Ukraine-Krieg: Warum die Krim zum strategischen Ziel wird
31. Juli 2026
Mit ihren verstärkten Angriffen auf die Krim wollen die Streitkräfte der Ukraine die von Russland annektierte Halbinsel möglichst vom Festland isolieren. Mit Langstreckendrohnen attackieren sie Transporte auf der Autobahn M-14 zwischen Rostow am Don und Melitopol, aber auch Schiffe der russischen Schattenflotte im Asowschen und im Schwarzen Meer. Angegriffen werden zudem Energieanlagen, die dem Militär dienen.
Der Kommandeur der ukrainischen Kräfte für unbemannte Systeme, Robert "Magyar" Brovdi, spricht von 196 russischen Schiffen und mehr als hundert Energieanlagen, die allein seit Anfang Juli getroffen worden seien. Diese Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.
Offensichtlich sind jedoch die Probleme bei der Versorgung des russischen Militärs und der Zivilbevölkerung auf der Krim. Ende Mai wurden Benzingutscheine ausgegeben, die nach 24 Stunden vergriffen waren. Daraufhin wurde Benzin auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Im Juni wurde auf der Krim und in Sewastopol der Ausnahmezustand ausgerufen, weil es in verschiedenen Bezirken immer wieder zu Unterbrechungen der Strom-, Wasser-, Mobilfunk- und Internetversorgung kommt.
Was berichten Bewohner der Krim?
Nina ist eine Rentnerin aus einem Dorf nahe Feodosija im Südosten der Halbinsel. Sie erzählt der DW von den Schwierigkeiten, dass man wegen der Stromausfälle nicht kochen könne, und dass der öffentliche Nahverkehr wegen Treibstoffmangels nur unregelmäßig verkehre. Am meisten fürchte sie aber einen Winter ohne Strom.
Im Norden der Krim gibt es die längsten Stromausfälle. Dort lebt Iwan (Name geändert). Er sagt der DW, Treibstoff habe man eine Zeit lang weder gegen Gutscheine noch Bargeld bekommen - ausgenommen waren demnach nur Polizeibeamte, Staatsbedienstete oder Mediziner. Es habe einen tagelangen Kollaps gegeben. Autos seien einfach stehen geblieben und die Menschen hätten nicht gewusst, wie sie weiterkommen sollten. Die meisten Läden führten inzwischen keine verderblichen Waren mehr, weil ihre Kühl- und Gefrierschränke ausgefallen seien, sagt Iwan: "Es gibt weder Milchprodukte noch Fisch oder Fleisch. Nur wenige Läden haben einen Stromgenerator, dort die Preise sind aber viel höher als früher."
Kleine private Freiwilligen-Initiativen leisten Hilfe, wie etwa die Bloggerin Olena Gerasimenko. Gemeinsam mit Unternehmern aus Simferopol bringt sie Trinkwasser zu den von Stromausfällen geplagten Menschen sowie in Krankenhäuser und Kindergärten. In ihrem Blog berichtet sie von Klagen über mangelnde Hilfe der von Russland eingesetzten "Behörden" auf der Krim.
In sozialen Medien wird zudem berichtet, dass die Bewohner der nördlichen Krim wegen der fehlenden Kommunikationsmittel und Stromausfälle ihre Post inzwischen mit Linienbussen verschicken würden. Doch auch die Busse fahren nicht mehr regelmäßig.
Welche Angriffstaktik verfolgt die Ukraine?
Die ukrainischen Versuche, die Nachschubwege der Krim zu blockieren, richten sich vor allem gegen kleine russische Tanker und Schlepper, die Öl zu größeren Schiffen sowie Treibstoff auf die Krim transportieren. Parallel dazu werden Umspannwerke zerstört. Laut Kommandeur Brovdi verschont die Ukraine jedoch bewusst die Kertsch-Brücke. Sie verbindet die Halbinsel über die Meerenge von Kertsch mit der russischen Region Krasnodar. Brovdi sagte kürzlich in einem Interview mit dem irischen Journalisten Caolan Robertson, die Straßen- und Eisenbahnbrücke solle als Fluchtkorridor von der Krim erhalten bleiben. Es gehe nicht darum, sie zu zerstören, sondern die russischen Truppen vom Nachschub abzuschneiden, sagt Brovdi: "Wir wollen es der russischen Militärmaschinerie unmöglich machen, dort zu bleiben und zu operieren."
Der Militärexperte Iwan Kyrytschewskyj dient in einer Drohnen-Einheit. Im DW-Gespräch weist er darauf hin, wie wichtig die Luftangriffe auf die Krim für die Front am Boden seien. "Damit die Russen auch nicht annähernd an Saporischschja herankommen, muss Druck auf ihre Verbindungswege im besetzten Süden der Ukraine ausgeübt werden. Das gilt vor allem für die Krim. Die Blockade des Schiffsverkehrs im Asowschen und Schwarzen Meer verfolgt im Wesentlichen dasselbe Ziel", so Kyrytschewskyj. "Die Krim dient den Russen schon viel zu lange als ruhiger Hafen und unsinkbarer Flugzeugträger, von dem aus sie ihre Offensiven in der Südukraine durchführen."
Auch der Militärexperte und Gründer der Organisation "Reaktive Post", Pawlo Naroschnyj, bezeichnet die Krim als riesigen Stützpunkt. Von ihm würden die russischen Truppen in den Regionen Cherson und Saporischschja größtenteils abhängen. Lange sei die Logistik im Wesentlichen über die Halbinsel gelaufen, doch nun sei diese Versorgungsquelle von zwei Seiten abgeschnitten - vom Land durch Angriffe auf die Autobahn M-14 und vom Meer durch Angriffe auf Transportmittel nahe der Krim-Brücke. "Wir schneiden so nicht nur die Krim ab, sondern auch die russischen Truppen im Süden der Ukraine", sagt Naroschnyj der DW. Seine Wohltätigkeitsorganisation versorgt die ukrainische Artillerie an der Front gezielt mit lebensnotwendiger Ausrüstung.
"Lage nicht schlimmer, als in Städten der Ukraine"
Derzeit müssten bis zu drei Millionen Menschen auf der Krim von Russland versorgt werden, erklärt Naroschnyj. "Ein Heizkraftwerk, das bis zu 60 Prozent der gesamten Stromversorgung der Krim sicherstellte, ist zerstört. Die Versorgung mit Erdölprodukten ist unterbrochen. Die Bevölkerung hat schon jetzt Probleme, selbst mit alltäglichen Dingen." Im Herbst, so warnt der Experte, würden sich die Probleme mit Beginn der Heizperiode noch verschärfen. "Putin wird sich dann nicht mehr nur um militärische Probleme kümmern müssen, sondern auch um die Probleme der Bevölkerung", meint Naroschnyj.
Für Sidharth Kaushal vom Royal United Services Institute (RUSI) in London stellen Angriffe auf Kraftwerke nicht automatisch einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Vor allem, wenn diese Anlagen eine militärische Bedeutung haben und die Angriffe dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen. Ukrainische Experten bestätigen, dass die angegriffenen Anlagen hauptsächlich Strom für militärische Einrichtungen liefern. Kaushal geht im DW-Gespräch davon aus, dass Moskau durch eine groß angelegte ukrainische Blockadestrategie letztendlich zu Waffenstillstandsverhandlungen gezwungen werden könnte.
Unterdessen ruft Kommandeur Brovdi zu Geduld auf: "Ich entschuldige mich bei den Bewohnern der Krim, den Ukrainern, für die derzeitigen Unannehmlichkeiten. Sie erleben Einschränkungen der Vorzüge, die sie ihr Leben lang genossen - bei der Versorgung mit Strom, Wasser und Kommunikation. Aber sie sind in keiner schlechteren Lage als die Menschen in Charkiw, Dnipro, Sumy, Saporischschja, Nikopol, Cherson und in Hunderten anderen Städten, die täglich gezielt angegriffen werden."
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk