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Tansania: Safari für Touristen - Maasai verlieren ihr Land

Davide Lemmi | Marco Simoncelli
20. Januar 2026

In Tansania wächst der Safari-Tourismus - doch die Maasai kämpfen gegen Enteignung und Zwangsräumungen. Warum wirtschaftliche Interessen und "Naturschutz" die Einheimischen in einen Kampf ums Überleben treiben.

Ein junger Massai auf einem steinigen Weg
Ein junger Massai-Hirte geht mit seinen Ziegen die Straße entlang, die zum "Berg Gottes“ führt - einem aktiven Vulkan in der Nähe des Natronsees Bild: Marco Simoncelli/DW

Der "Berg Gottes" - Ol'doinyo Lengai für die Maasai - ist ein aktiver Vulkan, der nur wenige Kilometer von der Stadt Engare Sero im Norden Tansanias aufragt. Zu seinen Füßen liegt der schimmernde Salzwassersee Lake Natron, wichtigstes Brutgebiet für 75 Prozent der weltweiten Population der Zwergflamingos.

Doch der See ist nicht nur ökologisch bedeutend - für die Ethnie der Maasai ist er Teil ihres angestammten Landes. Viele von ihnen befürchten nun eine weitere großangelegte Vertreibung. "Ich wurde gezwungen, aus meinem Zuhause zu fliehen. Das Gebiet, in dem ich lebte, wurde in das Pololeti-Jagdreservat umgewandelt", sagt die 36‑jährige Nesikar Daudi, die inzwischen in Engare Sero lebt.

Im Jahr 2022 richtete die tansanische Regierung das Pololeti Game Reserve ein und erklärte es exklusiv für Jagd- und Tourismuszwecke. Tausende Menschen wie Daudi waren direkt betroffen oder wurden gewaltsam vertrieben. "Wir haben sehr wegen dieser Übernahme gelitten. Wir haben unser Vieh verloren, und Bulldozer haben unsere Häuser zerstört", erzählt Daudi. Sie und Hunderte andere zogen daraufhin an den Natronsee.

Laut Aktivist und Anwalt Joseph Oleshangay sind Wildreservate "im Wesentlichen ein Mechanismus zur Landenteignung"Bild: Marco Simoncelli/DW

"Naturschutz" als Vorwand?

Seit den 1990er‑Jahren hat Tansania seine Schutzgebiete um 20 Prozent ausgeweitet. Doch für den Anwalt und Aktivisten Joseph Oleshangay, selbst ein Maasai, hat die jüngste Politik wenig mit Naturschutz zu tun. "Es ist im Kern ein Mechanismus zur Enteignung von Land", sagt er. Hinter der Rhetorik des Naturschutzes stünden wirtschaftliche Interessen, insbesondere Tourismus und Trophäenjagd. "Die Idee ist, diese Gebiete zu leeren, damit sie zu etwas werden können, das Geld bringt."

Die Behörden berufen sich auf ein Gesetz, das die Umklassifizierung jeglichen Landes erlaubt, sofern es dem "öffentlichen Interesse" diene. De facto kann der Staatschef über das Schicksal ganzer Regionen entscheiden - ohne die betroffenen Gemeinden konsultieren zu müssen.

Maasai vom Tourismus ausgeschlossen

Tansania unterscheidet zwischen Game Controlled Areas (GCAs) und Wildlife Management Areas (WMAs). Offiziell dienen beide dem Schutz von Natur und Wildtieren, unterscheiden sich jedoch stark in Regeln und Auswirkungen auf die Bevölkerung:

Sowohl in WMAs als auch in GCAs sind menschliche Aktivitäten eingeschränkt, aber nicht vollständig ausgeschlossen. In WMAs sind Wohnen, Weidewirtschaft und manchmal auch Landwirtschaft erlaubt. In GCAs hingegen ist Landwirtschaft verboten, und Weidewirtschaft ist nur mit einer besonderen Genehmigung der zuständigen Behörde erlaubt, während Wohnen weiterhin gestattet ist. In Wildreservaten (Game Reserves) wie Pololeti ist die Anwesenheit von Menschen jedoch vollständig verboten.

Dieses Schild an einem der Eingangstore zum Pololeti-Wildreservat wurde von Maasai-Demonstranten während Protesten nach Zwangsräumungen beschädigtBild: Marco Simoncelli/DW

In Tansania gibt es mehr Wildreservate als Nationalparks - ihre Fläche ist in der Summe aber vergleichbar. Insgesamt stehen 43 Prozent der Landfläche Tansanias unter irgendeiner Form von Schutzstatus- rund 159.000 Quadratkilometer, mehr als die Fläche Malawis.

Engare Sero liegt an einem Vulkanfluss, der auf seinem Weg zum Natronsee Landwirtschaft, Viehhaltung und den Alltag der Menschen ermöglicht. Für Nesikar Daudi sind Berichte, wonach der Staat auch den Natronsee in ein Jagdreservat umwandeln will, alarmierend. "Wir sind damit überhaupt nicht einverstanden. Es wäre eine weitere Massenvertreibung", sagt sie. "Haben Sie das Seebecken gesehen? Dort weidet unser Vieh. Wenn daraus ein Wildreservat wird, müssten unsere Tiere in die Berge steigen, um Futter zu finden - das ist unmöglich."

Ein interner Bericht des Ministeriums für Naturressourcen und Tourismus, basierend auf dem Strategieplan 2021 - 2026, zeigt: 15 neue Gebiete - fast 7000 Quadratkilometer  - sollen von GCAs in Game Reserves umgewandelt werden. Davon liegen 4000 km² in der Region um den Natronsee. Betroffen wären Hunderttausende Menschen.

Die Verlockung der Touristendollars

"Die Regierung versucht seit Jahren, die Bewohner zu vertreiben, weil das Gebiet aus touristischer Sicht strategisch ist", sagt der Maasai-Wissenschaftler Navaya Ole Ndaskoi vom Forum der Nichtregierungsorganisationen von Viehhütern und indigenen Völkern (PINGOs Forum). Das Land rund um den Natronsee - etwa 3000 Quadratkilometer - ist bereits als GCA eingestuft. Vier Jagdblöcke sind an private Firmen verpachtet, die jährliche Gebühren von bis zu 300.000 US‑Dollar (255.000 Euro) zahlen.

Auch prominente Gäste kommen: Am 8. Juni 2023 besuchte Donald Trump Jr. Tansania, darunter die Region um den Natronsee. Laut lokalen Medien und Quellen bei der tansanischen Wildtierbehörde TAWA (Tanzania Wildlife Management Authority) gab er Zehntausende Dollar für eine Safari mit intensiven Jagdsessions aus.

Obwohl das Gebiet offiziell noch kein Wildreservat ist, verhalten sich TAWA‑Ranger nach Angaben vieler Bewohner bereits so. Mehrere Zeugen berichten, die Behörden würden die Bewegungsfreiheit der Gemeinden zunehmend einschränken. "Wir haben sie willkommen geheißen, und sie haben unser Land mit Gewalt genommen. Sie konsultieren uns nicht mehr. Jetzt kennen wir ihre wahren Absichten. TAWA ist kein guter Nachbar", sagt Nesikar Daudi.

Lebenswichtige Dienste gestrichen

Auch Gesundheitsdienste wurden ins Visier genommen - ähnlich wie zuvor im Ngorongoro-Schutzgebiet. 2022 entzog die Regierung ohne Angabe von Gründen den Flugzeugen des Flying Medical Service ihre Genehmigungen. Die gemeinnützige Organisation hatte seit 40 Jahren jährlich rund 30.000 Menschen im Norden Tansanias medizinisch versorgt - mit Impfungen, Betreuung von Risikoschwangerschaften und Notfalltransporten.

Die Folgen für die Menschen in der Region sind dramatisch. Die 28‑jährige Nalotwesha aus dem abgelegenen Dorf Napandi in der Nähe des Natronsees erlitt zwei Schlaganfälle. Beim ersten rettete ein medizinischer Notflug der Maasai das Leben. Beim zweiten war der Dienst bereits eingestellt.

Nalotwesha aus dem abgelegenen Dorf Napandi hat zwei Schlaganfälle erlitten. Beim ersten Mal wurde sie durch einen Notfallflug des Flying Medical Service gerettet - beim zweiten Mal war der Dienst bereits eingestellt.Bild: Marco Simoncelli/DW

"Das Flugzeug gab uns Hoffnung. Jetzt werden wir im Stich gelassen. Es gibt keine Ärzte und keine Medikamente in unserem Dorf", sagt sie. Durch die verzögerte Behandlung ist sie teilweise gelähmt. Sie lebt nun in der Nähe eines Krankenhauses in Arusha und ist in physiotherapeutischer Behandlung.

Bedrohter Lebensraum für Menschen und Tiere

Gebiete wie Lake Natron oder Pololeti liegen auf zentralen Wildtierwanderwegen, nahe wichtigen Nationalparks und unweit der kenianischen Grenze - ideal für Naturschutz und Tourismus, aber die dort lebenden Hirtengemeinschaften sind dadurch gefährdet.

Für die Maasai, die einst frei zwischen Tansania und Kenia wanderten, um Weideland zu finden, haben neue Grenzen und Schutzbestimmungen den verfügbaren Raum extrem eingeschränkt.

Übersetzt aus dem Englischen von Silja Fröhlich

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