Taliban wollen Medikamentenimport aus Pakistan verbieten
4. Dezember 2025
Mullah Abdul Ghani Baradar, der stellvertretende Regierungschef der Taliban, hat angekündigt, die Einfuhr pakistanischer Medikamente nach Afghanistan vollständig zu stoppen. Deren Qualität sei "schlecht", sagt der auch für Wirtschaftsangelegenheiten zuständige Top-Funktionär. Den Importeuren gab er drei Monate Zeit, ihre Schulden bei pakistanischen Unternehmen zu begleichen und neue Lieferquellen zu finden.
Die Ankündigung ist prekär. Laut Noorullah Noori, dem Generaldirektor für Verwaltungsangelegenheiten der Taliban, stammen bislang über 70 Prozent der in Afghanistan verwendeten Medikamente aus Pakistan. Doch die Grenze zwischen beiden Ländern ist seit fast zwei Monaten wegen eskalierender Spannungen und wiederholter Gefechte geschlossen.
Islamabad wirft den Taliban vor, militanten Gruppen wie der „Tehrik-e-Taliban Pakistan" (TTP) Schutz zu gewähren. Kabul weist diese Anschuldigungen zurück. Friedensgespräche unter Vermittlung der Türkei und Katars blieben bislang erfolglos.
Gesundheitsversorgung in großer Gefahr
"Viele Medikamente sind knapp geworden", berichtet Lina Haidari der DW. Die Aktivistin aus Herat sagt: "Ich finde meine dermatologische Salbe, die ich sonst problemlos in Apotheken bekommen habe, seit fast einem Monat nirgendwo mehr. Es fehlt an Antibiotika, Insulin und Herzmedikamenten."
Mit der Knappheit steigen auch die Preise weiter. Und auf lokalen Märkten kursieren zunehmend minderwertige, abgelaufene oder gefälschte Präparate.
"Man kann nicht erkennen, welche Medikamente echt und welche gefälscht sind", erklärt Haidari. Immer mehr Menschen greifen auf traditionelle Medizin oder pflanzliche Mittel zurück, um Krankheiten wie Diabetes zu behandeln, oft mit lebensgefährlichen Nebenwirkungen. Eine baldige Besserung der Lage hält sie für unwahrscheinlich.
Trotz zahlreicher Berichte über Versorgungsengpässe erklärte Gesundheitsminister Jalal Jalali jedoch, in Afghanistan bestehe "kein Medikamentenmangel".
Taliban suchen Alternativen in Indien
Die Taliban versuchen jetzt, den Bedarf aus anderen Ländern zu decken, etwa aus Indien. In Anwesenheit von Taliban-Vertretern unterzeichneten afghanische und indische Unternehmen diese Woche einen Vertrag im Wert von 100 Millionen US-Dollar über die Lieferung von Medikamenten.
Das indische Außenministerium bestätigte parallel die Bereitstellung von 73 Tonnen lebensrettender Arzneimittel, Impfstoffe und medizinischer Güter für Kabul, um den "dringenden Bedarf" des afghanischen Gesundheitssystems zu decken.
Diese Lieferung, die schätzungsweise drei bis vier Lastwagen umfasst, ist für ein Land mit über 40 Millionen Einwohnern vor allem eine symbolische Geste.
Ein afghanischer Pharmaunternehmer, der anonym bleiben möchte, sagt: "Einige Medikamente sind knapp, und die Preise steigen weiter. Wir versuchen, neue Lieferanten aus Indien, der Türkei oder dem Iran zu finden und gleichzeitig den Aufbau einer eigenen Produktion im Land voranzutreiben. Aber das wird Zeit brauchen."
Zivilbevölkerung zahlt den Preis
Afghanistan produziert seit Jahrzehnten nur einen minimalen Teil seiner Medikamente selbst. Fehlende pharmazeutische Infrastruktur, ein Mangel an Laboren, unzureichende Qualitätskontrollen sowie Probleme in den Lieferketten haben das Land strukturell von Importen abhängig gemacht.
Schon vor der aktuellen Krise war die medizinische Versorgung schlecht. Seit der Machtübernahme der Taliban leidet Afghanistan unter einer massiven humanitären Krise, verschärft durch Dürren, Überschwemmungen und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch.
Fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung beruhte auf externer Hilfe, die seit 2021 größtenteils weggebrochen ist, vor allem wegen der Politik der Taliban, insbesondere der systematischen Ausgrenzung von Frauen aus dem Gesundheitswesen, Bildungssektor und Arbeitsmarkt.
Laut UN benötigen rund 23 Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, humanitäre Unterstützung. Die Leidtragenden der Taliban-Politik, wie nun beim Importstopp von Medikamenten aus Pakistan, ist einmal mehr die afghanische Bevölkerung.