Ukraine-Krieg: Wie Kyjiw die Flugabwehr sichern will
10. August 2026
In der Luftverteidigung der Ukraine klafft eine größer werdende Lücke. Russland setzt bei seinen Angriffen verstärkt auf ballistische Raketen. Ausgerechnet gegen diese Waffen sind die Streitkräfte besonders stark auf westliche Unterstützung angewiesen. Doch die dafür entscheidenden Patriot-Abfangraketen aus US-Produktion wurden während des Krieges immer wieder knapp.
Wie dringend braucht die Ukraine neue Patriot-Raketen?
Extrem dringend. Während die Ukraine ein gut funktionierendes Abwehrnetz gegen Drohnenschwärme aufgebaut hat, stoßen die Streitkräfte bei der Abwehr der ballistischen Iskander-M-Raketen an ihre Grenzen. Zu den wenigen Systemen, die solche Raketen bekämpfen können, zählen vor allem das Patriot-System mit PAC-3-Abfangraketen.
Anfang August wurde wieder einmal deutlich, wie lückenhaft diese Abwehr inzwischen geworden ist. Bei einem russischen Angriff am 1. August konnte die Ukraine von 27 abgefeuerten ballistischen Raketen lediglich eine Rakete abwehren. Präsident Wolodymyr Selenskyj führte dies darauf zurück, dass praktisch keine Patriot-Abfangraketen mehr für die acht in der Ukraine stationierten Batterien verfügbar seien. Drei Tage später feuerte Russland nach ukrainischen Angaben weitere 24 ballistische Raketen sowie vier Hyperschall-Zirkon-Flugkörper ab. Keiner wurde abgefangen.
Als Alternative zum Patriot-System gilt auch das französisch-italienische SAMP/T. Doch davon besitzt die Ukraine nur wenige Exemplare, und auch die dafür benötigten Aster-30-Abfangraketen sind knapp. Die leistungsfähigere neue Generation SAMP/T NG wird zudem erst schrittweise verfügbar. Eine kurzfristige europäische Ersatzlösung für Patriot ist das System deshalb nicht.
Gleichzeitig gehen die Lieferungen der Patriots zurück. Laut Selenskyj erhielt die Ukraine in diesem Jahr bislang nur rund ein Drittel so viele Flugabwehrraketen wie 2025. Der Krieg im Nahen Osten hat den weltweiten Mangel zusätzlich verschärft. Anders als zu Beginn des Ukraine-Kriegs liegt das Problem heute weniger bei den Start-Einrichtungen, als bei der Patriot-Munition.
Wie groß sind die russischen Raketen-Kapazitäten?
Auch wenn genaue russische Zahlen nicht öffentlich sind, sprechen zahlreiche Hinweise dafür, dass Russland seine Produktion hochfährt. So hat Moskau die Herstellung ballistischer und aeroballistischer Raketen der Typen Iskander-M und Kinschal deutlich erhöht. Aktuelle Schätzungen gehen allein von rund 60 bis 65 Iskander-M im Monat aus - hochgerechnet also mehr als 700 im Jahr. Hinzu kommen laut Berichten offenbar auch Lieferungen aus Nordkorea. Nach Angaben der Ukraine hat Pjöngjang Russland seit Ende 2023 rund 150 ballistische Raketen geliefert. Eine neu nach Russland verlegte nordkoreanische Raketeneinheit könnte zudem mit bis zu 120 weiteren Geschossen ausgestattet werden.
Laut ukrainischem Verteidigungsministerium setzte Russland allein im Juli dieses Jahres 195 ballistische Raketen verschiedener Typen ein. Lediglich 29 davon konnten abgefangen werden. Nach Einschätzung des ukrainischen Militärgeheimdienstes kann Russland aktuell monatlich bis zu 100 ballistische Raketen starten, ohne seine Bestände abzubauen.
Demgegenüber lieferte der US-Raketenhersteller Lockheed Martin 2025 weltweit lediglich 620 moderne PAC-3-MSE-Abfangraketen aus. Der Konzern will die jährliche Produktionskapazität zwar auf 2000 Stück erhöhen, allerdings im Rahmen eines Programms über sieben Jahre.
Haben die USA der Ukraine erlaubt, Patriot-Raketen selbst herzustellen?
Das Fachportal Army Recognition kommt für die Zeit seit Kriegsbeginn auf durchschnittlich nur rund 133 an die Ukraine gelieferte Patriot-Abfangraketen pro Jahr. Gemessen an der Intensität der russischen Raketenangriffe ist das wenig. Deshalb gewinnt in Kyjiw eine andere Option an Bedeutung: die eigene Produktion.
Nach dem NATO-Gipfel in Ankara Anfang Juli stellte die ukrainische Regierung die Sache zunächst als weitgehend entschieden dar. Präsident Selenskyj sprach von einer politischen Entscheidung Donald Trumps, der Ukraine Lizenzen für die Herstellung von Patriot-Abfangraketen zu erteilen. Noch am 28. Juli wurde nach einem Treffen der Staatsmänner in Washington erklärt, beide Präsidenten hätten über die "Umsetzung" dieser Entscheidung gesprochen.
Drei Tage später sorgte Trump für Verwirrung. Die Vereinigten Staaten hätten einer ukrainischen Produktion noch nicht zugestimmt. Bei der Weitergabe der Technologie müsse man vorsichtig sein.
Die Gespräche laufen dennoch weiter. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters prüfen amerikanische und ukrainische Vertreter unter anderem ein Modell, bei dem Komponenten in der Ukraine gefertigt und die Raketen zunächst in Deutschland endmontiert würden. Auch eine Beteiligung Kyjiws an einer neuen, günstigeren Patriot-Rakete ist im Gespräch.
Wie schnell könnte die Ukraine Patriot-Raketen selbst bauen?
Nicht schnell genug, um das akute Problem der Überlastung zu lösen. Die scheidende ukrainische Botschafterin in Washington, Olha Stefanischyna, bezifferte den möglichen Zeitraum bis zum Aufbau einer Produktion auf zwölf Monate bis fünf Jahre. Eine moderne Abfangrakete besteht aus zahlreichen hoch spezialisierten Komponenten. Schon ein Engpass bei Suchkopf, Elektronik oder Raketenmotor kann die gesamte Fertigung begrenzen. Bis eine eigene Produktion steht, versucht Kyjiw deshalb, schneller an Patriot-Raketen zu kommen. Dafür sollen etwa andere Abnehmer ihre Lieferungen an die Ukraine abtreten und später Ersatz erhalten.
Wie aufwendig der Aufbau neuer Kapazitäten ist, zeigt auch die Beschaffung innerhalb der NATO. Anfang 2024 bestellte deren Beschaffungsagentur bis zu 1000 Patriot-Abfangraketen für Deutschland und weitere europäische Staaten. Produziert werden sie von COMLOG, einem Gemeinschaftsunternehmen von MBDA und Raytheon. Die entsprechende Fertigung wird in Deutschland gerade aufgebaut, aber erst frühestens 2027 werden die ersten Raketen ausgeliefert. Allerdings handelt es sich hier um die ältere Patriot-Version Pac-2, die gegen ballistische Raketen nur bedingt geeignet ist. Fabian Hinz vom International Institute for Strategic Studies bezeichnet die ukrainische Patriot-Produktion daher im Nachrichtenmagazin "Spiegel" auch als "eher langfristiges Projekt".
Wie weit ist die ukrainische Eigenentwicklung?
Die Ukraine arbeitet inzwischen nicht mehr allein an einem eigenen System, sondern versucht, ein europäisch-ukrainisches Raketenabwehrprojekt aufzubauen. Das Programm läuft unter der Bezeichnung "Freyja". Kern des Systems soll die Abfangrakete FP7.X des ukrainischen Herstellers Fire Point sein. Ihre Architektur geht nach Angaben von Fire-Point-Chefin Iryna Terekh auf sowjetische Entwürfe für die Flugabwehrsysteme S-300 und S-400 zurück. Die heutige Rakete habe mit diesen Vorbildern allerdings nur noch rund 20 Prozent gemeinsam.
Am Projekt beteiligen sich inzwischen nach Angaben von Fire Point mehr als ein Dutzend europäische Rüstungsunternehmen. Ihr Ziel ist eine Abfangrakete, die weniger als eine Million Euro kostet und damit preiswerter wäre als die modernen PAC-3 (rund fünf Millionen US-Dollar) von Patriot.
Bald verfügbar ist aber auch dieses System nicht. Die ukrainische Seite strebt einen Prototyp in der ersten Hälfte 2027 an. Wenn alles gut läuft. "Ballistische Raketenabwehr ist die Königsklasse der Flugabwehr und dementsprechend komplex zu entwickeln", warnt Raketenexperte Hinz im "Spiegel".