Taylor Swift & parasoziale Bindungen: Jubel über Verlobung
27. August 2025
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Taylor Swift ist verlobt. In den sozialen Medien teilten Fans der Sängerin ihre persönlichen Reaktionen in ihren eigenen Posts. Zu sehen sind Menschen, die vor Freude schreien oder Tränen in den Augen haben. Ein TikTok-Video zeigt einen amerikanischen Professor, der eine Prüfung absagt, weil er sich nach dieser Nachricht genau so wenig konzentrieren könne wie seine Studierenden.
Besonders häufig wiederholen sich in den Social Media Media Posts Fragen wie "Warum freue ich mich gerade so sehr, als wäre es meine eigene Verlobung?" oder "Wie soll ich mich jetzt noch auf die Arbeit konzentrieren?"
Natürlich ist bei vielen eine gute Portion Augenzwinkern oder Übertreibung dabei. Aber immerhin haben innerhalb eines Tages mehr als 28 Millionen User den Instagram-Post zur Verlobung geliked.
Was steckt hinter dem Phänomen, Anteil am Leben einer Prominenten zu nehmen, als wäre es die beste Freundin?
Parasoziale Beziehungen: Einseitige Freundschaft
Wenn eine Person freundschaftliche oder romantische Gefühle für jemanden entwickelt, den sie nicht persönlich kennt, spricht man von einer "parasozialen Beziehung". Das kann mit Megastars wie Taylor Swift der Fall sein, aber auch mit Internet-Persönlichkeiten wie dem Lieblingsinfluencer oder dem Moderator des Podcasts, den man jede Woche hört. Der entscheidende Faktor: Der Celebrity weiß nichts von der Existenz der Person, die Anteil an seinem Leben nimmt. "Meine Freundin, die mich nicht kennt", nennt Psychologin Sonia Jaeger das Phänomen in ihrem Blog.
Das Konzept der parasozialen Beziehung geht Hand in Hand mit der wachsenden Popularität von Reality Shows im Fernsehen und sozialen Medien. Früher kannten Fans von ihren Idolen nur Projekte wie Filme oder Alben, und die wenigen Details, die zum Beispiel in der "Homestory" einer Zeitschrift veröffentlicht wurden.
Heute weiß man viel mehr aus dem Privatleben von Prominenten: Die Namen ihrer Haustiere, ihre Dating-Historie, wo sie Urlaub machen, mit welchen gesundheitlichen Problemen sie zu kämpfen haben. Entweder, weil die Stars diese Infos selber teilen, oder weil sie von der Vielzahl der Smartphones aufgenommen werden, die quasi pausenlos auf sie gerichtet sind.
Was passiert bei parasozialen Beziehungen?
Bei so viel Informationen kann die Illusion von Intimität entstehen, schreibt Jaeger. Es ist kein Wunder, dass sich Menschen, die wissen wie Taylor Swifts Katzen heißen, wie häufig ihre Mutter bereits den Krebs besiegte und wie viele teils toxische Beziehungen sie schon hinter sich hat, über ihre Verlobung freuen.
Das Bedürfnis, sich anderen verbunden zu fühlen, ist Teil der menschlichen Evolution. "Vor 250.000 Jahren mussten Menschen sich auf andere verlassen können, um zu überleben. Deswegen bauten wir soziale Beziehungen auf", sagt Arthur C. Brooks, Soziologe und Professor an der Harvard University. "Und deswegen fühlen wir uns von anderen angezogen und haben Interesse an ihrem Leben, wenn sie uns regelmäßig genug begegnen." Ob diese Begegnungen im echten Leben stattfinden oder es sich um ein Instagram Update handelt, ist dabei egal.
Sind parasoziale Beziehungen gesund oder ungesund?
Pauschal lässt sich nicht sagen, ob parasoziale Beziehungen gut oder schlecht sind. Es ist nichts dabei, sich über die Verlobung eines Weltstars mit einem Leistungssportler zu freuen, wenn das Ereignis einfach eine Ablenkung von all den schlechten Nachrichten ist, die sonst gerade die Weltöffentlichkeit beschäftigen.
Die Zugehörigkeit zu einer Fan-Gemeinschaft, die ein Interesse am Leben und Schaffen einer Person teilen und sich darüber austauschen, lässt Menschen sich weniger einsam fühlen. Während der COVID-19-Pandemie konnten parasoziale Beziehungen, die komplett online stattfinden, das Bedürfnis nach menschlicher Verbindung zumindest teilweise befriedigen, schreibt Jaeger.
Doch Experten sind sich auch einig: Parasoziale Beziehungen können niemals gegenseitige Beziehungen mit Menschen im "echten" Leben ersetzen. Prominente wie Taylor Swift und Travis Kelce spiegeln die Zuneigung ihrer Fans nicht persönlich zurück. Diese Art von Beziehung ist wie Fast Food, sagt Brooks: "Es schmeckt gut, hat aber keinerlei Nährwert und gibt uns nicht das, was wir brauchen."
Mit anderen Worten: Taylor Swift wird nicht gratulieren, wenn man selbst die Nachricht der eigenen Verlobung auf Instagram postet. Es braucht echte Freunde, die sich für uns freuen und die Zuneigung erwidern, die wir ihnen entgegenbringen.