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Reise

Tragödie, Tourismus und Instagram-Hype

Kai Dambach
20. Juni 2019

Durch die HBO Serie über das Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 wird die ehemalige Todeszone gerade zum umstrittenen Instagram-Hotspot. Kai Dambach über seine eigene Reise an den Ort der Tragödie.

Hand mit Geigerzähler, dahinter der "Sarkophag"
Bild: DW/K. Dambach

Seitdem die von der Kritik gefeierte HBO und Sky Miniserie "Chernobyl" gesendet wurde, sorgen Instagram-Selfies, aufgenommen auf dem Reaktorgelände, für Aufregung. Alle sprechen  über die Selfie-Touristen, über das Klicken, Sharen und sich Schämen. Aber keiner spricht über den realen Ort, an dem diese Selfies aufgenommen werden. Über Tschernobyl, wo am 26. April 1986 eine nukleare Katastrophe über die Menschen hereinbrach. All das erinnert mich an meinen Besuch in Tschernobyl, damals, vor dem Hype. Es ist Zeit darüber zu reden.

Tourangebote in Tschernobyl

Seit über 30 Jahren liegen Schulbücher verstreut in den Fluren der Schule von PripyatBild: DW/K. Dambach

Etwa vier Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt liegt die Stadt Prypjat. Sie wurde 1970 gleichzeitig mit dem Reaktor hochgezogen. Damit liegt Prypjat mitten in der unbewohnbaren 30-Kilometer-Sperrzone rund um das Kraftwerk. Etwa 50.000 Menschen lebten hier - bis die Stadt am 27. April 1986 evakuiert wurde.

In den Wochen nach der Nuklearkatastrophe wurden insgesamt 116.000 Menschen evakuiert. Sie alle lebten innerhalb des 30 Kilometer-Radius um das Kraftwerk. Bei der Explosion des Kernreaktors  wurden zwei Menschen getötet, 28 weitere - die meisten Werksarbeiter und Ersthelfer - starben in den darauffolgenden Wochen an ihren Verbrennungen oder weil sie verstrahlt worden waren. Die offiziellen Angaben über die genaue Zahl der Toten variieren stark. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht von 4000 Toten aus. Menschen, die über die Jahre an Folgeerkrankungen starben. Die Zahl der Kranken dürfte in die Millionen gehen.

Bis heute haben nur Werksarbeiter, Mitarbeiter von Behörden sowie genehmigte Reisegruppen Zugang zur 30 Kilometer-Sperrzone. In diesem Radius war der radioaktive Fallout am stärksten. Innerhalb der ersten 10 Tage nach der Explosion wurde hier eine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel freigesetzt. Geführte Touren durch Tschernobyl werden erst seit 2011 angeboten, seitdem die Behörden das Betreten der Sperrzone als sicher eingestuft haben.

Als nun die Diskussion über die Instagram-Selfies von Tschernobyl Wellen schlug, rief ich Sergiy Ivanchuk an. Er ist der Gründer von SoloEast Tours und bietet behördlich genehmigte Führungen in Tschernobyl an. Wenn er mit seinen Gruppen unterwegs sei, würde auch fotografiert, sagt er mir. Aber die meisten Besucher verhielten sich respektvoll angesichts der Tragödie, die sich hier abgespielt habe. Und: seine Mitarbeiter täten alles dafür, die Besucher dafür zu sensibilisieren.

Als Tourist auf dem Schauplatz einer Tragödie

Ich kann das nur bestätigen. Vor anderthalb Jahren, mitten im eiskalten Januar, war ich selbst mit SoloEast Tous als Tourist in Tschernobyl unterwegs. Da hatten die Dreharbeiten für die HBO-Serie noch nicht einmal begonnen. Allerdings waren Selfies -  aufgenommen vor Touristen-Hotspots, verbreitet über Twitter und Instagram - damals schon ein bekanntes Phänomen.

Der Zugang zur Sperrzone: Rein kommt nur, wer sich einer strengen Personenkontrolle unterzieht.Bild: DW/K. Dambach

Bei meiner Tour zeigten die Guides während unserer zweistündigen Fahrt von Kiew in die Sperrzone Filme und Dokumentationen.

Als wir die Sperrzone erreichten, mussten wir unsere Ausweise vorzeigen - so wie bei der Ausweiskontrolle eines Flughafens. Unsere Ausweise wurden sorgfältig geprüft und die Sicherheitskräfte machten klare Ansagen: Nichts berühren, nichts verstellen und vor allem nichts mitnehmen! Der Geigerzähler, den wir während unseres gesamten Ausflugs mitführten, erinnerte uns unmissverständlich daran, warum. Manchmal heulte er wie wild auf. Und wir schlugen eine andere Route ein.

