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TerrorismusNigeria

Terrorismus in Nigeria: Neuer Korridor der Gewalt

Abiodun Jamiu
12. März 2026

Die nordwestlichen und zentralen Grenzregionen Nigerias entwickeln sich zu einem Zentrum für militante Gruppen aus dem Sahel. Die Sorge vor gewaltsamen Überfällen und der Ausbreitung von Terrorismus in der Region wächst.

Ein angesengtes Motorrad liegt auf einer staubigen Dorfstraße, im Hintergrund eine zerstörte Hütte
Dschihadistische Gruppen haben im Februar den Ort Woro überfallen und Menschen in der gesamten Region Kwara getötet oder vertriebenBild: Abiodun Sulaiman

In Nigeria beschränkten sich die Angriffe der islamistischen Bewegung Boko Haram bisher auf den Nordosten des Landes. Doch in jüngster Zeit haben Dschihadisten aus dem Sahel und terroristische lokalen Gruppen auch in Nigerias Norden und Nordwesten Fuß gefasst.

Experten gehen davon aus, dass die militanten Banden gut vernetzt sind. James Barnett ist ein in Lagos ansässiger Mitarbeiter der konservativen US-Denkfabrik Hudson Institute und forscht zu den dschihadistischen Gruppen in der Region. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Milizen sei nach wie vor komplex und vielschichtig, sagte Barnett im DW-Interview. Er fügte an, es gebe ein gewisses Maß an Zusammenarbeit zwischen ihnen.

Das von Gewalt betroffene Gebiet, bekannt als das Kebbi-Kainji-Borgu-Dreieck, erstreckt sich über die nigerianischen Bundesstaaten Kebbi, Sokoto, Niger und einen Teil von Kwara in Zentralnigeria. Es reicht über die Grenze in die Region Dosso in Niger und nach Alibori in Benin

Zu den Akteuren gehören einheimische Dschihadistengruppen wie Fraktionen von Boko Haram sowie die Ansaru- und die Mahmudawa-Gruppe. Aber auch lokale, kriminelle Banden destabilisieren die Region. Diese Gruppen sollen Hunderttausende Mitglieder zählen, die Dörfer überfallen und Gemeinschaften in der gesamten Region töten oder vertreiben.

Militärischer Druck

Terrorgruppen wie die mit Al-Kaida verbundene "Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimin" (JNIM) und "Islamischer Staat Sahel-Provinz" (ISSP) sitzen im Sahel längst fest im Sattel. Mit neuer Intensität versuchen sie, ihren Einfluss bis an die strategisch wichtige westafrikanische Küste auszudehnen - und nehmen dazu auch Nigeria ins Visier.

Unterdessen hat eine dem IS in der Sahelzone nahestehende Dschihadistengruppe namens Lakurawa ihre Operationen in grenznahen Gebieten der Bundesstaaten Sokoto und Kebbi im Nordwesten Nigerias ausgeweitet. Lakurawa ist zu einem Sammelbegriff für militante Gruppen in der Sahelzone geworden. Sie war auch das Ziel des US-amerikanischen Luftschlags auf mutmaßliche IS-Stellungen an Weihnachten 2025 in Nigeria. US-Präsident Donald Trump begründete dies mit dem Vorgehen der Islamisten gegen Christen; die nigerianische Regierung sprach dabei von einer Sicherheitskooperation.

Lakurawa hat seinen Einfluss über die Grenze hinaus nach Alibori in Benin und in die nigrischen Regionen Dosso und Tahoua ausgedehnt. Die Gruppe bestimmt vielerorts den Alltag der lokalen Gemeinschaften, ernennt Imame, erhebt Steuern und zwingt den Dörfern extremistische religiöse Ansichten auf.

Warum der Dreiländerkorridor?

Die Grenzgebiete zwischen Niger, Benin und Nigeria bilden ein riesiges Gebiet mit unterversorgten Gemeinden. Darüber hinaus gibt es ausgedehnte Waldreservate wie den Kainji-Nationalpark, die die Region durchziehen. In einigen dieser ländlichen Gemeinden wird die staatliche Ordnung kaum durchgesetzt, da die Sicherheitsvorkehrungen nachlassen. Das wiederum erschwert die Grenzkontrollen.

Analysten gehen davon aus, dass dieses Gebiet den bewaffneten Gruppen die Errichtung neuer Operationsbasen und den Ausbau ihres Logistiknetzwerks durch den Zugang zu Schmuggel- und illegalen Handelsrouten ermöglicht. 

