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Politik

Testlauf für griechische Staatsanleihe

Jannis Papadimitriou Athen
27. Juli 2017

Zum ersten Mal seit dem Amtsantritt von Linkspremier Alexis Tsipras erhält Griechenland Geld am freien Kapitalmarkt. Die Regierung jubelt, Experten mahnen aber weitere Reformen an.

Symbolbild Griechenland Schuldenkrise
Bild: picture-alliance/dpa/S. Hoppe

Auf den ersten Blick sorgen die Zahlen für gute Stimmung: Frische Kredite in Höhe von drei Milliarden Euro bekommt Hellas diese Woche am Anleihenmarkt nach dreijähriger Abstinenz. Nach Angaben des griechischen Finanzministeriums seien Gebote in Höhe von mehr als sechs Milliarden eingegangen. Der Zinssatz beträgt effektiv 4,6 Prozent bei einer Laufzeit von fünf Jahren. Ein voller Erfolg? Das glaubt jedenfalls die Athener Regierung. Die Platzierung der Anleihe sei "ein wichtiger Schritt und der Anfang vom Ende (der Krise)", sagte Regierungschef Alexis Tsipras im Interview mit dem TV-Sender Alpha.

Erfreut zeigte sich der Linkspolitiker über den angeblich niedrigen Zinssatz und das "hohe Niveau" der Anleger. Im Klartext: Keine Spekulanten und Pleitegeier, sondern langfristig denkende Anleger hätten ihr Geld in griechische Anleihen investiert, vermutet der Premier. Von einem "Vertrauensvotum für die Wirtschaft" des Landes spricht die linksgerichtete Zeitung der Redakteure.

Wirtschaftsexperte: Nur der Anfang eines langen Weges       

Panagiotis Petrakis, Wirtschaftsprofessor an der Universität Athen, plädiert jedoch für eine nüchterne Betrachtung der Fakten. Zwar sei die erfolgreiche Platzierung ein positiver Schritt, aber nur der Anfang eines langen Weges in Richtung Selbstfinanzierung, mahnt der Ökonom im Gespräch mit der DW. Wichtige Fragen bleiben offen: "In absehbarer Zeit muss geklärt werden, ob Schuldenerleichterungen für Griechenland zustande kommen, ob die griechischen Banken nachweislich stabil sind und nicht zuletzt auch, ob das politische Risiko im Land endgültig verschwindet. Darauf kommt es an."

Was den aktuellen Zinssatz betrifft: Mit 4,6 Prozent sei er zwar etwas niedriger als bei der letzten Emission eines fünfjährigen Bonds im Krisenjahr 2014. Seine Höhe sei trotzdem nicht zu unterschätzen, angesichts des niedrigen Zinsniveaus in Europa und auch der Tatsache, dass "Deutschland von den Anlegern sogar Geld bekommt, um ihre Ersparnisse zu hüten".  

Griechenland ist wieder kreditwürdig

01:55

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Streit um das Krisenjahr 2014

Zu den Besonderheiten griechischer Politik gehört, dass man gerne Bezug auf die Vergangenheit nimmt und scharfe Trennlinien zwischen Freund und Feind zieht. So auch diesmal: In aller Ausführlichkeit wird die Frage erläutert, ob die jüngste Platzierung zu besseren Konditionen als die 2014 ausgegebene Anleihe erfolgt. Schon der damals regierende Konservativen-Chef Antonis Samaras hatte eine baldige Rückkehr Griechenlands an den Kapitalmarkt in Aussicht gestellt, konnte sein Versprechen jedoch nicht einhalten.

Heute spricht der konservative Oppositionschef Kyriakos Mitsotakis von "drei verlorenen Jahren" für das krisengebeutelte Land und wirft dem seit 2015 regierenden Linkspremier Tsipras vor, den Testlauf für die angestrebte Rückkehr an den Kapitalmarkt "sehr teuer" bezahlt zu haben. Jedenfalls seien die Kosten für die jüngste Anleihen-Platzierung eindeutig höher als 2014, rügt Mitsotakis.   

Experten mahnen weitere Reformen an

Politikwissenschaftler Jorgos Tzogopoulos weist darauf hin, dass auch Konservativen-Chef Samaras in den letzten Monaten seiner Regierungszeit zugesagte Reformen verschleppt hat. Dennoch: "Vor drei Jahren erschien die Lage in Hellas insgesamt besser. Frühere Sparpakete hatten schon Wirkung gezeigt und außerdem waren die Menschen damals nicht so reformmüde wie heute", sagt Tzogopoulos der DW.

Die Rückkehr Griechenlands an die Märkte könne jedenfalls nur dann gelingen, wenn das Land nun verstärkt Reformen durchführt, die kommende dritte Überprüfung seiner Reformbemühungen unter Dach und Fach bringt sowie das laufende Hilfsprogramm wie vereinbart im August 2018 erfolgreich abschließt. Auf die ausstehenden Reformen weist nicht zuletzt das unabhängige Haushaltsbüro des griechischen Parlaments hin. Zwar sei der Markttest ein positiver Schritt, doch es drohe die nächste Rezession, falls Athen "den Pfad der Reformen verlässt", heißt es im jüngsten Bericht der Haushaltsexperten.

Viele Läden mussten wegen der Krise schließen - wie diese Buchhandlung in Athen Bild: DW/J. Papadimitriou

Weitere Marktgänge erwartet

Ermuntert durch seinen Testlauf kündigt Finanzminister Euklid Tsakalotos weitere Versuche an. "Es wird einen zweiten und dritten Marktgang geben", erklärt er im Staatsfernsehen ERT. Wie vereinbart soll dann Griechenland im August 2018 das laufende Sparprogramm hinter sich bringen und "selbstbewusst" an die Märkte zurückkehren, fügte er hinzu. Die in Aussicht gestellten weiteren Testläufe (mit einer Laufzeit von vermutlich nur wenigen Jahren) sollen als Reifezeugnis für die Markttauglichkeit Griechenlands dienen. Wie alle anderen Euro-Länder auch, soll sich Hellas ab Herbst 2018 selbst finanzieren können - durch vertrauenswürdige Anleihen mit einer Laufzeit von mindestens zehn Jahren. 

Ob diese mittelfristige Rechnung tatsächlich aufgeht, ist die Frage aller Fragen. Die konservativ-liberale Zeitung "Kathimerini" mahnt zur Vorsicht und gibt zu bedenken, dass auch eine erfolgreiche Ausgabe von Anleihen den Erfolg weiterer Emissionen nicht unbedingt garantiert. Panagiotis Petrakis glaubt jedenfalls nicht an ein Wunderrezept, sondern an mühsame Reformarbeit:  "Reformen bringen Wachstum, durch Wachstum wird auch die Schuldenlast bedient und wird tragfähig. Aber das braucht viel Zeit."  

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