Treibstoffmangel in Russland: Tagelang in der Warteschlange
9. Juli 2026
Stundenlang stehen Autofahrer in Russland an Tankstellen an, in manchen Regionen sogar tagelang. Auf der Suche nach geöffneten Tankstellen fahren Menschen durch die ganze Stadt, übernachten in ihren Autos und warten darauf, dass sie an die Reihe kommen. Häufig kommt es zu Rangeleien unter den wartenden Menschen.
In den letzten Monaten intensivierte die Ukraine ihre Angriffe mit Drohnen auf russische Ölraffinerien. Am 6. Juli griffen die ukrainischen Streitkräfte die rund 2500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernte Ölraffinerie in Omsk an. Somit hat Kyjiw bereits die zehn größten Ölraffinerien Russlands attackiert, von der Region Leningrad bis zur Region Omsk. Dies verschärft zunehmend die Treibstoffkrise, die inzwischen viele russische Regionen erfasst hat.
Russen nutzen andere Verkehrsmittel
Bewohner einer ganzen Anzahl russischer Regionen beklagen sich über geschlossene Tankstellen und kilometerlange Staus vor den wenigen, die noch Benzin haben. Eine Einwohnerin von Gelendschik berichtet, sie versuche seit drei Tagen vergeblich, ihr Auto zu betanken. Sie sei um 5 Uhr morgens an einer Tankstelle angekommen und habe im Auto übernachtet. Trotzdem habe sie aber kein Benzin kaufen können. "Es ist buchstäblich ein Kampf ums Überleben", sagt sie. Die Frau führt die Situation nicht nur auf die Knappheit zurück, sondern auch auf Händler, die Benzin aufkaufen und zu überhöhten Preisen weiterverkaufen würden.
Am schwierigsten ist die Lage - laut Videos von Augenzeugen, die sie in sozialen Medien posten - in Tschita, einer Stadt in Transbaikalien. Dort müssen Autofahrer 36 Stunden in Schlangen warten. Manchen geht dabei der Sprit aus, woraufhin sie ihre Autos schieben müssen. Nutzer berichten, dass Menschen von ihnen eingenommene Plätze in den Warteschlangen sogar für bis zu 35.000 Rubel (umgerechnet etwa 400 Euro) verkaufen.
Aufgrund des Treibstoffmangels ändern viele Russen ihre täglichen Gewohnheiten. Einige bilden Fahrgemeinschaften, um einkaufen zu fahren oder ihre Kinder zur Schule zu bringen. Andere steigen auf öffentliche Verkehrsmittel um. Eine Einwohnerin von Irkutsk erzählt, dass sie nach erfolglosen Tank-Versuchen beschlossen habe, Busse und Taxis zu nutzen. Doch auch diese bleiben von der Krise nicht verschont. Wie die Zeitung Kommersant berichtet, sind Taxifahrer seltener im Einsatz und stornieren häufiger längere Fahrten und Aufträge in Großstädten. Dies hat bereits zu einem Anstieg der Fahrpreise geführt.
Bewohner ländlicher Regionen kaufen inzwischen vermehrt Pferde statt Autos. Laut dem Telegram-Kanal Mash, der sich auf Züchter beruft, hat die Nachfrage nach Arbeitspferden in den letzten Wochen um ein Vielfaches zugenommen. Sie werden für Arbeiten im Wald, bei der Heuernte und in der täglichen Landwirtschaft eingesetzt. Gestiegen ist auch die Nachfrage nach Fahrrädern. Im Juni nahmen die Verkäufe auf der Plattform CDEK.Shopping im Vergleich zum Mai um 131 Prozent und der Umsatz sogar um 263 Prozent zu, wie das Unternehmen gegenüber dem russischen Portal Afisha mitteilte. Fahrräder würden zunehmend als Alternative zum Auto betrachtet.
Was sagen die Behörden zum Treibstoffmangel?
"Hurra! Ich bin jetzt offiziell Fußgängerin", schreibt eine Einwohnerin von Krasnodar und erzählt, sie habe ihr Auto nicht betanken können, da eine örtliche Tankstelle Benzin nur an "Sonderfahrzeuge" verkauft habe. Unter diese Kategorie fallen auch Autos von Regierungsbeamten, wie das russische Onlinemagazin 7x7 berichtet. Demnach hätten Journalisten Fälle in mindestens vier Regionen des Landes aufgedeckt, in denen Benzin nur an Personen mit Behördenausweisen verkauft wurde.
Solche Berichte lösen in den sozialen Medien hitzige Debatten aus. Einige Nutzer werfen den Behörden vor, die Lage zu beschönigen. Während fast ein Drittel der Ölraffinerien des Landes außer Betrieb sei, würden die stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister dazu schweigen, kritisiert in diesem Zusammenhang die Duma-Abgeordnete Nina Ostanina. "Warum schweigen der Landwirtschaftsminister und der für seinen Bereich zuständige Vizepremier im Vorfeld der Ernte? Schließlich könnte das Land ohne Getreide dastehen, was angesichts der internationalen Sanktionen einem Todesurteil gleichkäme", so Ostanina auf ihrem Telegram-Kanal.
Unterdessen bestreiten die föderalen Behörden, es herrsche ein systematischer Treibstoffmangel. Sie führen die Krise auf Panikkäufe und Spekulanten zurück. Vizepremier Aleksandr Nowak beteuert, Versorgungsengpässe würden nur an einzelnen Tankstellen auftreten, während die Nachfrage nach Treibstoff landesweit um 20 bis 30 Prozent gestiegen sei. Es sei ausreichend Treibstoff vorhanden, das Problem müsse nur mit einer Umstrukturierung der Logistik gelöst werden.
Ähnlich argumentieren die regionalen Behörden. Der Gouverneur der Region Krasnodar, Wenjamin Kondratjew, der Gouverneur der Region Irkutsk, Igor Kobsew, und der Gouverneur der Region Pskow, Michail Wedernikow, geben den Händlern die Schuld für die Panik unter der Bevölkerung. "Die Menschen befürchten, dass sie sich nicht mehr normal fortbewegen, zur Arbeit gehen und ihre Kinder nicht mehr betreuen können. Taxis und kleine Unternehmen decken sich ein, um Einkommensverluste zu vermeiden. Und Landwirte sorgen sich um mögliche Maschinenausfälle und damit um Ernteausfälle. Das treibt die Nachfrage in die Höhe", so Wedernikow in der russischen staatlichen Messaging-App Max.
Wie steht es um Putins Umfragewerte?
Angesichts der Probleme sinkt das Vertrauen in den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Laut einer Umfrage der russischen "Stiftung für öffentliche Meinung" (FOM), die vom 19. bis 21. Juni durchgeführt wurde, sank der Wert innerhalb einer Woche von 74 auf 69 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit Beginn des umfassenden Krieges Russlands gegen die Ukraine. Gleichzeitig wächst die Sorge der Russen um die wirtschaftliche Lage, insbesondere um die steigenden Preise und Lebenshaltungskosten.
Dieses Stimmungsbild kann aber nicht als ein Zeichen auf ein mögliches baldiges Ende des Krieges gedeutet werden. Denn laut einer im Juni veröffentlichten Umfrage des Lewada-Zentrums wächst sogar die Unterstützung für den Krieg. Derzeit befürworten 30 Prozent den Militäreinsatz - sechs Prozentpunkte mehr als im März 2026. Gleichzeitig ist mit 60 Prozent die Mehrheit der Befragten der Ansicht, Russland sollte Friedensverhandlungen aufnehmen. Dieser Wert ist seit Februar 2025 um sieben Prozentpunkte gesunken.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk