Timmy, der Wal - Chronik einer deutschen Gefühlslage
30. Mai 2026
Es gibt immer noch Meldungen vom Buckelwal "Timmy", dem Meeressäuger, der von Anfang März an die Schlagzeilen in Deutschland bestimmte, mittlerweile aber tot ist. Sie werden weniger, die reißerischen Zeilen, der Stil ist jetzt sachlich, wissenschaftlich.
Der tote Wal, identifiziert durch einen implantierten Sender, der zuletzt vor der dänischen Insel Anholt zwischen Dänemark und Schweden im seichten Wasser lag, wurde mittlerweile an Land gezogen. Dort soll er vor Ort obduziert werden. Die Behörden riefen Anwohner und Touristen dazu auf, dem Kadaver wegen der Ansteckungsgefahr fernzubleiben. Das klingt danach, dass jetzt nur noch Fachleute am Werk sind, anders als lange in Deutschland.
Ein gestrandeter Wal und viele "Experten"
Über Wochen waren selbsternannte Walforscher, Umweltschützer und Zaungäste in Wismar und der nahe gelegenen Insel Poel an der nordostdeutschen Küste vorstellig geworden. Dort lag das entkräftete Tier im seichten Wasser und produzierte tägliche Schlagzeilen: Ist "Timmy", wie der Wal in Medien genannt wurde, noch zu retten?
Versagen die Behörden? Schafft der Wal von allein den Weg zurück ins offene Meer? In den sozialen Medien blühten die Verschwörungstheorien, erklärten skurrile Walforscher, sie hätten eine persönliche Beziehung zu "Timmy" aufgebaut, es gehe ihm gut. Begonnen hatte die Geschichte um das eine Zeitlang bekannteste deutsche Tier Anfang März. Da tauchte vor der Ostsee-Küste in Mecklenburg-Vorpommern erstmals der entkräftete Buckelwal auf.
Vom Wismar nach Timmendorfer Strand
In den sozialen Medien, im Fernsehen, im Radio und in Zeitungsartikeln begleiteten Millionen Deutsche Berichte über das Tier, das von der Bucht vor Wismar zunächst Richtung Westen bis vor die Küste Schleswig-Holsteins schwamm. Dort wurde der Wal vor dem bekannten Badeort Timmendorfer Strand von Touristen entdeckt, strandete auf einer Sandbank, schaffte es, sich zu befreien und schwamm schließlich wieder nach Osten, wieder vor die Bucht vor Wismar, vor die dort liegende Insel Poel.
Ein Bürgermeister freut sich über gute Neuigkeiten
Noch in Timmendorfer Strand bestand kurzfristig die Hoffnung, das Tier würde den Weg in die offene See finden. Der Timmendorfer Bürgermeister, Sven Partheil-Böhnke, freute sich und stellte eine Verbindung her vom befreiten Wal zu den deprimierenden weltweiten Meldungen: "Das, glaube ich, brauchen wir alle nach den schrecklichen Nachrichten der letzten Monate, nach Kriegen und Krisen."
Wale stranden immer wieder in der seichten Ostsee
Seit seiner Rückkehr in die Bucht vor Schwerin lag der Wal im seichten Wasser aber offenbar im Sterben. Alle Rettungsversuche wurden zunächst eingestellt. Das Tier schien entkräftet, die Haut war stark geschädigt. Der Salzgehalt in der Ostsee ist niedriger als in der Nordsee und im Atlantik, wo Buckelwale normalerweise leben. Das schwächt die Haut der Wale. Experten vermuten, dass sich Buckelwale in die Ostsee verirren, wenn sie Fischschwärmen folgen. Die Ostsee ist mit durchschnittlich 52 Metern Tiefe ein flaches Meer.
Besonders umtriebig in Sachen Wal war der Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD). Er überwachte persönlich die mögliche Rettung, neben Mitarbeitern der Feuerwehr, der Wasserschutzpolizei und vielen Anwohnern. Mal gelang es "Timmy" sich freizuschwimmen. Dann strandete er wieder auf Sandbänken. Zwischendurch wurde er untersucht, begutachtet und vermessen.
Wal offenbar von Schiffsschrauben verletzt
Minister Backhaus selbst verkündete das Ergebnis: "Er ist 12,35 Meter lang, 3,20 Meter breit und 1,60 Meter hoch." "Timmy" wurde mit Wasser besprenkelt, der Bereich im Meer um ihn herum wurde abgesperrt. Am Ende wurde überlegt, einen Spezial-Katamaran aus Dänemark anzufordern, der den kranken Wal aufnehmen und zurück in die Nordsee transportieren sollte. Doch am 7. April entschieden alle Beteiligten: Dazu ist der Wal zu schwach. Bei Untersuchungen seien Verletzungen festgestellt worden, vermutlich von Schiffsschrauben.
Warum der Wal die Deutschen anrührte
Der Wal und die Deutschen: eine Liebesbeziehung auf Zeit. Der Biologe Christoph Bautz schrieb auf der Plattform Bluesky: "Man stelle sich die Nachricht vor: Regierung prüft Rettung von havarierten Boot mit Flüchtlingen im Mittelmeer mit Katamaran. 20 Kamerateams vor Ort, ständige Liveschalten, die halbe Nation fiebert mit. Aber nein, das passiert nur, wenn ein Wal havariert. Krass."
Sachliche Meldungen über Buckelwale allgemein gingen eher unter: Zu den bedrohten Arten zählen die riesigen Säuger nicht mehr. Die Art, viele Jahrzehnte lang intensiv bejagt, steht seit 1966 weltweit unter Schutz. Nach Angaben der Weltnaturschutz-Union leben derzeit in den Meeren wieder rund 60.000 Buckelwale.
Doch noch eine letzte Rettungsaktion
Als sich alle schon damit abgefunden hatten, dass dem Tier nicht mehr zu helfen sei, meldete sich eine weitere private Initiative mit einem letzten Rettungsplan: Auf einem mit Wasser gefüllten Becken, gezogen von Schiffen, wurde der Wal aufs offene Meer gebracht und ausgesetzt - und verendete schließlich doch, wie es viele eher ungehörte Meeres-Wissenschaftler vorausgesagt hatten. Aber im Fall von "Timmy" ging es stets um Emotionen, nicht um Fakten.
Nach der Aktion teilte die Geldgeberin Katrin Walter-Mommert in Deutschlands größten Boulevard-Blatt, der "Bild-Zeitung" mit, die Kosten hätten sich auf insgesamt 1,5 Millionen Euro belaufen. Darin enthalten: Eingeflogene Experten aus Hawaii und Island, nicht aber die Kosten für die gecharterten Schiffe. 1,5 Millionen Euro, für einen einzigen, kranken Wal. Dann lieferte der Peilsender tagelang keine Daten, bis doch feststand, dass es sich bei dem in Dänemark gefundenen Tier um "Timmy" handelte.
Schon vorher, Mitte April, mahnten die Wal-Experten vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), das Tier nicht unnötig zu quälen. Kim Detloff, Leiter der Abteilung Meeresschutz beim Nabu, sagte, die Öffentlichkeit erwarte mittlerweile eine Rettung des Wals, egal von wem: "Dieser massive öffentliche Druck hat dazu geführt, eine Entscheidung zu treffen, die man vor einer Woche hätte treffen müssen." Mit anderen Worten. Die Rettung komme zu spät. Detloff weiter: "Ich hoffe, dass der Ehrgeiz einer Rettungsaktion nicht über dem Wohl des Tieres liegt." Dazu gehöre auch, den Mut aufzubringen, die Rettungsaktion im Zweifelsfall abzubrechen. Was nicht geschah.
Backhaus steht immer noch hinter der Aktion
Till Backhaus, der Minister in Mecklenburg-Vorpommern, sagte jetzt in einem Interview mit dem Magazin "Stern", er stehe nach wie vor hinter der am Ende gescheiterten Rettung: "Was wir in Deutschland versucht haben, war einmalig: Einen jungen Wal zu retten, ihm seine Freiheit zu schenken." Und weiter: "Er hatte Hilfe verdient, er hatte sein Leben noch vor sich."
Für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ist die Timmy-Geschichte aber vor allem ein extremes Beispiel dafür, wie Anmaßung und Geltungssucht vor allem die Medien heute bestimmen, wie Emotionen Fakten beiseiteschieben: "Als würde man bei einem Herzinfarkt den besten Freund anrufen - und nicht den Notarzt." Freunde hatte "Timmy" viele, helfen konnten sie ihm aber nicht.