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Tricia Tuttle bleibt Chefin der Berlinale - mit Vorgaben

Elizabeth Grenier afp
4. März 2026

Nach Streit um Gaza-Kundgebungen, Rücktrittsforderungen und internationaler Solidarität: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt im Amt. Die Krise führt nun zu neuen Regeln für staatlich geförderte Kulturveranstaltungen.

Tricia Tuttle vor schwarzem Hintergrund mit weißem Schriftzug "76. Internationale Filmfestspiele Berlin".
Darf Berlinale-Chefin bleiben: Tricia TuttleBild: Ralf Hirschberger/AFP

Tricia Tuttle bleibt Direktorin der Internationalen Filmfestspiele Berlin, muss jedoch künftig bestimmte Vorgaben akzeptieren. Das ist das Ergebnis einer Sitzung des  Aufsichtsrats des Festivals, der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB), wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer am Mittwoch (4. März) anschließend mitteilte. Geplant sind unter anderem ein "beratendes Forum" sowie die Entwicklung eines Verhaltenskodex für alle kulturellen Veranstaltungen, die vom deutschen Staat finanziert werden, erklärte Weimer. 

Tuttle habe "der Berlinale den Weg aus einer sich bereits länger abzeichnenden Krise gewiesen", sagte er. "Ich bedanke mich für ihre Bereitschaft, diesen Weg fortzuführen." Mit den nun beschlossenen Empfehlungen sei der "Grundstein zur Stärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz des Festivals gelegt". Der Staatsminister betonte: "Die Kunst und die Künstler sollen wieder im Zentrum der Berlinale stehen."

Tuttle: "Konstruktiver Dialog"

Die Festival-Chefin begrüßte die Entscheidung des Aufsichtsrats, "sein Vertrauen in meine Leitung der Berlinale zu bekräftigen". Sie kündigte an, die Empfehlungen des Gremiums "sorgfältig prüfen" zu wollen. Die Intendantin sprach von einem "konstruktiven Dialog" mit dem Aufsichtsrat und dankte dafür, dass dieser "die Bedeutung der Unabhängigkeit unserer Arbeit erneut hervorgehoben hat".

Tuttle war politisch unter Druck geraten, nachdem bei der Preisverleihung des Festivals am 21. Februar pro-palästinensische Stimmen laut geworden waren. Unter anderem hatte der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib Deutschland vorgeworfen, "Partner des von Israel in Gaza begangenen Völkermords" zu sein, als er den Preis für das beste Spielfilmdebüt für seinen Film "Chronicles From a Siege" entgegennahm. Menschenrechtsexperten, Wissenschaftler und eine Untersuchung der Vereinten Nationen kommen zu dem Schluss, dass Israels Angriff auf Gaza einem Völkermord gleichkommt, was Israel jedoch vehement bestreitet. Israel rechtfertigt seine Maßnahmen in Gaza als Selbstverteidigung nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober 2023.

Regisseur Abdallah Alkhatib bei der PreisverleihungBild: Axel Schmidt/REUTERS

"Bild": Neutrale Haltung sei unglaubwürdig

Vier Tage später berichtete die Boulevardzeitung "Bild" unter Berufung auf Insider, Kulturstaatsminister Weimer wolle Tuttle entlassen, weil sie auf die Aussagen des Regisseurs nicht reagiert habe.

Die Zeitung behauptete zudem, Tuttles neutrale Haltung zum Gaza-Konflikt sei unglaubwürdig. Als Beleg führte sie ein Pressefoto an, auf dem Tuttle gemeinsam mit dem Team von Alkhatibs Film posiert. Auf dem Bild zeigen mehrere Beteiligte die palästinensische Flagge oder tragen eine Kufiya, das schwarz-weiß karierte Tuch, das als Symbol palästinensischer Identität gilt.

