1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Tschechien: Private Bunker ab 1000 Euro

Luboš Palata
22. September 2021

Die tschechische Armee verkauft tausende Bunker, die 1938 einen Angriff der Nazis verhindern sollten. Dabei droht ein einzigartiges Verteidigungssystem aus fast 5000 Befestigungsanlagen zerstört zu werden.

Tschechien Festungsanlagen
Die Festung Hurka während der Feier zum Jahrestag der tschechoslowakischen Mobilmachung 1938 am 23.09.2021Bild: Freiwilligengemeinschaft der Freunde der tschechoslowakischen Befestigungen - Festung Hůrka

Ende der 1930er Jahre errichtete die damalige Tschechoslowakei ein massives Netz von Befestigungsanlagen entlang der Grenze zum damaligen Deutschen Reich. Obwohl die Befestigungen im September 1938 noch nicht vollständig fertig gestellt waren, stellten sie doch zusammen mit den Gebirgszügen im Grenzgebiet ein wichtiges Hindernis für die Wehrmacht dar, das die Generäle der Nazi-Armee fürchteten.

Aber obwohl die Regierung in Prag 1,1 Millionen Soldaten mobilisiert hatte und ihre Armee kampfbereit war, schlossen der britische Premier Neville Chamberlain und sein französischer Amtskollege Edouard Daladier am 29. und 30. September 1938 in München ein Abkommen mit Adolf Hitler. Darin wurde die Tschechoslowakei verpflichtet, fast das gesamte Grenzgebiet zu Deutschland, in dem damals eine große deutsche Minderheit lebte, an das Dritte Reich abzutreten.

Damit fielen praktisch alle tschechoslowakischen Grenzbefestigungen in die Hände der Nazis. Ohne sie war das Land militärisch machtlos, was die Besetzung der "Rest-Tschechei" durch die Nazis am 15. März 1939 erheblich erleichterte. Paradoxerweise dienten die Befestigungen den deutschen Besatzern später, im Frühjahr 1945, zur Verteidigung gegen die Rote Armee. Die Kämpfe an der Festungslinie verlangsamten den sowjetischen Vormarsch erheblich und kosteten Tausende Sowjetsoldaten das Leben.

Seit dem Jahr 2000 entledigt sich nun die Armee des Rechtsnachfolgers der Tschechoslowakei, der Tschechische Republik, allmählich der Festungsanlagen. Möglich ist dabei sowohl eine Übertragung an Regionen oder Gemeinden, als auch der Verkauf an Privatpersonen. "Wir haben 4993 Kleinkampfbunker aus der Vorkriegszeit auf unserem Territorium registriert", sagt Petr Sykora von der Presseabteilung des tschechischen Verteidigungsministeriums der DW.

Keine militärische Bedeutung

Da diese Objekte heute keine militärische Bedeutung mehr hätten, habe bereits fast ein Drittel der Anlagen den Besitzer gewechselt, so Sykora weiter. "Jedes Jahr werden mehrere Dutzend Gebäude eigentumsrechtlich abgewickelt. Bisher haben wir 1767 leichte Festungsobjekte und 112 schwere Festungsanlagen übertragen oder verkauft."

Wehrmachtssoldaten begutachten die Festung Bouda nach der Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938Bild: Archiv Freiwilligengemeinschaft der Freunde der tschechoslowakischen Befestigungen

Tschechiens Armee will praktisch alle Festungsanlagen verkaufen oder kostenlos an Regionen und Gemeinden abgeben. "Die Armee behält nur einige wenige Gebäude für ihre eigenen Zwecke, etwa als Lagerräume", so Sykora zur DW. Darunter befinden sich vor allem größere Festungsbauten. Eine davon will die Armee zum Beispiel behalten, weil sich dort eine seismische Station zur Überwachung von Nuklearexplosionen befindet.

Jedes Jahr mehr Bunkerverkäufe

Jahr für Jahr erscheinen auf der Website der tschechischen Armee weitere Objekte, die zum Verkauf angeboten werden. "Die Verkaufspreise bewegen sich in der Regel zwischen 1000 und mehreren zehntausend Euro", sagt Sykora. Die gängigste kleine Befestigung ist der "Ropik". In einigen besonders attraktiven Gegenden, etwa in der Weinbauregion um Mikulov in Südmähren, kostet dieser Bunker inklusive Grundstück jedoch viermal so viel.

Ein Kleinkampfbunker vom Typ "Ropik"Bild: Ministerium für Nationale Verteidigung der Tschechischen Republik

Da bei öffentlichen Auktionen verkauft wird, kann der endgültige Verkaufspreis noch höher liegen. Trotzdem nimmt das Interesse am Bunkerkauf immer mehr zu. "Im aktuellen Angebot befinden sich unter anderem 22 sehr begehrte Objekte der ehemaligen Grenzanlagen", so der Ingenieur Jiri Caletka, ein Mitarbeiter der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums.

Befestigungsanlagen als Touristenattraktion

Einige der Bauten wurden bereits renoviert und in Museen umgewandelt, die sowohl für Touristen aus Tschechien als auch aus dem Ausland von großem Interesse sind. Die meistbesuchte Anlage ist die Artilleriefestung Hurka am nördlichen Stadtrand von Kraliky in den Ausläufern des Sudetengebirges nahe der heutigen Grenze zu Polen.

Martin Rabon (3.v.l.) repariert zusammen mit Freunden der tschechoslowakischen Befestigungen einen BunkerBild: Freiwilligengemeinschaft der Freunde der tschechoslowakischen Befestigungen

"Allein im Juli und August dieses Jahres hatten wir jeweils mehr als 20.000 Besucher", sagt Martin Rabon, Vorsitzender der ehrenamtlichen Gemeinschaft der Freunde der tschechoslowakischen Festungsanlagen der DW. "Da unsere Festung an der Hauptverkehrsstraße zwischen Prag und dem Skigebiet Dolni Morava liegt, ist sie die einzige, die das ganze Jahr über für Besucher geöffnet ist", so Rabon, dessen Verein bereits seit dreißig Jahren ehrenamtlich tätig ist.

Einzigartige Denkmäler

Rabon hat nichts gegen den Verkauf von Bunkern an Privatpersonen - aber er weist darauf hin, dass es manchmal keine Zufahrtsstraßen zu den Anlagen gibt und die Eigentumsverhältnisse der Umgegend oft nicht geklärt sind. "So etwas zu kaufen, ist Unsinn", sagt Rabon, der in letzter Zeit immer häufiger von Interessenten um Rat gefragt wird. "Wir raten potenziellen Käufern vor allem, sich zuerst die Grundstücke um die betreffenden Anlagen herum zu sichern."

Die Artilleriefestung Bouda wurde renoviert und steht nun unter DenkmalschutzBild: Freiwilligengemeinschaft der Freunde der tschechoslowakischen Befestigungen

Einige der Objekte, wie beispielsweise die Artilleriefestung Bouda, die Rabons Verein ebenfalls betreut, sind Kulturdenkmäler der Tschechischen Republik. "Die Verteidigungslinie als Ganzes steht jedoch nicht unter Denkmalschutz", sagt der Vorsitzende der Freunde der tschechoslowakischen Festungsanlagen. "Es ist daher logisch, dass die Armee die Festungen aufgibt. Aber das künftige Schicksal dieser einzigartigen Denkmäler muss gesichert werden. Denn sie sind Zeugen des patriotischen Enthusiasmus der Tschechen für die Verteidigung der Republik Ende der 1930er Jahre."

Luboš Palata Europaredakteur der tschechischen Tageszeitung "Deník".