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GesellschaftTürkei

Türkei: Versäumniskette bei Tod der Hamburger Familie

21. November 2025

Der tragische Tod einer Hamburger Familie in Istanbul war kein Einzelfall. Neue Versäumnisse und der jetzt bekannt gewordene Fall einer Studentin zeigen: Tödliche Pestizide sind in der Türkei ein ernstes Problem.

Ermittler in Schutzkleidung vor dem Hotel in Istanbul, das nach dem Tod der Hamburger Familie gründlich untersucht und geschlossen wurde
Ermittler in Schutzkleidung vor dem Hotel in Istanbul, das nach dem Tod der Hamburger Familie gründlich untersucht und geschlossen wurdeBild: DHA

Es war die Nacht vom 12. auf den 13. November, der vierte Tag der Istanbul-Reise einer Hamburger Familie. Cigdem, Servet und ihre Kinder waren kurz zuvor im Krankenhaus wegen schwerer Schmerzen, Erbrechen und Übelkeit behandelt, dann aber wieder entlassen worden. Zurück im Hotel verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch. Als die Eltern kurz nach Mitternacht bemerkten, dass ihre Kinder bewusstlos im Bett lagen, riefen sie sofort den Notarzt.

Die Aufnahmen der Sicherheitskameras in der Lobby zeichnen anschließend das nachfolgende Drama auf: Ein Krankenwagen fährt vor, Notarzt und Sanitäter eilen mit ihrer Ausrüstung zum Eingang des Hotels. Die nächsten zehn Minuten sind herzzerreißend. Das Team des Krankenwagens versucht ins Hotel zu gelangen - vergeblich. Vater Servet versucht verzweifelt, die verschlossene Eingangstür des Hotels zu öffnen - vergeblich. Da kein Rezeptionist in Sicht ist, legt er den Körper seiner Tochter auf einen Sessel, sucht nach einem Werkzeug, versucht es mit einem Brieföffner, schlägt schließlich mit einer großen Topfpflanze gegen die Glasscheibe der Tür. Erfolglos. Erst Minuten später erscheint der Rezeptionist. Laut Verhörprotokoll hatte er die Eingangstür von außen abgeschlossen, um essen zu gehen. 

Die Anklage des Vaters: "Vier Seelen sind gegangen"

Die vierköpfige Familie überlebte diesen Vorfall nicht. Erst verstarben die beiden Kinder, dann die Mutter, schließlich erlag auch Servet selbst im Krankenhaus seiner Vergiftung. Nach der Beisetzung erhob Yılmaz Böcek, der Vater des verstorbenen Servet, schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen und die Justiz. Er sagte: "Meine Familie ist verschwunden, für nichts und wieder nichts. Vier Seelen sind gegangen. Ich finde keine Worte mehr. Niemand will die Schuld übernehmen. Am Ende traf es meine Liebsten."

Yilmaz Böcek kritisierte zudem das Krankenhaus: "Es ging ihnen nicht gut, dies zeigen auch die Kameraaufnahmen." Er fragt, warum die Familie in diesem Zustand entlassen worden sei, ohne Untersuchungen wie Blut- oder Urinanalysen durchzuführen.

Gefüllte Muscheln, eine Spezialität, die auch die Hamburger Familie in Istanbul verzehrt haben soll. Zunächst vermuteten die Behörden eine Lebensmittelvergiftung durch Streetfood, bevor sich der Fokus auf eine mögliche chemische Vergiftung im Hotel verlagerte.Bild: Ahmed Deeb/dpa/picture alliance

Ermittlungen zwischen Lebensmittel und Chemikalien

Die Behörden vermuteten zunächst eine Lebensmittelvergiftung. Nachdem weitere Touristen, die in demselben Hotel übernachteten, erkrankten, geriet eine mögliche Vergiftung durch Chemikalien in den Fokus. Dem Hotelbetreiber zufolge wurden am besagten Tag hochgiftige Insektizide zur Bekämpfung von Bettwanzen eingesetzt.

Die türkischen Ermittler nahmen bisher elf Verdächtige fest, darunter Café- und Restaurantbesitzer, Straßenhändler, der Hotelinhaber und Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma. Zehn Personen sitzen derzeit in Untersuchungshaft.