Der Aufsichtsrat hatte daraufhin für den 26. Februar eine erste außerordentliche Sitzung angesetzt, um über "die zukünftige Ausrichtung der Berlinale" zu beraten. Eine Entscheidung wurde bei diesem Treffen jedoch noch nicht getroffen.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf dem Weg zur Sondersitzung des KBBBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Breite Unterstützung aus der Filmbranche

Die mögliche Absetzung von Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle hatte sofort die Filmbranche auf den Plan gerufen. Ein erster offener Brief, inzwischen von fast 2.500 Filmschaffenden unterzeichnet - darunter Tilda Swinton, Todd Haynes, Nadav Lapid, Ilker Çatak, Maren Ade und Tom Tykwer -, verteidigte das Recht der Festivalgäste, politische Statements zu äußern oder Symbole ihrer Identität zu zeigen, ohne dass dies automatisch als Position der Festivalleitung gewertet werde.

"Ein internationales Filmfestival ist kein diplomatisches Protokoll, sondern ein schützenswerter Ort unserer Demokratie. Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen", heißt es in dem Schreiben.

Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet würden, entstehe ein problematisches Signal: "Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck." Die Petition betont, dass es hier um mehr gehe als um eine Personalfrage: "Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit."

Druck auf Festivals wächst

Mehr als 30 Leiterinnen und Leiter internationaler Filmfestivals, darunter Thierry Frémaux (Cannes) und Eugene Hernandez (Sundance), stellten sich ebenfalls hinter Tuttle und veröffentlichten am 2. März eine Solidaritätserklärung. Darin verweisen sie auf den wachsenden Druck auf Festivals weltweit, in politisch aufgeladenen Zeiten zu navigieren und zugleich einen offenen Raum für Film und Debatte zu bewahren.

Regisseur Tom Tykwer zählt zu den prominenten Unterstützern Tricia TuttlesBild: Christopher Tamcke/Future Image/IMAGO

"Die echte Meinungsfreiheit zu unterstützen - auch das Recht, unpopuläre Ansichten zu äußern - war noch nie so wichtig", heißt es in dem Brief. Man müsse Räume erhalten, "in denen auch Unbehagen Platz hat, in denen Debatten offen geführt werden können und unterschiedliche, manchmal widersprüchliche Perspektiven sichtbar werden."

Während dem Festival Antisemitismus vorgeworfen wurde, kritisierten es in diesem Jahr zugleich auch pro-palästinensische Aktivisten dafür, im Gaza-Konflikt keine offizielle Position bezogen zu haben.

"Klarheit, Rückgrat und künstlerisches Gespür"

Mehr als 500 Mitarbeitende der Berlinale unterzeichneten einen weiteren Brief, in dem sie betonen, dass sie live miterlebt hätten, "mit wie viel Klarheit, Rückgrat und künstlerischem Gespür sie (Tuttle, Anm. d. Red.) die Berlinale leitet." Die Unterzeichnenden sind sich einig, dass der KBB "kaum eine intelligentere, ethischere und zugleich reaktionsschnellere Führungspersönlichkeit für die Berlinale hätte ernennen können - und auch kaum jemanden, der sich stärker den Grundprinzipien verpflichtet fühlt, die dieses Festival zu einer wichtigen Plattform für das Kino in Deutschland und weltweit machen", heißt es weiter in dem Schreiben.

Tricia Tuttle Bild: Nadja Wohlleben/REUTERS

Tricia Tuttle selbst zeigte sich "sehr stolz" auf ihr Team, wie sie der Deutschen Presse-Agentur vor der zweiten außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats sagte. Zugleich bestätigte sie, dass sie ihr Amt behalten möchte: "Das Festival und ich wollen die gemeinsame Arbeit im gegenseitigen Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen."

"Eine starke Botschaft"

Sie räumte ein, dass auch ein möglicher Rücktritt im gegenseitigen Einvernehmen mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer besprochen worden sei. Der Rückhalt aus der Filmbranche habe jedoch eine wichtige Rolle gespielt, sagte Tuttle. Er habe deutlich gemacht, "dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person ging, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können." Dies sei eine starke Botschaft, findet Tuttle und fügt hinzu: "Ehrlich gesagt hat mir das nach einigen schwierigen Wochen auch selbst wieder Klarheit gegeben."

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch.