Ukraine-Krieg: Neue Angriffe nach Tagen relativer Ruhe
12. Mai 2026
Nur wenige Stunden nach Ablauf der befristeten Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine hat Moskau nach Angaben aus Kyjiw erneut massive Luftangriffe gestartet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland habe in der Nacht mehr als 200 Drohnen auf sein Land abgefeuert. "Russland selbst hat beschlossen, das mehrere Tage andauernde teilweise Schweigen zu beenden", schrieb Selenskyj auf der Plattform X. Er bezog sich damit auf die dreitägige Feuerpause, die seit Samstag gegolten hatte.
Drohnenangriffe auf mehrere ukrainische Regionen
Die ukrainische Luftwaffe meldete Angriffe auf die Hauptstadt Kyjiw sowie auf weitere Städte und Regionen, darunter Saporischschja, Dnipro, Charkiw, Cherson, Sumy und Mykolajiw. In Kyjiw wurde am frühen Dienstagmorgen erstmals seit Freitag wieder Luftalarm ausgelöst. Der Leiter der Militärverwaltung der Hauptstadt, Tymur Tkatschenko, warnte die Bevölkerung bei Telegram: "Derzeit befinden sich feindliche Drohnen über Kyjiw." Die Menschen wurden aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen.
Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko stürzten Teile einer Drohne auf ein mehrstöckiges Wohnhaus im Stadtbezirk Obolonsky. Dabei brach ein Feuer aus. Andere Berichte sprachen davon, dass Trümmer auf das Dach eines Hochhauses gefallen seien. Über mögliche Opfer und das genaue Ausmaß der Schäden lagen zunächst keine vollständigen Informationen vor. Die Zeitung "Kyiv Independent" berichtete zudem von Explosionen in der Hauptstadt.
Auch in anderen Landesteilen verursachten die Angriffe Schäden. In der Region Dnipropetrowsk wurden nach Angaben des Gouverneurs Oleksandr Hanscha Menschen verletzt. Ein neunstöckiges Wohnhaus sowie mehrere Fahrzeuge seien beschädigt worden. Aus dem Osten der Ukraine meldeten die Behörden zudem mindestens einen Todesfall infolge der russischen Luftangriffe.
Beide Seiten meldeten Verstöße gegen Waffenruhe
Parallel dazu meldete auch Russland neue ukrainische Drohnenangriffe. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, in der Nacht seien 27 ukrainische Drohnen über den Regionen Belgorod, Woronesch und Rostow abgefangen und zerstört worden. Die russische Luftfahrtbehörde Rosawiazija schränkte aus Sicherheitsgründen den Flugverkehr an mehreren Flughäfen in Zentralrussland ein. Angaben über Schäden oder Opfer wurden zunächst nicht gemacht.
Die Waffenruhe war vergangene Woche auf Initiative von US-Präsident Donald Trump zustande gekommen. Trump hatte Kremlchef Wladimir Putin und den ukrainischen Präsidenten Selenskyj zu einer dreitägigen Feuerpause aufgefordert. Beide Seiten reduzierten während dieser Zeit ihre Luftangriffe weitgehend, warfen sich jedoch weiterhin Verstöße am Boden vor.
Anlass der Vereinbarung waren die Feierlichkeiten in Russland zum Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Moskau wollte nach ukrainischer Darstellung insbesondere eine störungsfreie Militärparade in der Hauptstadt gewährleisten, während Kyjiw auf eine längere Waffenruhe drängte.
Schon vor dem Ablauf der Feuerpause hatte Selenskyj Zweifel an einer dauerhaften Beruhigung der Lage geäußert. In einer Videobotschaft sagte er: "Wir sehen auch, dass Russland nicht die Absicht hat, diesen Krieg zu beenden." Zugleich kündigte er an: "Wir bereiten uns auf neue Angriffe vor, leider."
Russische Wirtschaft unter "beispiellosem Druck"
Während die Kämpfe weiter eskalieren, gerät auch die russische Wirtschaft zunehmend unter Druck. Die Regierung in Moskau hat nach einem schwachen ersten Quartal ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr drastisch gesenkt. Vize-Regierungschef Alexander Nowak erklärte in einem Interview mit der Zeitung "Wedomosti", die Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts werde von ursprünglich 1,3 Prozent auf nur noch 0,4 Prozent reduziert. Auch die Erwartungen für 2027 wurden von 2,8 auf 1,4 Prozent halbiert.
Damit bleibt die wirtschaftliche Entwicklung deutlich hinter den Vorgaben von Präsident Putin zurück, der zuletzt ein stärkeres Wachstum gefordert hatte. Die russische Wirtschaft war im ersten Quartal um 0,3 Prozent geschrumpft - der erste Rückgang seit drei Jahren. Experten führen dies unter anderem auf Steuererhöhungen zu Jahresbeginn sowie auf Preisabschläge für russisches Öl infolge westlicher Sanktionen zurück.
Nowak sprach von einer "zyklischen" Entwicklung der Wirtschaft und verwies auf den durch hohe Militärausgaben ausgelösten Aufschwung in den Jahren 2023 und 2024. "Nach einer Phase hohen Wachstums gibt es immer eine Korrektur", sagte er. Gleichzeitig räumte der Vize-Regierungschef ein, dass die russische Wirtschaft unter "beispiellosem Druck" durch westliche Sanktionen stehe. Zusätzlich belasteten regelmäßige ukrainische Angriffe auf kriegswichtige Industrieanlagen und die Ölindustrie die Lage.
Für die Haushaltsplanung kalkuliert Russland laut Nowak weiterhin mit einem Ölpreis von 59 Dollar pro Barrel im kommenden Jahr, langfristig sogar nur noch mit 50 Dollar. Angesichts der Spannungen im Nahen Osten warnte er jedoch vor zu großem Optimismus trotz zuletzt gestiegener Energiepreise. "Die Krise führt zwar zu höheren Exporteinnahmen aus Öl und Gas, dieser Effekt ist jedoch nicht von langer Dauer", sagte Nowak.
Putin hatte die Regierung erst vor wenigen Wochen aufgefordert, neue Wege zur Stabilisierung der Konjunktur zu finden. Laut Nowak arbeite die Regierung nun "systematisch daran, wieder nachhaltiges, langfristiges Wachstum zu erzielen, um die nationalen Entwicklungsziele zu erreichen".
Neue Korruptionsvorwürfe gegen Selenskyj-Vertrauten
Neben den militärischen Entwicklungen sorgen auch innenpolitische Vorwürfe in der Ukraine für Aufsehen. Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP erklärten, sie hätten eine organisierte Gruppe aufgedeckt, die in Geldwäsche im Zusammenhang mit einem Luxusbauprojekt nahe Kyjiw verwickelt gewesen sein soll.
Unter Verdacht steht demnach auch der frühere Leiter des Präsidentenbüros, Andrij Jermak, ein langjähriger Vertrauter von Präsident Selenskyj. Die Ermittler sprechen von einem möglichen Schaden in Höhe von umgerechnet fast neun Millionen Euro. Jermak war bereits Ende November vergangenen Jahres nach einem Korruptionsskandal zurückgetreten.
Unterdessen hofft die Ukraine auf weitere finanzielle Unterstützung aus Europa. Selenskyj erklärte, sein Land rechne bereits im Juni mit ersten Auszahlungen aus dem neuen EU-Kreditprogramm im Umfang von 90 Milliarden Euro. Die Regierung arbeite intensiv mit der EU-Kommission zusammen, um weitere Verzögerungen zu vermeiden. Die Europäische Union hatte den Weg für das Hilfspaket erst im April freigemacht.
pgr/wa (afp, dpa, rtr)