Thailand: Der kranke Fluss Kok
21. September 2026
Der Mönch Ajarn Mahanikom erinnert sich genau an den Moment, als er sich zum Umweltaktivisten wandelte. Während eines Spaziergangs auf der Brücke Tha Ton bemerkte er, wie der Nam Mae Kok träge durchs Tal floss und in einem unnatürlichen Orangebraun verfärbt war. Der stellvertretende Abt zweier Tempel beschreibt seine Eindrücke: "Ich fühlte mich, als würde ich durch die Glasscheiben einer Intensivstation auf einen Patienten blicken. Der Fluss war schwer krank, und ich konnte ihm nicht helfen."
Der Kok, auch Nam Mae Kok genannt, ist ein Nebenfluss des Mekong mit einer Länge von knapp 230 Kilometern. Er entspringt im benachbarten Myanmar und dient den Anrainerregionen als wichtige Wasserquelle. Allerdings haben chinesische Unternehmen im Oberlauf in Myanmar großflächigen Bergbau betrieben, um Gold und Seltene Erden abzubauen. Dies hat zu einer erheblichen Verschmutzung des Flusses geführt.
Bereits im Januar 2025 berichtete die Deutsche Welle (DW) über die Verschmutzung der Flüsse Kok und Sai sowie die wachsende Besorgnis der Anwohner. Im März desselben Jahres begannen die thailändische Umweltbehörde und Wissenschaftler, die Gewässer systematisch und regelmäßig zu untersuchen.
Die Ergebnisse sind alarmierend: Im Wasser und in den Sedimenten wurden durchgehend erhöhte Konzentrationen von Arsen festgestellt. Giftige Arsenverbindungen kommen in der Natur zwar vor und gelangen infolge von Bergbauaktivitäten ins Grundwasser. Zudem wurden weitere Schwermetalle wie Cadmium und Quecksilber nachgewiesen. Stellenweise überschreitet die Arsenbelastung den zulässigen Grenzwert um das Dreifache.
Kulturlandschaften bedroht
Das bergige Hochland entlang des Kok gehört zu den vielfältigsten Kulturlandschaften Thailands. Verschiedene Volksgruppen wie die Shan, Lahu und Hmong leben entlang der Ufer. Trotz ihrer sprachlichen und kulturellen Unterschiede verbindet sie eine enge Beziehung zum Fluss. Besonders die Lahu sind für ihre enge Bindung ans Wasser bekannt und gelten als geschickte Fischer. Generationenlang fuhren sie morgens hinaus, stellten ihre Netze aus und verkauften den Fang auf lokalen Märkten. Heute liegen ihre Boote ungenutzt auf Sandbänken entlang des Flusslaufs.
Eines dieser Boote gehört dem 51-jährigen Jaoh Jabu. Der Rumpf ist rostig, und die Farbe blättert ab. In der Nähe steht seine Bambushütte, in der die alten Fischernetze aufbewahrt werden. Während Jaoh von seinem früheren Leben als Fischer erzählt, faltet er ein Netz sorgfältig zusammen, als gehöre es weiterhin zu seinem Alltag. Er berichtet: "Mein Leben hat sich komplett verändert. Fischfang war meine einzige Lebensgrundlage." Heute bekommt er Hautausschläge an den Beinen, wenn er längere Zeit im Wasser steht.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass eine erhöhte Arsensättigung neben Hautschäden auch das Krebsrisiko erhöhen kann. Zudem werden Kreislaufstörungen und Diabetes mit dem geruch- und geschmacklosen Gift in Verbindung gebracht. Anfangs versuchten die Lahu noch, ihre Fische auf dem Markt in Tha Ton zu verkaufen, doch niemand wollte Fische aus dem Kok kaufen. Dies führte zu einem erheblichen Einkommensverlust vieler Familien. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, sammeln die Lahu nun Bananenblüten und Wildpflanzen im Wald. Was früher ein Nebenerwerb war, ist für sie mittlerweile existenziell.
Urlauber bleiben fern
Auch die touristische Infrastruktur in Tha Ton leidet unter der Vergiftung. Früher war der Kok hier ein beliebtes Ausflugsziel: Boote fuhren Tagestouristen den Fluss entlang, Familien nutzten das Wasser zum Baden, und Restaurants profitierten vom Besucheraufkommen. Heute ist der Anleger verwaist. Die Unternehmerin Jirapad Kanthiyachai betreute früher Flößertouren, berichtet jedoch, dass alle Angst vor dem verseuchten Wasser haben und keine Touristen mehr kommen. Sie lebt inzwischen von Gelegenheitsarbeiten.
Für Mönch Mahanikom im flussnahen Kloster Phawana Nimit ist das stille Meditieren vorbei. Er organisiert Pilgermärsche entlang des Kok, führt Gespräche mit Wissenschaftlern und appelliert unermüdlich an die Regierungen, das grenzüberschreitende Problem endlich anzugehen. Obwohl es in der thailändischen Mönchsgemeinschaft als unüblich gilt, sich politisch zu engagieren, zeigt er keine Zurückhaltung. "Wenn ein Kind krank ist, tun Eltern alles, um zu helfen", sagt Mahanikom. Die Natur sei im Buddhismus Ausdruck des Dharma, der natürlichen Ordnung der Welt, die alles Leben erhält. "Wenn wir Wasser und Wald schützen, schützen wir unser eigenes Leben und das Leben anderer."
Mahanikom, selbst Angehöriger der Shan-Ethnie, setzt sich seit mehr als zwanzig Jahren für die Rechte staatenloser Minderheiten ein. Nun kämpft der 61-Jährige vor allem für den Schutz des Flusses, von dem alle Anwohner leben.
Verschmutzungen in Myanmar
Die Quelle der Verschmutzung liegt in der Bergwelt des myanmarischen Shan-Staates, wo im großen Stil Gold und Seltene Erden abgebaut werden. Die Shan Human Rights Foundation (SHRF) warnt, dass der Abbau immer weiter in die bewaldeten Bergregionen vordringt. Auf Satellitenbildern sind wachsende Goldminen sowie neue Zufahrtsstraßen zu sehen. In den vergangenen Jahren entstanden außerdem mindestens zwei neue Minen für Seltene Erden.
Der Abbau von Seltenen Erden erlebt im von Bürgerkriegen geprägten Myanmar einen Aufschwung. Seit dem Militärputsch vor fünf Jahren ist die Zahl der Abbaustandorte im Shan-Staat von 12 auf 85 gestiegen. Gleichzeitig haben ethnische Milizen ihre Gebietsansprüche erweitert und nutzen die Bodenschätze zur Finanzierung ihres Kampfes. Die Minen am Kok liegen in einem weitgehend autonomen Gebiet in Myanmar, das von der United Wa State Army (UWSA) kontrolliert wird. Diese ethnische Wa-Rebellenarmee steht in engem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch mit China, mit dem sie eine gemeinsame Grenze von mehr als 1000 Kilometern teilt.
Vor allem chinesische Firmen treiben den Bergbau voran. Laut der Shan Human Rights Foundation betreibt die vom chinesischen Staat unterstützte China Investment Mining Company die Minen am Kok. Sie baut nicht nur Gold ab, sondern auch Seltene Erden, die für Technologien wie Smartphones, Elektroautos und Windkraftanlagen gebraucht werden.
China dominiert den internationalen Markt für Seltene Erden, etwa 90 Prozent der weltweiten Menge werden dort verarbeitet. Myanmar zählt zu den wichtigsten Lieferanten dieses Rohstoffs. Besonders bei den schweren Seltenen Erden nimmt das südostasiatische Land mit einem Marktanteil von 10,6 Prozent weltweit den dritten Platz ein.
Anwohner sehen China in der Pflicht
Der thailändische Abt Mahanikom sieht daher China in der Verantwortung. Peking müsse sich der Folgen wirtschaftlicher Aktivitäten bewusst sein und die Auswirkungen auf die Menschen berücksichtigen, die mit den Konsequenzen leben müssen. "Wer wirtschaftlichen Nutzen aus einer Region zieht, muss auch für die Menschen sorgen, die mit den Folgen leben", betont er.
Diese Forderung findet nach wie vor Unterstützung. Im Juli protestierten mehrere Dutzend Umweltaktivisten vor dem chinesischen Konsulat in der thailändischen Stadt Chiang Mai. Die Demonstration eskalierte. Es kam zu einem Handgemenge mit der Polizei, bei dem zwei Personen verletzt wurden.
China reagierte ausweichend: Die Botschaft in Thailand erklärte, chinesische Unternehmen im Ausland seien verpflichtet, die Gesetze des jeweiligen Gastlandes einzuhalten. Gleichzeitig unterstütze Peking eine wissenschaftliche und verantwortungsvolle Untersuchung durch Thailand und Myanmar. Das Problem solle im Rahmen "freundschaftlicher Konsultationen" gelöst werden.
Thailand verweist mit seinen Wasseranalysen auf die Bergbauaktivitäten im benachbarten Myanmar. Die Militärjunta in Myanmar lehnt jedoch jede Verantwortung ab, da keine Genehmigungen für den Abbau erteilt worden seien. Zudem bezweifeln die Putschgeneräle, dass der Bergbau die Verschmutzung verursache, wie sie den Vereinten Nationen mitteilten. Immerhin verständigten sich Thailand und Myanmar inzwischen auf die Einrichtung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe. Die Wa-Rebellenarmee, die in der Region faktisch die Macht ausübt, schweigt bislang zu den Vorwürfen.
Während sich die Regierungen gegenseitig die Verantwortung zuschieben, verändern die Auswirkungen der Schadstoffbelastung das Leben der Menschen vor Ort zunehmend und verursachen hohe Kosten. Laut Schätzungen des regionalen Nachrichtenportals Lanner könnten ein Jahr Stillstand des Kok Fluss für Tourismus, Landwirtschaft und Fischerei rund 34 Millionen Euro Schaden bedeuten. Der Tourismussektor allein erleidet Verluste von etwa 20 Millionen Euro.
Mönch Ajarn Mahanikom weist jedoch darauf hin, dass die größten Verluste nicht finanzieller Natur seien: "Am schwersten wiegt der Verlust von Kultur und jahrhundertealten Bräuchen, die untrennbar mit dem Fluss verbunden sind." Den Verlust dieser traditionellen Lebensweise lasse sich nicht in Zahlen fassen.