Ukraine nimmt Russlands Schwarzmeer-Häfen ins Visier
25. August 2026
Für die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin folgende Rechtfertigung zurecht gelegt: "Sonst wären NATO-Truppen gekommen und das Machtgleichgewicht in der Schwarzmeerregion hätte sich grundlegend verändert." Tatsächlich sind die NATO-Truppen nie gekommen, doch das Gleichgewicht der Macht verschob sich in der Region dennoch, und zwar mit dem russischen Überfall auf die gesamte Ukraine.
Und jetzt haben verstärkte ukrainische Angriffe auf Noworossijsk, Russlands größten Handelshafen am Schwarzen Meer, in den letzten Wochen erhebliche Störungen bei Erdöl- und Getreidelieferungen verursacht. Die russische Marine dominiert die Region nicht mehr. Und der Export von Waren über das Schwarze Meer wird für Russland aufgrund der ukrainischen Drohnenschläge zunehmend schwieriger. Die Logistik kann nur zum Teil neu organisiert werden.
Sollten die schweren Angriffe anhalten, könnten die Folgen für russische Exporteure und den Staatshaushalt erheblich sein, meinen Experten, mit denen die DW gesprochen hat.
Welche Bedeutung hat Noworossijsk?
Gemessen am Güterumschlag ist Noworossijsk der größte russische Hafen, zudem auch einer der größten in Europa. Seit dem 19. Jahrhundert ist er ein wichtiger Knotenpunkt für Russlands Außenhandel. Heute werden bis zu einem Drittel der russischen Getreideexporte über Noworossijsk abgewickelt, weil der Hafen von den wichtigen Agrarregionen des Landes gut zu erreichen ist. Darüber hinaus werden Erdöl, Metalle und Containerfracht von dort in die Weltmärkte verschifft.
Die jüngsten Angriffe ukrainischer See- und Luft-Drohnen haben die Lieferungen, vor allem von Getreide, massiv beeinträchtigt. Andrej Sisow, Leiter der Agrar-, Beratungs- und Forschungsagentur SovEcon, schildert die Ereignisse auf seinem Telegram-Kanal. Demnach stellten am 12. August das Getreideterminal sowie das Brotwarenkombinat Noworossijsk, einer der größten Getreide- und Exporthafen-Betriebe Russlands, die Arbeit ein. Einen Tag später folgte das KSK-Terminal, das größte Tiefwasser-Terminal für Getreide. Bereits Ende Juli war der Betrieb des Terminals in Taman zum Erliegen gekommen. Zuvor hatte die Ukraine den Betrieb der Flachwasserhäfen am Asowschen Meer lahmgelegt. Lediglich Tuapse, das kleinste der Tiefwasser-Terminals, ist noch in Betrieb. "Somit sind praktisch alle russischen Getreideexporte über das Asow-Schwarzmeer-Becken blockiert", so Sisow.
Die Lage beim Ölexport ist nicht ganz so dramatisch. Er ist zwar nicht vollständig zum Erliegen gekommen, wird aber regelmäßig gestört. Laut Reuters musste Russlands größter Umschlagplatz für Erdöl und Ölprodukte am Schwarzen Meer, das Terminal Schescharis mit einer Kapazität von rund 700.000 Barrel pro Tag, seine Arbeit am 14. August einstellen und konnte sie erst nach zwei Tagen wieder aufnehmen.
Was sind die Folgen für die Getreidemärkte?
Laut der Londoner Argus Media, einer der weltweit führenden, unabhängigen Preisbericht-Agenturen für die globalen Energie-, Rohstoff- und Transportmärkte, könnte Russland in der Saison 2026/27 rund 45 Millionen Tonnen Weizen für den Weltmarkt liefern. Weizen wäre somit der Hauptposten des landwirtschaftlichen Exports. Die anhaltende Blockade im Schwarzen Meer macht dies jedoch unmöglich. Etwa 90 Prozent der Lieferungen werden normalerweise über diese Region abgewickelt.
Andrej Sisow von SovEcon schätzt, dass "viele russische Erzeuger diese Saison nicht überleben werden, insbesondere nach mehreren Jahren der Verschlechterung der finanziellen Lage". Da Exporte nicht mehr möglich sind, muss überschüssiges Getreide auf dem Inlandsmarkt verkauft werden, was die Preise bereits drückt. Selbst wenn sich die Exporte mit der Zeit erholen sollten, sind Probleme unvermeidlich. Der August markiert den Saisonhöhepunkt, und was jetzt nicht geliefert wird, kann nur schwer nachgeliefert werden, denn die Terminals sind in den Herbstmonaten ohnehin voll ausgelastet.
Die Eskalation der Kampfhandlungen in der Region des Asowschen und des Schwarzen Meeres wird auch auf dem Weltmarkt zu spüren sein, Russland ist schließlich der größte Weizenexporteur. Gleichzeitig sind die ukrainischen Getreideexporte stark zurückgegangen. Die Angriffe kommen derzeit von beiden Seiten. Seit der zweiten Julihälfte verstärkt auch Russland seine Angriffe auf ukrainische Häfen und die dort anlaufenden Schiffe.
"Aufgrund logistischer Störungen ist die eigentlich reichhaltige Weizenernte in der Ukraine und in Russland vom Weltmarkt abgeschnitten. Beide Länder versuchen, alternative Routen wie Ostseehäfen oder Terminals an der Donau zu nutzen. Diese können die traditionellen Routen aber nicht vollständig ersetzen", sagt Xiaoyi Deng von Argus Media gegenüber der DW.
Was passiert mit Russlands Erdöl-Export?
In den ersten beiden Augustwochen wurden im Hafen von Noworossijsk laut Daten des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA), einer in Helsinki ansässigen Forschungsorganisation und Denkfabrik, 30 Prozent weniger Öl umgeschlagen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dem Rückgang der Lieferungen war ein Drohnenangriff auf das Terminal des Kaspischen Pipeline-Konsortiums (CPC) am 19. Juli vorausgegangen.
Isaak Levi, Energieanalyst bei CREA, weist im DW-Gespräch darauf hin, dass Lieferungen nicht nur aufgrund von Schäden an der Infrastruktur zurückgehen können. Einige Reeder würden sich schlicht weigern, Häfen anzulaufen, die als vorrangige potentielle Ziele für Drohnenangriffe gelten. Eine sichere Durchfahrt durch das Schwarze Meer sei für niemanden garantiert. Nach Angaben des TV-Senders Bloomberg wurde am 17. August ein griechischer Tanker angegriffen, der vermutlich russisches Öl transportierte.
"Sollten die derzeitigen Einschränkungen bis Ende August andauern, wird es für Russland zunehmend schwerer werden, Lieferungen einfach zu verschieben, in der Hoffnung, die Verluste später ausgleichen zu können", sagt Levy und fügt hinzu: "Die wegfallenden Mengen lassen sich zwar umleiten, aber nur teilweise. Die realistischsten Optionen sind die Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga. Allerdings werden dadurch die Transportkosten steigen. Noworossijsk lässt sich nicht vollständig ersetzen."
Wie beim Getreideexport würden die Folgen von der Dauer und Intensität der Drohnenangriffe sowie von der Fähigkeit Russlands abhängen, die Schäden schnell zu reparieren, erläutert Levy. Aber die russische Führung ist offenbar willig, Risiken einzugehen. Der am 13. August bekannt gewordene Vorschlag der Ukraine für einen Waffenstillstand im Schwarzen Meer wurde vom Kreml abgelehnt.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk