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Ukraine empört über Aufhebung von Russlands Olympia-Bann

10. Juli 2026

Das Internationale Olympische Komitee lässt für die Olympischen Spiele 2028 Mannschaften aus Russland wieder zu. Der ukrainische Sportminister Matwij Bidnyj erhebt Vorwürfe gegen das IOC und dessen Präsidentin.

Hand mit russischem Fähnchen vor Olympischen Ringen
Der nächste Schritt für die Rückkehr Russlands auf die olympische Bühne ist gemachtBild: Jae C. Hong/AP/dpa/picture alliance

In dieser Woche hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) entschieden, die Sanktionen gegen Sportlerinnen und Sportler aus Russland weiter aufzuweichen.

Rund viereinhalb Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine und trotz anhaltender Kämpfe erlaubte das IOC, dass an der Qualifikation für die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 russische Athletinnen und Athleten nun auch in Mannschaftssportarten wieder teilnehmen dürfen, wie IOC-Präsidentin Kirsty Coventry erklärte.

Damit dürfte sich die Olympia-Delegation in L.A. stark vergrößern. In Paris waren 2024 nur 15 "neutrale Athleten" dabei, bei der Winter-Olympiade in Mailand und Cortina d'Ampezzo gerade einmal 13.

Zwar dürfen Russinnen und Russen zumindest bei Olympia vorerst weiterhin nicht unter russischer Flagge antreten, auch die Nationalhymne wird bis auf Weiteres bei den Wettbewerben nicht gespielt. "Zu gegebener Zeit" solle aber über die Nutzung russischer Symbole bei den Spielen entschieden werden, hieß es. 

Einladung an IOC-Präsidentin Coventry

"Ich würde Kirsty Coventry einladen, in die Ukraine zu kommen und die Realität mit eigenen Augen zu sehen", erklärte der ukrainische Sportminister Matwij Bidnyj in einer schriftlichen Stellungnahme an die Deutsche Welle (DW).

"Ich möchte, dass sie auf unseren Bahnsteigen steht und erlebt, wie sich unsere Soldaten von ihren Kindern verabschieden, bevor sie an die Front aufbrechen. Ich möchte, dass sie unsere zerstörten Sportakademien besucht und unsere jungen Athleten trifft, die unter dem Heulen der Luftschutzsirenen trainieren müssen", so Bidnyj.

Ukraines Sportminister Matwij Bidnyj lädt IOC-Präsidentin Kirsty Coventry in die Ukraine einBild: Andreas Stroh/ZUMA/picture alliance

Er sei absolut davon überzeugt, dass jedes Gerede von "Neutralität" oder der "Einhaltung von Verfahrensregeln" sofort verstummen würde, sobald sie dies aus erster Hand erlebt habe.

Auch Skeleton-Pilot Wladislaw Heraskewytsch, der bei den Winterspielen in Cortina wegen seines Helms, der mit Bildern getöteter Sportler aus der Ukraine bemalt war, nicht antreten durfte, sprach von "Heuchelei" und dass das IOC "Terroristen die Rückkehr in den Wettkampfsport" ermögliche.

Olympia-Bann nicht wegen Angriffskrieg

Allerdings war der Angriffskrieg Russlands für das IOC nie der vorherrschende Grund, russische Athletinnen und Athleten von den Olympischen Spielen auszuschließen - zumindest rein rechtlich nicht. Vielmehr sanktionierte der Olympia-Dachverband die Tatsache, dass Russland die ukrainischen Sportverbände der annektierten und besetzten Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja in das russische Verbandssystem integriert hatte.

Das stellte aus Sicht des IOC eine Verletzung der Olympischen Charta dar. Da Russland diese Verbände nun formal wieder entfernt hat, gibt es für das IOC auch keine juristische Grundlage mehr, das Russische Olympische Komitee (ROC) weiterhin auszuschließen.

Nicht ganz stimmig wirkt dabei, dass Belarus als Unterstützer Russlands lange Zeit ebenfalls verbannt war. Die Belarussen haben allerdings nie irgendwelche Sportverbände zwangsweise in die eigenen Strukturen integriert oder ukrainische Gebiete besetzt.

Für das IOC reichte aus, dass Belarus den Angriffskrieg der Russen aktiv logistisch und militärisch unterstützt hatte und russischen Truppen den Angriff von belarussischem Staatsgebiet aus ermöglichte. Das IOC sah darin einen Bruch des olympischen Friedens. Allerdings wurden die Sanktionen im Mai 2026 komplett aufgehoben.

In der Ukraine - wie hier in Kyjiw - sind durch russische Angriffe auch viele Sportstätten beschädigt wordenBild: Aleksandr Gusev/SOPA Images/Sipa USA/picture alliance

Die Begründung des IOC damals: die Einhaltung aller Charta-Regeln durch das Belarussische Olympische Komitee sowie das vorbildliche Verhalten seiner Athletinnen und Athleten.

"Wir wollten allen Athleten die Möglichkeit garantieren, an den Olympischen Spielen teilzunehmen und nicht für die Handlungen ihrer Regierung verantwortlich gemacht zu werden", rechtfertigte sich Coventry. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) äußerte Verständnis für die IOC-Entscheidung.

Ukraine spricht von "juristischem Trick" Russlands

Dieses Verständnis gibt es von ukrainischer Seite nicht. "Diese Entscheidung ist eine völlige Missachtung des Andenkens an Hunderte ukrainischer Sportler, die von Russland getötet wurden", schreibt Sportminister Bidnyj der DW.

Zudem sei das IOC auf einen juristischen Trick der Russen hereingefallen. Weil das ROC im Dezember 2024 alle Regionalräte aus seiner Satzung strich, tauchten auch Donezk, Luhansk, Cehrson und Saporischschja dort nicht mehr auf.

"Ein direkter Ausschluss lediglich der ukrainischen Gebiete wäre innerhalb Russlands als Schwächezeichen wahrgenommen worden", schreibt Bidnyj. "Es wäre ein faktisches Eingeständnis gewesen, dass diese Gebiete nicht zu Russland gehören - was der absoluten Wahrheit entspricht. Ich kann schlicht nicht glauben, dass das IOC dies nicht versteht. Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung, die Realität zu ignorieren, wodurch das IOC seine eigene Glaubwürdigkeit völlig zerstört."

Die Deutsche Welle hat das IOC gebeten, zu den Aussagen Bidnyjs Stellung zu nehmen. Der Olympia-Dachverband äußerte sich wie folgt: "Das IOC wird die Situation im Zusammenhang mit etwaigen Aktivitäten des ROC in diesen Gebieten weiterhin genau beobachten und behält sich das Recht vor, bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen."

Leichtathletik nein, Fußball ja? - Einzelverbände entscheiden

Wie schnell und umfangreich die Rückkehr russischer Sportlerinnen und Sportler tatsächlich gehen wird, hängt von den einzelnen Sportverbänden ab. Da das IOC seine alte Empfehlung, Russland auszuschließen, aufgehoben hat, können sie nach ihrem Ermessen entscheiden - und reagieren unterschiedlich.

Während der Leichtathletik-Weltverband World Athletics den Ausschluss Russlands gerade erst wieder verlängerte, haben andere Weltverbände wie im Schwimmen, Turnen oder Judo bereits alle Sanktionen aufgehoben. Es gilt als wahrscheinlich, dass andere Sportarten nachziehen.

FIFA-Präsident Gianni Infantino würde den russischen Verband und dessen Nationalmannschaften gerne wieder spielen lassenBild: Eduardo Verdugo/AP Photo/picture alliance

Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino zeigt sich schon seit Monaten offen für eine Rückkehr. Mitte Juni wurde Russland bereits für die U15-WM im Oktober in Aserbaidschan zugelassen. Laut dem britischen Sender Sky News erwägt der Fußball-Weltverband, Russland insgesamt wieder zuzulassen. 

Entsprechend positiv fielen die Reaktionen im Kreml aus: "Das IOC sendet ein klares Signal: Die olympische Bewegung muss frei von Politik bleiben", lobte beispielweise Russlands Sportminister Michail Degtjarjow via Telegram.

Marta Kostjuk: "Will jede einzelne Russin schlagen"

Für Sportlerinnen und Sportler aus der Ukraine bedeutet die Entscheidung allerdings, dass sie künftig wieder häufiger auf Gegnerinnen und Gegner treffen, denen sie lieber aus dem Weg gehen würden. Einen Boykott von Wettkämpfen aus Protest zieht aber bislang niemand in Erwägung. 

Tennisspielerin Marta Kostjuk hat kein Verständnis für die IOC-Entscheidung und gibt sich kämpferischBild: Mike Egerton/PA Wire/dpa/picture alliance

"Ich bin zu 100 Prozent nicht mit dieser Entscheidung einverstanden. Ich finde, das ist sehr, sehr weit entfernt von Fairplay für alle hier beteiligten Länder, nicht nur für die Ukraine", sagte beispielsweise die ukrainische Tennisspielerin Marta Kostjuk während des Turniers in Wimbledon.

Sie kündigte an: "Ich will einfach nur rausgehen und hoffentlich jede einzelne Russin schlagen, gegen die ich bei den Olympischen Spielen spiele. Das war's."

Der Artikel wurde am 13. Juli 2026 nach der Stellungnahme des IOC auf die Vorwürfe von Matwij Bidny aktualisiert.

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