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Reise

Thailand - ein Paradies im Ausnahmezustand

Dan Hirschfeld
30. November 2016

Weißer Sand, blaues Wasser, Sonne satt - so sieht für viele der perfekte Thailand-Urlaub aus. Doch seit den Bombenanschlägen im August bleiben viele Urlauber weg. Und der Tod des Königs macht die Lage nicht einfacher.

Thailand
Bild: DW/D. Hirschfeld

Die Radiosender spielen wieder Musik. Es gibt wieder Parties. Straßenmärkte dürfen wieder öffnen. Und doch kann von Normalität keine Rede sein in Thailand. Das merke ich schnell, auf dem Weg vom Flughafen Suvarnabhumi ins Zentrum der Hauptstadt Bangkok. Stopover, sechseinhalb Stunden Aufenthalt auf meinem Weg auf die Ferieninsel Koh Samui. Die einen Monat dauernde Staatstrauer nach dem Tod des beliebten Königs Bhumibol ist vorüber, das einjährige Trauerjahr noch nicht. Erst danach kann der umstrittenen Kronprinz Vajiralongkorn zum Nachfolger gekrönt werden. Noch immer tragen viele Frauen und Männer Schwarz. Eine bedrückende Stimmung, wenn man die quirlige Millionenmetropole Bangkok von früheren Besuchen kennt. Viele Thailänder leben weiter in einer Mischung aus Trauer und Verunsicherung. 

Der König war ein Garant für Zusammenhalt und Stabilität

Warum das so ist, erfahre ich später von einem Zimmermädchen im Hotel: Der König, "ihr" König wie sie sagt, war nicht nur der angesehene Monarch und Landesvater, der landesweit Initiativen startete, um das Leben der armen Bauern zu verbessern. Oder allen Schichten seines 70-Millionen-Volkes Bildung zugänglich zu machen. Der in den USA geborene und in der Schweiz aufgewachsene König war auch Garant für Stabilität. Ein Anker in einem tief gespaltenen, ja zerrissenen Land. Zwei Dutzend Regierungen gaben sich die Klinke in die Hand, zwanzigmal putschten die Militärs. Und König Bhumibol stand über allem, von allen verehrt und geachtet. Ein Garant für den Zusammenhalt und eine moralische Instanz.

Full-Moon-Party: einen Monat nach dem Tod des Königs ist Feiern wieder erlaubtBild: DW/D. Hirschfeld

Dieser Anker fehlt jetzt. Für die tief gespaltene Gesellschaft zum Beispiel, in der sich die "Rothemden" - Anhänger des im Exil lebenden früheren Ministerpräsidenten Thaksin Shinawatra - und die "Gelbhemden" - die sich selbst Demokraten nennen und aus den wohlhabenden Schichten der Städte kommen - unversöhnlich gegenüber stehen. Seit Jahren schon. Der letzte Militärputsch hat die Kämpfe beendet, aber im Untergrund schwelt es weiter. 

Existenzen stehen auf dem Spiel

Und die Ungewissheit über die Zukunft dieses Landes wächst von Tag zu Tag. Und die Angst vieler Thailänder um die eigene Existenz. Denn Thailand ist zu großen Teilen abhängig vom Tourismus. 30 Millionen Besucher kommen pro Jahr, verbringen ihren Urlaub an weißen Stränden mit azurblauem Wasser. Oder durchstreifen als Rucksacktouristen einige der 76 Provinzen des Landes. Und alle geben Geld aus, ernähren so den Kellner im Fünf-Sterne-Hotel auf Koh Samui, den Fahrer des Motorrad-Taxis im Verkehrsdschungel der Hauptstadt Bangkok und die Frau, die in Pattaya Bananen und Mangos verkauft.

Koch Mattias Pawlik betreibt auf Koh Samui ein EdelrestaurantBild: DW/D. Hirschfeld

Aber die Saison läuft katastrophal. Mattias erzählt mir das, an einem polierten Holztisch seines Edel-Restaurants auf der Ferieninsel Koh Samui. Anders als der Name es vermuten lässt, ist Mattias geborener Thailänder. Aber er wurde als kleines Kind adoptiert, wuchs in der Schweiz auf. Und kam als Koch zurück, der die Sterne-Küche beherrscht. Mattias spricht aus, was vielen seiner Landsleute Angst macht. Und was von offizieller Seite verschwiegen oder sogar geleugnet wird: Russen und Chinesen kommen nicht mehr so zahlreich wie früher. Europäer weichen nach Vietnam aus oder Malaysia. Überall stehen Geschäfte leer, überall kann man Häuser zu Spottpreisen kaufen. Investoren und internationale Hotelketten legen Bauprojekte auf Eis, warten ab, wie sich Thailand weiter entwickelt. 

Krisen - schon seit langem

Begonnen habe all das schon 2014, erzählt Mattias, als sich Rot- und Gelbhemden wochenlang Straßenschlachten lieferten. Erst ein Militärputsch beendete die Kämpfe. Aber massiv verschlechtert habe sich die Lage erst vor wenigen Monaten, Mitte August. Da nämlich explodierten im Seebad Hua Hin auf der Ferieninsel Phuket und in mehreren anderen Provinzen Bomben. Nicht irgendwo, sondern da, wo sich Touristen aufhalten. Es gab Tote und Verletzte. Seitdem werde regelmäßig der Kofferraum seines Autos durchsucht, wenn er einkaufen fahre.  Ob die Anschläge das Werk von Separatisten im muslimischen Süden Thailands (hier schwelt schon seit Jahrzehnten ein Konflikt) waren, ist umstritten. Aber eigentlich spiele das auch gar keine Rolle, sagt Mattias. Das einzige, was zähle sei, dass viele Touristen verunsichert sind. Und Thailand den Rücken kehren. 

Taxi-Boot: Warten auf KundenBild: DW/D. Hirschfeld

Ähnliches höre ich auch am Strand von Koh Phangan. Früher, so erzählt mir der Besitzer eines kleinen Holzbootes, hätten er und seine Kollegen bis spät in die Nacht Touristen zwischen den Inseln hin und her gefahren. Heute sei er froh, wenn sein Boot zwei, dreimal voll werde. Und ja, die "Full Moon Parties" seien immer noch gut besucht. Aber früher sei es eben voller gewesen.

Die Leichtigkeit ist weg

Apropros Full-Moon-Party: Am Hafen von Koh Phangan merke auch ich, der Tourist, dass sich etwas verändert hat, seit meinem letzten Besuch vor acht Jahren. Auf dem Weg zum Strand muss ich wie alle Besucher der Party durch einen Metalldetektor, wie am Flughafen. "No Problem, Sir", grinst mich der Polizist daneben an. Aber die Leichtigkeit und Sorglosigkeit, die ich von früher kenne, sie will sich nicht so richtig einstellen an diesem Abend.

Metalldetektoren gibt es auch in der Hauptstadt Bangkok. An U-Bahn-Eingängen zum Beispiel. Und auf Bahnhöfen. Auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel musste ich hier mehrfach meinen Koffer öffnen. Kein Problem. Aber eine neue Erfahrung im "Land des Lächelns". 

Metalldetektoren und Gepäckkontrollen sollen für Sicherheit sorgenBild: DW/D. Hirschfeld

Einer der Wachleute entschuldigt sich in gebrochenem Englisch für die Unannehmlichkeiten, fragt mich, woher ich komme. Und erzählt mir, dass er früher am Flughafen gearbeitet hat. Dort aber sorgten jetzt Polizei und Soldaten für Sicherheit. Ich frage ihn, ob er Angst hat seit den Bombenanschlägen. Er sagt eine Weile gar nichts. Und nickt dann, fast vorsichtig. Er reibt eine Münze zwischen den Fingern, zeigt mir das Portrait darauf, ein Bild des allgegenwärtigen Königs. Am schlimmsten, sagt er schließlich, sei die Ungewissheit. Wie es weiter gehen soll in Thailand, ohne den König. Als ein Kollege dazukommt, dreht er sich weg.   

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