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Gedichte über das Artensterben

Klaus Esterluss
21. März 2018

Tierlyrik ist politisch, sagt Mikael Vogel. In seinem Gedichtband "Dodos auf der Flucht" hinterfragt er die Schuld des Menschen am massenhaften Aussterben der Tiere.

Dodo Illustration
Bild: Fotolia/Morphart

Der Lyriker und Schriftsteller Mikael Vogel hat einen Lyrikband veröffentlicht, ein Anti-Bestiarium, wie er es nennt. Darin versammelt er Tierarten, die verschwunden sind, oft und vor allem durch das Zutun des Menschen. Es ist nicht seine erste Arbeit zum Artenschutz, Vogel hat darüber auch schon in einem Band über Massentierhaltung geschrieben. Wir haben mit ihm über die politische Bedeutung seiner Arbeit gesprochen und darüber, wie viel Lyrik in Sachen Umwelt- und Artenschutz leisten kann.

Global Ideas: Herr Vogel, ich nehme an, dass man eine gewisse Anfangsmotivation braucht, um sich lyrisch mit dem Thema Artensterben zu befassen - welche ist das bei Ihnen?

Der Lyriker Mikael Vogel - in klarer Sprache für das Überleben der ArtenBild: Sandra Fischer

Ich bin in das Thema ausgestorbene Tiere über die Paläontologie gekommen, quasi die Schatzkammer vergangenen und verloren gegangenen Lebens, die der Planet ja auch ist, neben dem Reichtum an Tieren und Arten, den wir kennen.

Am Anfang standen viele ganz skurrile Tierarten. Und ich wusste sofort, dass das so etwas wie das Foto-Negativ dessen ist, was wir als Artenvielfalt kennen. Das ist ein tolles Konzept für ein Buch und dann habe ich die Rolle des Menschen sehr deutlich als roten Faden gesehen. Seit der Mensch angefangen hat, sich auf dem Planeten auszubreiten, haben immer wieder Ausrottungen stattgefunden. Und darüber kommt man natürlich auch schnell auf das Thema Habitate, Habitatzerstörung, Landwirtschaft und wie das alles zusammenhängt.

Paläontologie ist nun auch nicht unbedingt etwas, was jeder als sein Steckenpferd benennen würde, hatten Sie da vorher schon Interesse?

Hatte ich vorher nicht. Ich bin da rein gestolpert, über einen Zufalls-Buchfund auf dem Flohmarkt und dann hat sich das ergeben. Also, ich hatte dann die Idee, ich mache jetzt ein Anti-Bestiarium, ein Bestiarium der Verschwundenen. Und dann hab ich angefangen, gezielt mir das Material zu suchen.

Sind Sie also gezielt losgegangen und haben Bibliotheken durchforstet?

Ich hab sofort mit Buchkäufen angefangen, also ich habe mir die Bibliothek nach Hause geholt. Ich brauchte das auch, jedes Buch zu kaufen, weil ich sie mir vollgeschrieben habe mit Notizen, mit eigenen Registern, mit Stichpunkten, die ich dann später weiter verfolgt habe, auch Jahre später. Und so hat sich das auch immer mehr ausgebreitet.

Das Aussterben der Arten hängt eng mit den Entdeckungsreisen der Menschen zusammenBild: picture alliance/dpa/akg-images/D. Borland

Nach welchen Kriterien haben Sie die Tiere gesucht - waren es am Anfang vielleicht besonders auffällige, große, kleine, bunte Arten?

Das war so ein Ausstrahlen in alle Richtungen, aber tatsächlich große, spektakuläre Tiere, aber auch kleine - Insekten, Schmetterlinge. Es haben sich immer wieder neue Türen geöffnet. Ich habe dann auch große Mühe in eine Vielfalt im Buch gesteckt, also zum Beispiel auch Fische drin zu haben. Auch Tiere, die vielen Menschen erstmal unsympathisch sind, Spinnen zum Beispiel. Wenn viele Menschen Aversionen haben, löst man etwas aus, allein dadurch, dass eine Spinne Protagonistin eines Gedichtes ist.

Das Buch hat eine wiederkehrende Struktur, es gibt Kapitel, sogenannte Zeitkapseln, dazwischen die Gedichte - was steckt hinter dieser Struktur?

Die Zeitkapseln sind im Buch als eine Art grauer Faden eingestreut, also tatsächlich weiß auf grau gedruckt. Sie behandeln die Evolution des Menschen vom allerersten Anfang bis hin zu historischen Schlüsselmomenten und geben ganz am Schluss einen Ausblick in die Zukunft. Die stellen eine Art Kontrapunkt zu den ganzen Tiergeschichten dar und verhandeln gleichzeitig den Machtaufstieg der Menschen, der hinter all diesen Fallgeschichten der Tiere steckt. Denn nur sehr selten waren diese Aussterbe-Vorgänge Zufälle. Sie waren viel mehr verbunden mit Kopfgeld, mit gezielter Ausrottung, mit erklärten Feindschaften, Futter-Konkurrenz und Vorherrschaft um Landschaften.

