Generationswechsel beim Militär der Ukraine
22. Juli 2026
Der 43 Jahre alte Generalmajor Mychajlo Drapatyj wird neuer Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte. Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte eine Neuordnung des Generalstabs in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt an. Zuvor hatte Selenskyj den bisherigen Armeechef Olexander Syrskyj nach tagelangen Demonstrationen von seinem Posten entbunden.
Ausgangspunkt der Proteste, die in etlichen Städten des Landes aufflammten, war die Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Der 35-Jährige hatte während seiner kurzen Amtszeit von nur sechs Monaten die Technisierung des ukrainischen Militärs vorangetrieben, das sich seit vier Jahren unter großen Verlusten gegen eine russische Invasion stemmt. Er lag dabei allerdings im Dauerkonflikt mit dem Oberbefehlshaber Syrskyj, einem noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten General alter Schule.
In der Bevölkerung genoss Fedorow für seinen innovativen Kurs großen Rückhalt. So hatte er mit Drohnenangriffen auf das russische Hinterland wachsende Erfolge für die Ukraine verbucht. Fedorow solle einen "würdigen Posten" bekommen, auf dem er sich weiter um die technische Entwicklung kümmern könne, kündigte der Präsident jetzt an, ohne Einzelheiten zu nennen.
Husarenstreich in Mariupol
Auch Drapatyj gilt als beliebt. Er ist nach Walerij Saluschnyj und Syrskyj der dritte Oberbefehlshaber seit der Ausweitung der russischen Angriffe, welche bereits 2014 im Osten der Ukraine begonnen hatten. Schon damals erlangte Drapatyj als Major eine gewisse Berühmtheit, weil er mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte in der südöstlichen Hafenstadt Mariupol durchbrechen ließ.
Zehn Jahre später half er als Kommandeur, den russischen Einmarsch im Gebiet der nordöstlich gelegenen zweitgrößten Stadt des Landes, Charkiw, zu begrenzen, ehe er Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen wurde. Von diesem Posten trat er 2025 zurück. Hintergrund war der Einschlag einer russischen Iskander-Rakete am Standort einer Ausbildungseinheit; dabei wurden zwölf Soldaten getötet. Er übernehme die Verantwortung dafür, dass die Armeeangehörigen nicht ausreichend geschützt worden seien, erklärte Drapatyj damals.
"Ohne Gerechtigkeit sind Veränderungen sinnlos"
Zuletzt war er wieder als Befehlshaber im Gebiet Charkiw tätig. In sozialen Medien hatte er sich auf Fedorows Seite geschlagen und erklärt, die Armee brauche Veränderungen, "aber ohne Gerechtigkeit sind Veränderungen für die Menschen sinnlos, die diesen Krieg jeden Tag auf ihren Schultern tragen".
Selenskyj würdigte ausdrücklich die militärischen Verdienste des scheidenden Armeechefs Syrskyj bei der Verteidigung der Hauptstadt Kyjiw 2022, bei der Abwehr der Angriffe auf Charkiw 2024 und beim ukrainischen Vorstoß ins russische Gebiet Kursk im gleichen Jahr. Zum neuen Verteidigungsminister ernannte der Präsident kommissarisch Jewhenij Chmara.
Die Kämpfe gingen derweil untermindert weiter. In der Nacht zu diesem Mittwoch wurde in der Ost- und der Zentralukraine wegen anfliegender russischer Drohnen erneut Luftalarm ausgelöst. Auch Kyjiw war betroffen. Gleichzeitig wurde in russischen Gebieten wie Orjol, Kaluga oder Woronesch ebenfalls Drohnen- oder Raketenalarm ausgelöst.
Attacken auf russisches Amazon-Pendant
Bei ukrainischen Angriffen auf Logistikzentren des größten russischen Online-Versandhändlers Wildberries wurden nach offiziellen Angaben mindestens acht Menschen verletzt. Getroffen worden seien Standorte in Krasnodar und Newinnomyssk im Süden Russlands, teilte Wildberries-Gründerin Tatjana Kim mit. Selenskyj gab an, in Lagern des Händlers befänden sich Güter, die mit Sanktionen des Westens belegt seien, weil sie sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke nutzbar seien. Kremlsprecher Dmitri Peskow wies dies zurück.
Die Zahl der getöteten Zivilisten in dem Krieg ist laut den Vereinten Nationen stark gestiegen. In der ersten Jahreshälfte habe die UN-Menschenrechtskommission in der Ukraine (HRMMU) fast 1400 zivile Todesopfer und knapp 8000 verletzte Zivilisten in dem von Russland angegriffenen Land dokumentiert, erläuterte die Leiterin der Kommission, Danielle Bell. Das entspreche einem Anstieg um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Russland meldete seinerseits einen Anstieg ziviler Opfer auf eigenem Gebiet: 250 Zivilisten wurden demnach zwischen Januar und Juni getötet und 1600 verletzt.
jj/se (dpa, afp, rtr, ohchr.org)
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