Ufos: "Die meisten Meldungen kommen von Rauchern"
8. April 2026
Wer in Deutschland ein Ufo sichtet, kann seinen Fund bei CENAP melden - dem "Centralen Erforschungs-Netz außergewöhnlicher Himmels-Phänomene". Eine Meldestelle im Odenwald, betrieben von einem fünfköpfigen Team aus Ehrenamtlern rund um Hansjürgen Köhler.
Herr Köhler ist ein freundlicher Mann Ende 60, der sofort ins Erzählen kommt. In seinem früheren Leben war er Kaufmann, weil er kein Astronom werden durfte. Sein Vater riet damals zu "etwas Anständigem". Darum ist Herr Köhlers Jagd auf Ufos ein Hobby, das er mit Hingabe pflegt.
Während die NASA seit 2023 ihren ersten Ufo-Direktor beschäftigt, hat Deutschland seit 50 Jahren: Hansjürgen Köhler.
Die Aufklärungsquote ist hoch
Seit der Gründung von CENAP seien 13.621 Meldungen eingegangen, erzählt er. Die Aufklärungsquote sei hoch, bloß 89 Fälle seien bis heute ungelöst. In den vergangenen fünf Jahren hätten die Meldungen Jahr für Jahr zugenommen. Allein im vergangenen Jahr waren es 1.348 Fälle.
Viele Sichtungen lassen sich erklären: Raketen, Satelliten, helle Planeten oder Fixsterne. Ein Klassiker: Sirius, der hellste Stern am Firmament, links neben dem Himmelsjäger Orion. Manchmal auch Feuerkugeln oder Meteore - "da springt das Astronomieherz gleich in die Höhe", schwärmt Köhler.
Nicht nur CENAP sammelt solche Fälle. In Deutschland existieren mehrere Meldestellen, die Berichte über ungewöhnliche Himmelsphänomene entgegennehmen. Dazu zählen etwa die Deutsche Gesellschaft für UFO-Forschung (DEGUFO), MUFON-CES - die deutschsprachige Sektion des internationalen Mutual UFO Network - oder die Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens (GEP).
Bei CENAP führen rund 40 Prozent der Meldungen laut Hansjürgen Köhlers Erfahrung auf Raumfahrttechnologie zurück. Als zusätzlicher Arbeitgeber sei vor ein paar Jahren Elon Musk hinzugekommen. Denn die Starlink-Satelliten können unter bestimmten Bedingungen extrem hell aufflammen ("extreme flaring") und lösen weltweit so vermehrt Ufo-Meldungen aus -sogar von Flugzeugpiloten.
Aber auch Flugzeuge, Helikopter oder Drohnen steckten häufig hinter den Sichtungen. Gerade Drohnen machen oft verrückte Flugmanöver, die viele Menschen irritieren, weiß Köhler. Und oft sind es schlicht Alltagsphänomene: Ballons aller Art, besonders Folienballons, weil sie das Sonnenlicht so schön reflektieren. Auch Lasershows oder Lichteffekte großer Events. So ein Laserstrahl könne schon mal Dutzende Kilometer weit reichen, selbst in beschauliche Orte, in denen man dem Gras beim Wachsen zuhören kann.
Die Hotline, die nie schläft
CENAP hat eine Hotline, die 24 Stunden am Tag besetzt ist. Außerdem können Menschen ungewöhnliche Himmelsphänomene über WhatsApp, E-Mail oder das Kontaktformular auf der Website melden. Köhler sieht sich in der Pflicht, jeder Meldung nachzugehen und innerhalb von 24 Stunden zu beantworten. Wenn eine Meldung eingeht, benötigt Herr Köhler Datum, Uhrzeit, Ort, Himmelsrichtung, Länge der Sichtung und Zeugenzahl, gerne auch Fotos oder Videos.
Seine Hauptbürozeit ist zwischen 22 und 24 Uhr. Zu dieser Zeit stehen die meisten Menschen auf dem Balkon und schauen in den Himmel, sagt er. Oft, weil sie dabei rauchen. Wenn viel los ist, etwas Spektakuläres am Himmel über Deutschland zu sehen ist, zum Beispiel ein Meteor oder der Wiedereintritt einer Raketenstufe, können schon mal 60 bis 80 Meldungen am Abend eingehen. "Dann ist der Abend gelaufen. Dann kannst du den Fernseher ausschalten, weil du weißt: Jetzt geht es rund", sagt Köhler.
Seine liebsten Fälle gehen zwischen 3 und 4 Uhr nachts ein. Dann springt er aus dem Bett, weil es oft spektakuläre Meteore sind, die mal wieder für ein Ufo gehalten werden. Je schneller sich die Menschen melden, desto besser. "Dann können wir gleich am PC sehen, was der Anrufer sieht" - und bestenfalls aufklären.
Astronomie-Wissen in der Allgemeinbevölkerung gering
Innerhalb der Ufo-Szene zählt Hansjürgen Köhler zu den Skeptikern. Er selbst distanziert sich von den "Ufo-Freaks", begreift sich mehr als Kriminologe mit Schwerpunkt Himmel denn als jemand, der an grüne Männlein in fliegender Untertasse glaubt.
Die astronomischen Kenntnisse in der Allgemeinbevölkerung seien ausbaufähig, findet er. Das sei ihm schon damals aufgefallen, als Jugendlicher in der Sternwarte. Ganz allein scheint er mit dieser Beobachtung nicht: Die International Astronomical Union (IAU) hat das Projekt "Big Ideas in Astronomy" ins Leben gerufen und definiert, was zum astronomischen Allgemeinwissen gehören sollte.
Doch nicht ausschließlich das fehlende Wissen, auch die eigene Wahrnehmung kann uns manchmal in die Irre führen: Die Psychologie nennt das Pareidolie - die Neigung des Gehirns, in zufälligen Mustern Bedeutungen oder Gesichter zu erkennen. So können wolkenähnliche Strukturen oder Lichtreflexe schon mal wie Ufos wirken. Menschen sind jedoch unterschiedlich anfällig dafür, "Gesichter" oder Formen in den Himmel zu projizieren - abhängig von Persönlichkeit, Stresslevel oder Erwartungshaltung.
Zwischen Kriminologie und Kummerkasten
Für die Aufklärung nutzt Köhler Astronomie-Programme, Infos der Raumfahrtagenturen, Flugverkehrsdaten (Quelle geheim) - und ruft bei besonderen Anfragen auch schon mal die Bundeswehr an. Und manchmal muss er vorgehen wie ein Detektiv.
Ein Fall aus den 1990er Jahren beschäftigt Köhler bis heute. Eine junge Frau sei mehrere Monate lang Abend für Abend hinter einem Ufo hergefahren, vom Ruhrgebiet bis nach Belgien. Einmal habe sie ein LKW überholt und gehupt - für sie das Zeichen, dass er das Ufo ebenfalls gesichtet hat.
Das Sonderbare: Das Ufo wechselte ständig seine Form, war mal größer, mal kleiner. Köhler fand heraus: Die Frau war halbblind. Ihre Brille kaputt, die Kontaktlinsen verloren. Das schrumpfende und wachsende Ufo war in Wahrheit der Mond in seinen verschiedenen Phasen. Skurril, sagt Herr Köhler, und irgendwie auch dramatisch. Am Ende sei die Frau vor allem wohl einsam gewesen.
Die Menschen, die sich bei ihm melden, seien "wie Du und Ich": jeden Alters, jeden Geschlechts, manchmal cool, manchmal aufgeregt. Eine Frau habe sich gemeldet, da hatte sie sich in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie dachte, es wäre Krieg. In Wahrheit war es ein Meteor.
"Es hilft den Leuten, wenn sie bei mir landen", sagt Köhler. Wenn er aufklären kann, bedankten sich die Menschen. Sagten, dass sie jetzt wieder beruhigt schlafen können.
Auch die ESA fragt nach
Inzwischen leite ihm sogar die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) Fälle weiter. Wie vor drei Jahren, als ein Forscherteam in Norwegen Polarlichter beobachtete und dabei etwas Komisches am Himmel sah. Herr Köhler fand heraus: In Wahrheit hatte eine Rakete gezündet. In der klirrenden Kälte war der Treibstoff kristallisiert. "Das macht einen Riesenzauber am Himmel."
Ein anderer Fall, der ihn vor einem halben Jahr beschäftigt hat: eine Sichtung von Aliens an einem Strand in Portugal. Dokumentiert von einer Frau durch akribische Skizzen. Am Lagerfeuer sitzend habe sie immer wieder Aliens gesehen, die im Meer verschwanden. Herr Köhler fand heraus: An dem Strand war eine Tauchschule. Was Ufologen vielleicht als Alien-Begegnung einsortiert hätten ("hanebüchen!"), klassifizierte Köhler als Tauchgang.
Ufo-Landung in der Zukunft nicht ausgeschlossen
Ob er damit rechne, dass eines Tages doch noch ein Ufo auf der Erde lande? "Bis zum heutigen Tag waren sie nicht da", sagt Köhler. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass wir nicht die einzigen Lebewesen in der Galaxie sind. Das wäre Platzverschwendung. "Dass sie heute kommen, kann ich nicht ausschließen." Aber er glaubt auch: Wenn sie auf dem blauen Planeten landen, und sehen, was hier abgeht, dann sind sie auch ganz schnell wieder weg.