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Vorne Haaland, hinten planlos

23. Januar 2021

Borussia Dortmund verliert mit 2:4 in Gladbach und offenbart erneut eklatante Schwächen in der Defensive. Gerade bei Standards wird das Team von Edin Terzic dem Niveau einer Spitzenmannschaft wieder nicht gerecht.

Deutschland Bundesliga Borussia Mönchengladbach vs Borussia Dortmund
Bild: Martin Meissner/AP Photo/picture alliance

"Es gibt den Ansatz, ein Tor weniger zu kassieren, als der Gegner. Aber ich bevorzuge es, ein Tor mehr zu schießen", hat BVB-Trainer Edin Terzic einmal gesagt. Mitte der ersten Halbzeit schien sein Team dieses Credo beim Rückrundenauftakt in Mönchengladbach erfolgreich umzusetzen. Den 0:1-Rückstand durch Nico Elvedi (11. Minute) hatte sein Team mit einem Doppelschlag durch Torjäger Erling Haaland in eine 2:1-Führung umgemünzt. 

Und beides Mal das gleiche Muster: Balleroberung durch frühes Pressing in der Gladbacher Hälfte, dann die Vollendung durch Haaland mit zwei außergewöhnlichen Einzelaktionen. Erst chippte der Norweger, der nun bei einer Traumquote von 14 Saisontoren und 27 Treffern in 28 Bundesliga-Spielen liegt, den Ball gefühlvoll an Gladbach-Keeper Yann Sommer vorbei, dann zeigte er mit einer exzellenten Ballverarbeitung und einem blitzschnellen Abschluss aus der Drehung seine Extraklasse. Jedoch sollte auch das am Ende nicht reichen. 

Mal wieder die Standard-Problematik 

Da sah es noch gut aus: Erling Haaland (2. v. l.) jubelt mit den Kollegen über die 2:1-FührungBild: Lars Baron/Getty Images

Denn da steht für den nun wohl endgültig ehemaligen Meisterschaftskandidaten aus Dortmund wie schon im letzten Hinrundenspiel gegen Leverkusen eine Niederlage - die siebte im achtzehnten Spiel der Saison. Das sind für die Dortmunder Ambitionen eindeutig zu viele, der Grund dafür liegt im Defensivverhalten. Da kommt dieser Tage zu wenig beim BVB: Zu wenig Zugriff, zu wenig Absprache, zu wenig Koordination. "Es fing ja direkt gefährlich an mit den Standards. Das kann immer spielentscheidend sein und heute war es das auch", sagte BVB-Trainer Edin Terzic nach dem Spiel im ZDF. 

Es ist das deutlichste Symptom beim BVB: Nach ruhenden Bällen bekommt das Terzic-Team momentan in jedem Spiel Gegentore - so auch in Mönchengladbach. Erst gerieten die Dortmunder nach einem Freistoß durch Elvedis Kopfball-Treffer (11.) mit 0:1 in Rückstand, dann glichen die Gladbacher - erneut durch Elvedi und erneut nach einem Standard - zum zwischenzeitlichen 2:2 aus (32.). Das 3:2 durch Bensebaini (49.) entstand ausnahmsweise aus dem Spiel heraus, ehe Marcus Thuram per Kopf und sträflich alleingelassen nach einer Ecke per Kopf den 4:2-Endstand besorgte. Konsequente Gegenwehr war vom BVB im zweiten Durchgang allenfalls sporadisch zu erkennen. 

Frustrierter Reus  

Das lag daran, dass niemand in Schwarz-Gelb richtig voranging - weder spielerisch, noch verbal. Marco Reus war zwar bemüht, strukturierte Offensivaktionen zu initiieren und zeigte dabei auch immer wieder gute Ansätze. Doch nach sieben Monaten Verletzungspause ist der BVB-Kapitän natürlich noch nicht wieder auf dem Niveau vergangener Tage und konnte wie seine Kollegen die entscheidenden Akzente nicht setzen. Das Terzic-Team um den ehemaligen Gladbacher Reus vermochte es dieses Mal nicht, die "ein Tor mehr, als der Gegner Philosophie" erfolgreich umzusetzen.

Vier Tore, dreimal Standard: Gladbachs Elvedi trifft per Abstauber zum 2:2Bild: Lars Baron/Getty Images

Dementsprechend tief saß der Frust bei Reus: In der 70. ging musste er vom Platz und machte Platz für Giovanni Reyna. Auf der Bank schmiss der gefrustete BVB-Kapitän die Schuhe zu Boden - sinnbildlich für ihn und sein Team. "Wir haben in der ersten Halbzeit zwei Standard-Gegentore bekommen. Wenn man da nicht aufpasst, ist es schwierig zu gewinnen. Es sind immer die gleichen Fehler, die wir machen. Es ist immer wieder das gleiche, das stinkt gewaltig", resümierte Reus nach dem Spiel im ZDF. "Wir kriegen ein unnötiges 2:2. Es wäre einfach mal gut, eine solche Führung mit in die Halbzeit zu nehmen." 

Gladbach zieht vorbei

Der BVB ist weit davon entfernt, schlechten Fußball zu spielen, doch es reicht derzeit in der Summe der Defizite nicht für ganz oben. Wer bei einem Bundesliga-Topteam wie Borussia Mönchengladbach einen Rückstand auf so beeindruckende Weise dreht, der muss am Ende auch punkten - zumindest wenn der Anspruch, die Gladbacher und andere hinter sich zu lassen, glaubhaft untermauert werden soll. Oder anders gesagt: Wenn man ein Titelaspirant sein möchte. Das ist Borussia Dortmund im Januar 2020 unter Edin Terzic genauso wenig wie unter Lucien Favre früher in der Saison. Im Gegenteil: Durch die Pleite muss der BVB nicht nur die nächste und wohl letzte Schippe Erde zur Beerdigung seiner Titelträume werfen, sondern auch die Konkurrenz aus Mönchengladbach in der Tabelle vorbeiziehen lassen. In Dortmund geht es nicht mehr um die Meisterschaft, sondern darum, die Saison nicht zum Fiasko geraten zu lassen. 

 

David Vorholt Redakteur, Reporter und Autor in der DW-Sportredaktion
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