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Ukraine-Gespräche in Berlin: Ringen um den Frieden

15. Dezember 2025

Der ukrainische Präsident Selenskyj wird in Berlin mit höchsten Ehren empfangen. Kanzler Merz sagt, eine Waffenruhe sei so nah wie nie. Aus den Gesprächen Selenskyjs mit den USA dringt wenig nach draußen.

Deutschland Berlin 2025 | Friedrich Merz und Wolodymyr Selenskyj bei Ukraine-Beratungen im Kanzleramt
"Eine Feuerpause so nah wie nie?" Der ukrainische Präsident Selenskyj und Kanzler Merz am Montag in BerlinBild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

An einem Tag voller Termine, Gespräche und Fahrten durch das extrem gesicherte Berlin ist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)  jetzt sichtlich bewegt. Merz ringt nach Worten, macht lange Pausen, als er über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine spricht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sitzt im Saal in der ersten Reihe bei dieser deutsch-ukrainischen Wirtschaftskonferenz, nur ein paar Meter von Merz entfernt.

Friedrich Merz ringt um Fassung

Der Kanzler sagt mit stockender Stimme: "Manchmal wache ich morgens auf und denke einen kurzen Augenblick, ist das alles nur ein böser Traum? Und schon in der selben Minute wird mir klar: Nein, das ist kein böser Traum, das ist seit fast vier Jahren ein täglicher Alptraum."

Jeden Tag lebt Wolodymyr Selenskyj in diesem Aptraum. Aber hier im Saal ist die Unterstützung für ihn groß, auch wenn völlig unklar ist, was der alte Kontinent, was Europa, überhaupt leisten kann, damit in der Ukraine die Waffen schweigen. Selenskyj sagt: "Wir dürfen nicht vergessen, woher dieser Krieg kam, wer diesen Krieg nach Europa gebracht hat." Und wie schon so oft fügt er hinzu, jeder Friedensplan müsse am Ende die Würde seines Landes wahren. 

Ein hermetisch abgeriegeltes Kanzleramt und eine beängstigende Stille im Regierungsviertel: 3600 Polizisten sind im EinsatzBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Gespräche mit den USA an zwei Tagen

Schon am Sonntag hatte Selenskyj in Berlin mit US-Unterhändler Steve Witkoff und dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, Jared Kushner, gesprochen, fünf Stunden lang. Während des Montags gingen diese Gespräche weiter, nur wenig drang nach draußen. Am Vormittag versuchte der deutsche Regierungssprecher Stefan Kornelius dann zusammenzufassen: In der Pressekonferenz der Regierung sagte er, "...dass die Bemühungen um einen Waffenstillstand in großen Pendelschlägen sich bewegen." Mit anderen Worten: Die Vorstellungen liegen weit auseinander, und die Vorschläge ändern sich oft.

Verzichtet Selenskyj auf eine NATO-Mitgliedschaft?

Wie schon seit geraumer Zeit: Vor gut drei Wochen hatte US-Präsident Donald Trump einen 28-Punkte-Plan für einen Frieden in der Ukraine vorgelegt, der den Interessen des Aggressors Russland weit entgegenkam. Dieser Plan scheint vom Tisch zu sein, aber auch jetzt sind die Zumutungen für die Ukraine immens: 20 Punkte soll der Plan jetzt umfassen, so ganz genau weiß das keiner.

Vom Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft ist die Rede, die Selenskyj in seiner Not wohl akzeptieren würde. Und von umfangreichen Gebietsabtretungen, um im Gegenzug Sicherheitsgarantien zu bekommen, um einen erneuten russischen Angriff in Zukunft zu verhindern. US-Unterhändler Witkoff äußerte sich im Anschluss positiv. Es seien "viele Fortschritte" erzielt worden, schrieb er auf der Plattform X. Merz wird später dazu sagen, so nah wie jetzt sei man einem Waffenstillstand noch nie gewesen.

Deutschland empfängt den ukrainischen Präsidenten mit allen Ehren: Wolodymyr Selenskyj bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss BellevueBild: Kay Nietfeld/Pool/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Selenskyj wird mit höchsten Ehren empfangen

An diesem Montag im Regierungsviertel der deutschen Hauptstadt: Polizei, wohin man sieht. An der Luisenbrücke, die im Herzen des politischen Berlins über den Fluss Spree führt, sind die Fußgängerwege Richtung Reichstagsgebäude und weiter Richtung Kanzleramt gesperrt. Über dem Kanzleramt kreisen Hubschrauber, über dem Regierungsviertel ist es fast beängstigend still. 3600 Polizistinnen und Polizisten aus dem ganzen Land sind im Einsatz.

Ukraine wohl zu Neuwahlen bereit

Der ukrainische Präsident kommt am Mittag ins Schloss Bellevue zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (mit inniger Umarmung zu Beginn und Scharfschützen auf dem Dach), Selenskyj erscheint danach im Bundestag, zum Gespräch mit Parlamentspräsidentin Julia Klöckner (CDU). Dabei ging es auch um mögliche Neuwahlen in der Ukraine, noch so ein Punkt, den die USA von der angegriffenen Ukraine fordern. Selenskyj scheint bereit zu sein, dieser Forderung nachzukommen. Um US-Präsident Donald Trump entgegenzukommen - und um seine eigene Legitimation zu steigern. All die vielen, protokollarisch hoch angesetzten Termine an diesem Tag in Berlin sollen zeigen: Deutschland steht fest an der Seite der überfallenen Ukraine.

Pistorius wirbt im US-TV für Europas Sichtweise

Diese Bilder und diese Botschaft sollen selbstverständlich in der Ukraine zu sehen sein, aber vor allem auch in den USA. Denn zuletzt hatte es so ausgesehen, als wenn sich Unterhändler aus Washington und Moskau auf einen Friedensplan einigen, ohne die Europäer überhaupt zu konsultieren. Dass sich Europa aber der Gefahren auch für den Westteil des Kontinents bewusst ist, macht zeitgleich Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) klar. Im Interview in der amerikanischen Sendung "60 Minutes" sagt er nochmals, Deutschland müsse bis 2029 kriegsbereit sein. Es geht also längst nicht mehr nur um die Ukraine, es geht um die Sicherheit Europas.

Ein Gespräch von zwei Passanten

Auf der Luisenbrücke sind zwei Passanten ins Gespräch vertieft: Wie muss das sein für den ukrainischen Präsidenten, wenn hier in Berlin darüber geredet wird, ob er den kompletten ostukrainischen Donbass abtreten muss an Russland, an das Land, dass sein Land vor bald vier Jahren überfallen hat? Mit Gebieten darin, die die russische Armee noch gar nicht unter ihrer Kontrolle hat? Wäre das nicht so, als würde Deutschland genötigt, um eines brüchigen Friedens willen, die Bundesländer Sachsen und Thüringen einfach so preiszugeben? Unvorstellbar eigentlich, aber Vergleichbares kann so kommen in der Ukraine.

Nicht vergessen, wer den Krieg nach Europa getragen hat: Der ukrainische Präsident beim deutsch-ukrainischen Wirtschaftsreffen am Nachmittag in BerlinBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Moskau gibt sich unbeeindruckt

Am Abend dann noch einmal ein starkes Signal Europas an die Ukraine: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kommt, ebenso der britische Premier Keir Starmer. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte stößt dazu, und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Außerdem weitere Regierungschefs aus der EU, etwa aus Italien und Dänemark. Das Signal: Europa lässt nichts unversucht, um einen gerechten Frieden in der Ukraine zu erreichen. Aber ob es, wie erhofft, noch vor Weihnachten zu einer Feuerpause kommt? Bislang gehen die Kämpfe in der Ukraine unvermindert weiter, und in Moskau zeigen sich die Herrschenden unbeeindruckt von den Ereignissen in Berlin.

Merz will Nutzung der russischen Vermögen durchsetzen

Aber, das betont Merz dann noch: Wichtig wird sein, dass die EU sich auf ihrem Gipfeltreffen Ende der Woche dazu durchringt, rund 200 Milliarden Euro an eingefrorenen russischen Vermögen in der EU für den Wiederaufbau in der Ukraine freizugeben.  Gegen Widerstände in den USA, auch in der EU selbst, natürlich gegen die wütende Kritik Russlands. Merz sagt, ein Scheitern würde die EU massiv beschädigen: "Und wir würden zeigen, dass wir in so einer entscheidenden Stunde unserer Geschichte nicht in der Lage sind, zusammenzustehen." Es sind dramatische Tage für die Ukraine und für Europa so kurz vor Weihnachten. 

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