Die Folgen eines Dschihadistenangriffs im Februar 2026 im zentralnigerianischen Bundesstaat KwaraBild: Abiodun Sulaiman

So wurden beispielsweise Mahmudawa-Kämpfer und auch andere Gruppen bei ihrem Vorgehen beobachtet: Sie wechseln zwischen ihren traditionellen Hochburgen in Kwara und Nachbargebieten in Benin hin und her, um diesen Korridor zu etablieren.

Wie das Netzwerk arbeitet

Laut Barnetts Recherchen gibt es im Dreiländereck durchaus Kooperationen zwischen Gruppen wie JNIM und der Mahmudawa-Gruppe sowie zwischen Lakurawa und einer Fraktion von Boko Haram. Analysten argumentieren, dass beispielsweise die Mahmudawa-Gruppe über potenzielle Verbindungen verfügt. Das habe wohl dazu beigetragen, den Zugang zu lokalen Netzwerken für JNIM zu erleichtern. Dadurch können die Kämpfer in die Gebiete vordringen und Stützpunkte im Kainji Lake Nationalpark errichten.

"Über das Ausmaß der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen bewaffneten Gruppen entlang der Kainji-Achse ist noch vieles unklar", sagt Barnett. "Aber es scheint, dass es ihnen weitgehend gelungen ist, Konflikte zu vermeiden. Das ist besorgniserregend", so Barnett gegenüber der DW.

Interne Kämpfe zwischen dschihadistischen und bewaffneten Gruppen hätten ihre Ausweitung teilweise eingeschränkt. Das gebe entlang dieser Achse "jeder Gruppe ein gewisses Maß an Freiheit, ihre eigenen Operationen durchzuführen, was der lokalen Sicherheit sehr zuwiderläuft".

Barnett merkte an, dass es offenbar "eine Zusammenarbeit zwischen mehreren der dort ansässigen Gruppen" gebe. "Ich erwarte nicht, dass sich alle Gruppen in absehbarer Zeit unter einer einzigen Flagge vereinen werden, aber die Dynamik dort bereitet Sorgen."

Regionale Stabilität bedroht

Experten befürchten, der entstehende Korridor könnte die Sicherheitslage in Nigeria verändern. Diese Region, die bereits durch schwache Zusammenarbeit geprägt ist, könnte sich weiter destabilisieren. Das hätte auch Auswirkungen auf den Austausch von Geheimdienstinformationen und gemeinsame Operationen, die behindert werden könnten. Die schwache staatliche Kontrolle ermöglicht es dschihadistischen Gruppen wie Lakurawa oder dem IS, über die durchlässigen Grenzen zu Niger und Benin hinweg zu operieren.

Diese Lücken müssten dringend geschlossen werden, fordert Heni Nsaibia, Spezialist für die Region bei der Organisation ACLED. Die globale Organisation sitzt im US-Bundesstaat Wisconsin und sammelt Daten über Konflikte weltweit. Nsaibias Arbeit konzentriert sich auf die Beobachtung von Konfliktentwicklungen speziell in Mali, Burkina Faso und Niger sowie auf die Analyse der Lage in der Sahelzone. Weniger durchlässige Grenzen würden verhindern, dass die Gruppen das Gebiet "infiltrieren und sich auf die andere Seite der Grenze zurückziehen", sagt er zur DW. 

Warum sich die Hungerkrise in Nigeria verschärft

03:22

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Nigeria sieht sich an vielen Fronten einer instabilen Sicherheitslage gegenüber. Die zahlreichen Wälder im Nordwesten und in Teilen der Zentralregion bieten Banditen Unterschlupf.

Das Militär des Landes ist aufgrund von Einsätzen in anderen Gebieten stark beansprucht: Insbesondere bei der Bekämpfung von Boko Haram und seinen Fraktionen im Nordosten, aber auch von Separatisten im Südosten. Hinzu kommt noch ein zunehmend gewaltsamer Konflikt zwischen Bauern und Hirten über Zugang zu Wasser und Land in Zentralnigeria.

Neue Aufstände entlang des Dreiecks Kebbi-Kainji-Borgu würden laut Heni Nsaibia die ohnehin schon knappen Ressourcen noch stärker belasten.

Im Kern gehe es darum, "den lokalen Grenzgemeinden Sicherheit zu bieten". Dafür "braucht es ein gewisses Maß an regionaler Zusammenarbeit und Koordinierung der Grenzsicherheit", sagte Nsaibia. Gleichzeitig müsse das Vertrauen zu den lokalen Gemeinschaften wiederhergestellt werden.

 

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

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