Laut vorläufigem Bericht des türkischen rechtsmedizinischen Instituts betrachten die Experten den Tod durch Insektizide als die wahrscheinlichere Ursache. Die Möglichkeit einer Lebensmittelvergiftung wird als gering eingestuft, aber auch nicht völlig ausgeschlossen. Rechtsmediziner Halis Dokgöz schließt auch die Kombination beider Faktoren nicht aus: Es sei möglich, dass sich eine Vergiftung durch Lebensmittel mit der Insektizid-Belastung überlagert habe. Zudem müsse auch ein möglicher Behandlungsfehler im Krankenhaus in Betracht gezogen werden.

Der Fall Marlene: Ein weiterer Präzedenzfall?

Nach Bekanntwerden des jüngsten Falles melden sich nun auch die Eltern einer vor einem Jahr in Istanbul verstorbenen Lüneburger Erasmusstudentin zu Wort - auch sie stammte ursprünglich aus Hamburg. Ihren Eltern Astrid und Göran P. zufolge gab es bereits kurz nach dem Tod ihrer 21-jährigen Tochter Marlene Hinweise auf den Einsatz von Chemikalien zur Schädlingsbekämpfung in ihrem Wohnhaus. Die Eltern kritisieren in einem Bericht der ARD, dass sie damals kaum Unterstützung von deutschen oder türkischen Behörden erhalten hätten. Sie hoffen nun, dass die erhöhte mediale Aufmerksamkeit durch den Fall der Hamburger Familie auch zur Klärung des Todes ihrer Tochter beitragen wird.

Bei der Schädlingsbekämpfung in Wohnungen und Hotelzimmern werden oft giftige Pestizide eingesetztBild: Stephanie Lecocq/REUTERS

Reaktionen von Politik und Tourismus

Im Fall der Hamburger Familie scheint es nun anders zu verlaufen. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, das deutsche Generalkonsulat in Istanbul stehe in engem Kontakt mit den Familienangehörigen und den Behörden vor Ort. Es wird versichert, dass die Entwicklungen und die Untersuchungen zur Ermittlung der Todesursache "sehr aufmerksam" beobachtet würden.

Auch der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und die zuständigen Ministerien bemühen sich seit Tagen um Schadensbegrenzung. Täglich wurde versichert, der Ursache konsequent nachzugehen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Das Istanbuler Gouverneursamt kündigte zudem an, die Kontrollen von Straßenhändlern zu verschärfen und Kontrollkommissionen für Lebensmittelsicherheit einzurichten. Betriebe sollen außerdem verpflichtet werden, durchgängig Audio- und Videoaufzeichnungen zu machen. Auch der Verkauf und die Anwendung von Schädlingsbekämpfungsmitteln soll strengeren Kontrollen unterzogen werden.

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Die Tourismusbranche reagiert besorgt. Rasit Genc, Inhaber einer Reiseagentur mit Sitz in der Altstadt von Istanbul, berichtet von einer Reihe von Stornierungen. "Wir haben von allen Seiten gehört, dass die Hotelauslastung zurückgeht, und der damit einhergehende Rückgang des Geschäfts hat für unsere Reiseagentur erhebliche Auswirkungen", so Genc.

Auf Anfrage der DW teilt der Deutsche Reiseverband (DRV) mit, für die deutsche Reisewirtschaft habe "die Sicherheit der Gäste von Pauschalreisen und auch der Beschäftigten im Tourismus oberste Priorität". Der DRV hat sich aufgrund der aktuellen Ereignisse an den türkischen Hotelverband TÜROFED und die türkische Botschaft gewandt. Weiter heißt es: "Wir haben mit Dringlichkeit darum gebeten, mit den Hotels Kontakt aufzunehmen, um sicherzustellen, dass in den Hotels ausschließlich erlaubte und zugelassene Mittel zur Schädlingsbekämpfung verwendet und auch sachgemäß angewendet werden, um die Sicherheit von Menschen - Gästen, aber auch Mitarbeitenden - nicht zu gefährden."

Der Abschlussbericht des türkischen rechtsmedizinischen Instituts, der Licht zur Todesursache der Hamburger Familie bringen soll, wird für den 28. November erwartet.

Zudem vermeldeten türkische Medien am Freitag den mutmaßlichen Tod eines weiteren deutschen Staatsbürgers in Istanbul. Demnach reiste Gürhan T. am vergangenen Montag in die Stadt und musste bereits am Mittwoch wegen akuter Atemnot und starker Schweißausbrüche in die Notaufnahme eingeliefert werden, wo er Berichten zufolge verstarb. Die genaue Todesursache ist derzeit noch unklar und Gegenstand laufender Ermittlungen.

Elmas Topcu Reporterin und Redakteurin mit Blick auf die Türkei und deutsch-türkische Beziehungen@topcuelmas
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