USA - Städte kämpfen um Solar- und Windprojekte
18. Januar 2026
Anh Nguyen aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia zahlt jeden Monat fast 500 Dollar (431 Euro) für Strom. Sie hat vieles versucht, um die Kosten zu senken, etwa bei großer Hitze die Klimaanlage nur noch nachts einzuschalten. Dann versprach ein US-weites Förderprogramm für grüne Energie Abhilfe, und Entlastung schien in Sicht.
Das "Solar for All'-Programm sollte Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen helfen, Solaranlagen zu installieren. "Ich habe darauf gesetzt, dass so unsere Stromrechnung sinkt und das Haus besser gegen Hitze geschützt ist", sagt Nguyen. Nguyen hat ein Tech-Start-Up zur Unterstützung kleiner Unternehmen gegründet. Ohne die staatliche Förderung hätte sie es nicht geschafft, die 12.000 bis 20.000 Dollar für die Installation allein zu bezahlen.
Doch im August platzte die Hoffnung der zweifachen Mutter: Die Regierung von Präsident Trump strich das 7-Milliarden-Dollar-Programm - mit Folgen für rund 900.000 Haushalte im ganzen Land.
Nguyen klagt nun gemeinsam mit Gewerkschaften, NGOs und Solarfirmen, um die Unterstützung zurückzuholen. Gleichzeitig haben mehrere Bundesstaaten die staatliche Umweltbehörde EPA verklagt, um die "rechtswidrige Einstellung" des Programms zu stoppen.
Michelle Moore, Geschäftsführerin der Non-Profit-Organisation Groundswell, die erneuerbare Energieprojekte umsetzt, sagt, dass die grüne Transformation des Landes "jetzt mehr als je zuvor auf Bundesstaaten und Kommunen angewiesen ist".
"Wir müssen jetzt noch entschlossener werden, weiter innovativ sein, zusammenarbeiten und die Umsetzung auf lokaler Ebene vorantreiben", so Moore. Ihre Organisation Groundswell hatte geplant, Solarstrom und Batteriespeicher in mehreren Gemeinden im Südosten der USA zu installieren und so die Stromkosten für 17.000 Haushalte halbieren, bis das staatliche Förderprogramm gestoppt wurde.
Bundesweite Einschnitte bei erneuerbaren Energien
2023 stammten rund 60 Prozent des US-Stroms aus klimaschädlichen fossilen Energieträgern wie Öl und Gas, etwa 18 Prozent aus Atomkraft und rund 22 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Die Regierung Biden hatte das Ziel gesetzt, bis 2035 vollständig auf "kohlenstofffreie Stromerzeugung" umzusteigen.
Doch Präsident Trump machte die Rücknahme klimaorientierter Finanzmittel zu einem zentralen Punkt seiner zweiten Amtszeit. Sein im Juli verabschiedetes Steuer- und Ausgabengesetz, der "One big Beautiful Act", beschleunigt den Ausstieg aus Steuervergünstigungen für Solar- und Windprojekte und verschärfte Förderbedingungen.
Die Bundesregierung finanziert künftig keine Wind- und Solarprojekte mehr auf landwirtschaftlichen Flächen - ein harter Schlag für Farmer, die auf diese Zuschüsse angewiesen sind. Zudem wurden milliardenschwere Förderprogramme für klimabezogene Projekte in von Demokraten regierten Bundesstaaten wie Kalifornien und New York gestrichen. Außerdem stoppte die Regierung laufende Mittel für Offshore-Windprojekte.
Boom der Erneuerbaren trotz Trump-Einschränkungen
Ironischerweise hat die derzeitige US-Regierung mit einigen ihrer Maßnahmen sogar einen kurzfristigen Bauboom ausgelöst, sagt Matt Traldi, Geschäftsführer der Clean-Energy-Organisation Greenlight America. Denn Unternehmen versuchten, möglichst viele Projekte für erneuerbare Energie noch rechtzeitig für bald auslaufende Steuergutschriften anzumelden.
"Wir sehen, dass Wind- und Solarunternehmen alles daransetzen, ihre Projekte noch rechtzeitig für möglichst viele Steuererleichterungen zu qualifizieren", sagt Traldi. Diesen Zeitdruck haben auch Privatpersonen und Klimagruppen, die bei Anhörungen für Genehmigungen eintreten und lokale Projekte unterstützen.
Doch das zusätzliche Momentum könnte schnell verpuffen. "Wir könnten im kommenden Jahr noch einen Anstieg beim Ausbau sehen", warnt Amanda Levin, "aber langfristig wird es definitiv ein großer Rückschlag sein."
Laut einem Bericht des Branchenverbands der Solarindustrie SEIA und der Beratungsfirma Wood Mackenzie könnten die bundespolitischen Eingriffe den geplanten Solarzubau in den USA bis 2030 um bis zu 55 Gigawatt verringern - ein Rückgang von rund 20 Prozent.
Kritiker warnen außerdem, dass Kohle und Gas Preisschwankungen unterliegen und das Land in den fossilen Energien feststecken lässt. Dabei würden bei steigender Nachfrage auch die Strompreise für Haushalte weiter zunehmen.
"[Diese Maßnahmen] zwingen uns, auf ältere, schmutzigere Kraftwerke zurückzugreifen, die mehr Emissionen verursachen und teurer sind", erklärt Amanda Levin vom Natural Resources Defense Council (NRDC). Dagegen hätte allein das "Solar for All"-Programm für Privathaushalte jährlich rund 350 Millionen Dollar an Energiekosten einsparen können.
Die Trump-Regierung "kann den Markt nicht aufhalten"
Ein Grund für die steigende Strompreise ist der wachsende Energiebedarf. Laut einem Bericht könnte er in den USA bis 2030 um 25 Prozent steigen, bis 2050 sogar um 78 Prozent. Gründe sind der Ausbau der Industrie, neue Rechenzentren und die Elektrifizierung von Verkehr und Heizung.
Um diesen Bedarf zu decken, müssen die Vereinigten Staaten in den nächsten 20 Jahren jährlich rund 80 Gigawatt neue Kapazität zubauen. Der Großteil davon dürfte aus Solarenergie, Batteriespeichern und Windkraft an Land stammen.
"Erneuerbare Energien bleiben die beste Wahl - für Unternehmen, private Haushalte, Versorger und Rechenzentren, die schnell ihre Infrastruktur ausbauen müssen", sagt Levin.
Trotz aller Hindernisse gibt es bereits eine große Zahl angekündigter Projekte. "Die US-Regierung kann diesen Marktfortschritt nicht stoppen", betont Levin.
2024 machten kostengünstige erneuerbare Energien rund 90 Prozent der neu installierten Stromkapazität des Landes aus. In der ersten Hälfte von 2025 entfielen 82 Prozent des neu ans Netz gebrachten Stroms auf Solarenergie. Dabei stammte der Großteil aus Bundesstaaten wie Texas, Florida und Arkansas, die mehrheitlich Trump gewählt haben.
Bundesstaaten und lokale Akteure treiben den Umbau
Da die landesweiten Kürzungen neue Projekte belasten, werden künftig die Bundesstaaten eine entscheidende Rolle spielen, sagt Levin. Viele hatten bereits während Trumps erster Amtszeit ehrgeizige Standards für saubere Energie und Übergangspläne verabschiedet, die den Ausbau weiterhin fördern.
Im September veröffentlichten die Gouverneure von New York, Massachusetts und drei weiterer Bundesstaaten mit Offshore-Windprojekten eine gemeinsame Erklärung. Darin forderten sie die US-Regierung auf, grüne Energieinitiativen zu unterstützen.
Und während die Regierung in Washington D.C. keine Vertreter zur UN-Klimakonferenz in Brasilien entsandte, nahmen 100 Repräsentanten von US-Bundesstaaten und Kommunen teil. Eine der Initiativen, America Is All, repräsentiert zwei Drittel der US-Bevölkerung und will die Emissionen bis 2030 ohne Unterstützung der Regierung halbieren.
Kampf um Solarprojekte im Südosten der USA
Die NGO Groundswell kämpft derweil im Südosten der USA weiter gegen die Entscheidung der EPA, "Solar for All" zu stoppen - eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, die eigenen Projekte am Leben zu halten. Gleichzeitig verfolgt die Organisation weiterhin Solar- und Speicherprojekte mit anderen Programme sowie Partnerschaften mit lokalen Stromversorgern und Kirchengemeinden.
Die Unternehmerin Anh Nguyen, die stark auf "Solar for All" gesetzt hatte und das gestoppte Förderprogramm sogar in der Schulgruppe ihrer Kinder und auf einer Heimwerker-Messe vorgestellt hatte, setzt nun ihre Hoffnungen auf die Rechtsprechung.
"Wenn das Gericht dazu da ist, die Verfassung und den Gesellschaftsvertrag zu schützen, dann wird es auf meiner Seite stehen", glaubt Nguyen.