Wir kamen durch die ehemalige Arbeiterstadt Prypjat, die in Sichtweite des Reaktors erbaut worden war. Es war unheimlich. Die Bücher, die verstreut in den Fluren liegen, waren von 1980. Da lag eine Zeitung -  sie war nur ein paar Tage vor der Katastrophe erschienen. Der Rummelplatz, das Riesenrad, die Autoscooter - alles, was für den Zeitvertreib der Bewohner gedacht war, lag verlassen da, alles rottet seit über 30 Jahren vor sich hin. Bei meinem Besuch war es bitterkalt, Minus 20 Grad Celcius. Aber mir war nicht nur kalt, mir war als wäre die Zeit eingefroren.  

Das berühmte Riesenrad von Pripyat - am 1. Mai 1986 sollte der Rummelplatz eröffnen. Dazu kam es nicht mehr.Bild: DW/K. Dambach

Die HBO-Serie vermittelt den korrekten Eindruck, als habe 1986  niemand so recht gewusst, was Radioaktivität bedeute, wie man sich verhalten soll, was zu tun sei. Heute ist das anders. Vor dem Verlassen des Geländes werden wir alle durch eine Schleuse geschickt, um sicher zu sein, dass wir nicht radioaktiv kontaminiert sind. Dafür gibt es zwei Checkpoints, einer ist etwa 10 Kilometer vom Reaktor entfernt, durch den anderen kommt man, wenn man die Sperrzone verlässt. Ich vermute mal, bei jedem Transatlantikflug kriegt man heute mehr radioaktive Strahlung ab, als an einem Tag in Tschernobyl.

Wenn TV-Tourismus auf Social Media trifft

Tschernobyl ist immer noch ein Ort, der einigermaßen schwer zu erreichen ist. Rein physisch aber auch, was die erforderlichen Genehmigungen anbelangt. Ich glaube deshalb nicht, dass hier in absehbarer Zeit die Gefahr von Overtourism droht. Was ein Social Media-Hype allerdings anrichten kann, kann man bei anderen Locations, die über TV oder Kino berühmt wurden, gut erkennen. Besonders dann, wenn sie günstig zu erreichen sind und die Anreise bequem ist. Das trifft zum Beispiel auf Dubrovnik in Kroatien zu oder den Maya Beach in Thailand. In Dubrovnik wurden Szenen von "Game of Thrones" und "Star Wars" gedreht, in Thailand der Kinofilm "The Beach" mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle. Der Maya Beach hat in der Folge unter dem Ansturm der Touristen so sehr gelitten, dass er mindestens bis 2021 geschlossen ist. Der Strand braucht Erholung.

Relikt des Kalten Krieges: Großantennen der Raketenspähanlage DUGA 1Bild: DW/K. Dambach

Ja, es ist ein Phänomen: die Menschen kommen nicht mehr etwa wegen der Schönheit eines Ortes - oder wegen der Tragödie, die sich dort abgespielt hat. Sie kommen, wegen der Filmszene, die sie toll finden.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters äußerten Reiseagenturen kürzlich, dass nach der Premiere der Serie auf HBO und Sky die Anfragen für einen Tschernobyl-Besuch um 30 bis 40 Prozent in die Höhe geschnellt seien. Ivanchuk von SoloEast sieht da jedoch keinen konkreten Zusammenhang. Mit oder ohne Instagram-Hype rechnet er für die Zukunft mit einem Anstieg des Interesses.   

"2016 hatten wir 7500 Tschernobyl-Besucher, 2018 waren es 11.450. Wegen der Serie werden es sicherlich noch mehr werden. Aber natürlich haben die Leute nicht gleich nach Serienstart die Sperrzone gestürmt. Ich sehe eher ein stetig wachsendes Interesse, das geht auch aus unseren Buchungen für die nächsten Monate hervor", so Ivanchuk.

Hat die Zeiten überdauert: Sowjet-PropagandaBild: DW/K. Dambach

Das, wofür Tschernobyl steht geht über jeden Instagram-Hype hinaus. Das Ausmaß der Katastrophe, die vielen Opfer, die der Reaktorunfall gefordert hat, haben unseren Blick auf die Atomenergie ein für alle Mal verändert. Seit einigen Jahren bemüht sich Tschernobyl darum UNESCO-Welterbe zu werden. Ein Mahnmal der Menschheit.

 

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