Wenn wir durch das Buch gehen, wo fangen wir an, welche Kapitel gibt es?

Das Buch fängt an bei historischen Ausrottungs-Geschichten. Dann kommen Entdecker. Viele Tierarten wurden im Zusammenhang mit der Schifffahrt, mit der Suche nach neuen Kontinenten gefunden und oft sehr schnell ausgerottet. Am Ende gibt es aber auch ein Kapitel, das sich weitgehend mit vom Aussterben bedrohten Tierarten beschäftigt. Das bezieht sich auf eine Art Grauzone zwischen Leben und Tod, also Tierarten, die etwa in so kleinen Populationen vorkommen, dass sie genetisch schon zum Aussterben verdammt sind.

Das Ende einer Art - kürzlich ist das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn gestorbenBild: picture-alliance/AA/A. Wasike

In der Praxis ist es schwer, eine Grenze zwischen den Themen 'ausgestorbene Tiere' und 'vom Aussterben bedrohte Tiere' zu ziehen. Nehmen wir das Nördliche Breitmaulnashorn: Davon gibt es noch zwei. Das einzige männliche Individuum ist kürzlich gestorben​​​​​​ und war auch nicht mehr zeugungsfähig. Diese Nashornart gibt es und gibt es auch schon nicht mehr. Das mag jetzt makaber klingen, aber es ist wichtig, um das Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Ein paar Erfolgsgeschichten, ein paar Wiederentdeckungen, das reicht nicht.

Wie definieren Sie das Buch selbst? Ist es ein Lyrikband, ein Geschichtenbuch, ein Geschichtsbuch, vielleicht sogar ein Lehrbuch?

Ich glaube, es wird das Interessante sein, wie die Leser es definieren. Ich habe schon in der letzten Zeit am Buch bemerkt, dass es ganz viel darstellt. Es ist zum Beispiel eine Zeitkapsel in sich, weil ich viel Arbeit darauf aufgewendet habe, die Zahlen im Buch aktuell zu halten. Gleichzeitig ist dieses Buch das Abbild des Status, der bei seinem Erscheinen im Frühjahr 2018 aktuell war. Zu einem späteren Zeitpunkt wird die Bilanz zwischen ausgestorbenen und bedrohten Tierarten in dem Buch schon ganz anders aussehen.

Es gibt zum Beispiel die Vaquita, bei denen ist das prognostizierte Aussterbejahr, leider, so brutal das ist, 2018. Die letzte kursierende Zahl spricht von 30 überlebenden Exemplaren. Aber inzwischen ist die tatsächliche Anzahl durch Wildfänge oder Beifang beim Fischen anderer Arten wahrscheinlich geringer. Mit zwanzig Jahren Abstand wird das Buch ein Zeitdokument darstellen, ob ich will oder nicht.

Mensch und Tier konkurrieren um LebensraumBild: I. Sieg

Global Ideas berichtet ja auch genau über diese Themen. Wir haben Reportagen über die Saiga-Antilopen gemacht, wir waren mehrfach im Urwald bei den Orang-Utans und haben die Tiere dort begleitet - Sie beschreiben in einem von fünf Essays am Ende des Buches die fünf Ereignisse des Massenaussterbens, die die Erde bereits erlebt hat und das wir uns in einem sechsten befinden…

… das ist zum ersten Mal ein von Menschen ausgelöstes Ereignis, also ein von einer Tierart auf diesem Planeten ausgelöstes Ereignis dieser Art. Das ist neu.

Sprechen wir also über den Menschen. Wie kann man dem Menschen die Bedeutung seiner Rolle bewusst machen?

Wir sitzen hier in diesem kultivierten, tief bewaldeten Mitteleuropa, in dem alles aussieht, als wäre es in Ordnung. Man hat nicht unbedingt den Eindruck, dass jemals ein Baum umgefallen ist, geschweige denn abgeholzt worden wäre. Das ist trügerisch. Das müssen wir uns bewusst machen. Ich bin mit meinen Recherchen immer wieder auf erschreckende Zahlen gestoßen - Indonesien hat noch drei Prozent seines ursprünglichen Waldbestandes, nur ein Beispiel. Und dahinter stecken wir. Das sind unsere Möbel, das sind unsere Kochlöffel, das sind unsere Märkte, die da Ressourcen abgraben. Palmöl, das bei uns in Schokolade landet, ist auch ein ganz wichtiger Punkt. Und der Mensch müsste sofort aufhören, sich die Natur unter den Nagel zu reißen.

Ich habe aber durchaus das Gefühl, dass es eine Art Bewegung in diese Richtung unter den Menschen schon gibt, oder?

Wir erleben schon, dass plötzlich auf unserer Seite Macht entsteht. Also, zum Beispiel, die Macht der Vegetarier und Veganer. Dass auf einmal überall auch Nahrungsmittel verkauft werden, die nicht auf tierischer Basis hergestellt worden sind.

Am Ende des Buches schreiben Sie auch, dass Tiergedichte politisch sind. Hat ihr Buch also am Ende sogar politische Macht?

Ich bin der Überzeugung, dass Tierlyrik, wenn sie dem Tier in ihrem Namen wirklich gerecht wird, gar nicht anders kann, als politisch zu sein. Weil der Mensch die Tiere in seiner globalisierten Welt schon so marginalisiert, so im Schwitzkasten hat. Umweltverschmutzung bis in ihre letzten Winkel, globale Erwärmung bis in scheinbar entfernteste Rückzugsgebiete. Die Tiere brauchen, dass die fein justierte lyrische Sprache für sie, nicht einfach nur über sie ergriffen wird. Die politische Macht von Lyrik sehe ich in der Genauigkeit ihrer Sprache, die mir für wirklich fruchtbare Diskurse unerlässlich scheint. Gerade im deutschsprachigen Raum wird mir noch viel zu salopp und flapsig über die Probleme der Tiere geschrieben.

Der Carolinasittich, gezeichnet von Brian R. WilliamsBild: Brian R. Williams

Ich habe mich auch gefragt, wie Sie wollen, dass die Menschen ihr Buch lesen. Ich habe es kreuz und quer gelesen, nicht chronologisch.

Das ist legitim, das ist ganz offen. Ich denke, dass ein gut konzipierter Lyrikband sowohl im Hin- und Herspringen funktioniert, als auch im analytischen Durchlesen, als auch beim Runter-Lesen, bei dem man sich vor Spannung idealerweise kaum zurückhalten kann. Das ist jedem selbst überlassen. Allerdings gilt das vor allem für den Gedicht-Teil, denke ich. Ich muss auch sagen, dass ich die Texte bewusst nicht verkopft, ästhetisiert geschrieben habe, weil es um die Tiere geht. Das war mir wichtig. Ich versuche die Individualitäten, die Persönlichkeiten der Tiere, ihre Lebensgewohnheiten, ihre Lebensräume wieder zum Leben zu erwecken. Ich wollte das nicht überkleistern mit menschlicher Ästhetik oder einem lyrischen Ich.

Im Buch stehen zu etlichen Gedichten sehr schöne, sehr lebendige Illustrationen. Wie kam es dazu, hast du die ausgewählt, wer ist der Zeichner?

Das hat mir lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe insgesamt sechs Jahre an dem Band gearbeitet und konnte mir anfangs nicht vorstellen, das zu illustrieren, weil zeitgenössische Illustratoren oft einen zynischen Umgang mit Tieren haben oder sie vermenschlichen. Und dann ist meine Freundin auf die Arbeiten vonBrian R. Williams gestoßen, der eine Serie von acht ausgestorbenen Vögeln gezeichnet hatte mit der wunderbaren Idee, diese ausgestorbenen Vögel in Mode aus dem Jahr zu stecken, in dem sie ausgestorben sind. Und das ist ein unglaublich guter Kniff, Tiere mit der menschlichen Gesellschaft zu verknüpfen, was normalerweise nicht möglich ist. Während der Arbeit stellte sich dann immer mehr heraus, dass sich hier die zwei richtigen Nerds gefunden haben, die beide sehr ähnliche Vorstellungen haben.

"Dodos auf der Flucht" ist erschienen im Verlagshaus Berlin

Interview: Klaus Esterluß


Ein Gedicht:

Der Carolinasittich

Heisere

Stimme, immer drauflos -

Plappernd mit orangegelbem Kopf

Die Stirn rot als hätte er Erdbeeren gerammt

Vom Hals abwärts leuchtendgrüne Kaskaden..

Der einzige Papagei der nordamerikanischen Ostküste

Im tiefsten Winter, in Schneestürmen zuhaus. War giftig: Katzen

Starben nach seinem Verzehr. Von Plantagenbesitzern als Schädling beKämpft

weil er ihre Saaten aß, Früchte abrupfte, nutzten seine Anhänglichkeit

Zu Gemetzeln, schossen die kreischend zu den Toten Herbeigeflogenkommenden

Reihenweise ab bis der ganze Schwarm annulliert war.

Die Wälder entlang der Flüsse mit ihren alten, hohlen Bäumen ihm unter den

Zehengliedern weggezogen

Seine Federn, sein ausgestopfter Körper als

Prunk auf Damenhüten begehrt. Als Haustier unpopulär

Zerbiss Möbel, schrie unerträglich.. zur Zähmung immer wieder

In Wasser getunkt, blieb trotzdem wild, weigerte sich Menschensprache zu lernen.

War linksfüßig. Der letzte Carolinasittich namens Incas

Starb am 21. Februar 1918 im Zoo von Cincinnati

Im selben Käfig in dem

Vier Jahre zuvor die letzte Wandertaube Martha

Gestorben war

 

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