsicherheit an. Des Weiteren sollen die Betriebe verpflichtet werden, durchgängig Audio- und Videoaufzeichnungen zu machen. Auch Verkauf und Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln soll strengeren Kontrollen unterzogen werden.

Auf die jüngsten Vergiftungsfälle reagierte die Tourismusbranche besorgt: Rasit Genc, Inhaber einer Reiseagentur mit Sitz in der Altstadt von Istanbul, berichtete der DW von einer Reihe von Stornierungen. Das deutsche Auswärtige Amt hat bisher seine Reisehinweise für die Türkei noch nicht angepasst. Ob dies nach dem Bericht des rechtsmedizinischen Instituts erfolgen wird, ist derzeit noch unklar.

Elmas Topcu Reporterin und Redakteurin mit Blick auf die Türkei und deutsch-türkische Beziehungen@topcuelmas
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen