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PolitikUkraine

Ukraine: Was der Fall von Pokrowsk bedeuten würde

8. November 2025

Um die Stadt im Donbass wird heftig gekämpft. Experten gehen davon aus, dass Pokrowsk schon bald von russischen Truppen eingenommen wird. Welche Auswirkungen wird dies auf den weiteren Kriegsverlauf haben?

Blick aus dem Fenster eines Hauses nach einem russischem Angriff in Pokrowsk auf beschädigte Wohnblöcke
Die Schlacht um Pokrowsk findet bereits auf den Straßen der Stadt stattBild: Anatolii Stepanov/REUTERS

Die Lage in Pokrowsk steht seit Tagen im Mittelpunkt aller Militärberichte. Für die ukrainischen Truppen ist die Situation an diesem Frontabschnitt kritisch. 21 Monate nach dem russischen Einmarsch in Awdijiwka, einem Vorort von Donezk, könnte nun Pokrowsk als weiterer logistischer Knotenpunkt von russischen Truppen eingenommen werden.

Bereits seit über einem Jahr dauern die Kämpfe um die Stadt an der Grenze zur Region Dnipropetrowsk an. Vor Russlands umfassendem Einmarsch in die Ukraine hatte Pokrowsk rund 60.000 Einwohner und war ein wichtiger Industrie- und Verkehrsknotenpunkt im ukrainisch kontrollierten Teil des Donbass. Doch im Sommer 2025 lebten dort nur noch knapp 1500 Menschen. Die meisten Zivilisten hatten die Stadt, die zum Kriegsgebiet geworden war, längst verlassen. Die heftigen Kämpfe um Pokrowsk dauern seit über einem Jahr an und haben sich zuletzt bis in die Straßen der Stadt ausgeweitet.

Russen dringen tief nach Pokrowsk vor

Rob Lee, Experte des amerikanischen Foreign Policy Research Institute, bezeichnet Pokrowsk in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters als "große Grauzone". "Klar ist, dass russische Infiltrationseinheiten sehr tief im Nordwesten und Norden der Stadt vordringen. In welchem Ausmaß sie dieses ganze Gebiet kontrollieren, ist unklar“, sagte er. Sicher sei jedoch, dass Russland in den letzten ein bis zwei Wochen seine Truppenstärke in der Stadt deutlich erhöht habe. Verschiedenen Schätzungen zufolge könnte es sich dabei um 200 bis 300 oder sogar mehr Soldaten handeln. "Und je mehr Soldaten sich in der Stadt befinden, desto mehr Kontrolle hat Russland darüber."

In Pokrowsk gibt es fast keine Zivilisten mehrBild: Anatolii Stepanov/REUTERS

Das Hauptproblem für die ukrainischen Streitkräfte in Pokrowsk sei die "versperrte Logistik", sagt Marina Miron, Expertin am King's College London. "Da die ukrainischen Truppen von der Außenwelt abgeschnitten sind, werden sie mit Drohnen versorgt. Sowohl mit Luft- als auch mit Bodendrohnen, denn die Lage ist sehr gefährlich. Und wenn man die Truppen nicht versorgen oder Verwundete evakuieren kann, dann ist das wie eine tickende Zeitbombe", warnt die Expertin.

Ist Pokrowsk schon gefallen?

Der österreichische Militärexperte Oberst Markus Reisner analysiert die Lage an der ukrainischen Front seit Kriegsbeginn. Die ukrainischen Streitkräfte hätten die Stadt aus mehreren Gründen lange nicht verlassen, sagt er im DW-Gespräch. Einerseits sei es um den Aufbau einer neuen Verteidigungslinie jenseits von Pokrowsk und Kostjantyniwka gegangen. Andererseits sei es im Interesse der Ukraine gewesen, Zeit zu gewinnen, indem man den russischen Vormarsch aufhält. Im deutschen Nachrichtensender ntv äußerte Reisner die Vermutung, dass Pokrowsk bereits gefallen sei.

Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage, was das für den weiteren Kriegsverlauf bedeutet. "Pokrowsk ist eine wichtige Stadt", erklärt Rob Lee. "Russland hat in bedeutenden Städten keine großen Erfolge erzielt. Doch die Einnahme von Pokrowsk wäre für Russland im Jahr 2025 ein gewichtiger Erfolg. In medialer Hinsicht wäre die Eroberung der Stadt bis Ende dieses Jahres sehr wichtig."

Ein operativer Durchbruch an der Front?

Oberst Reisner betont, dass Russland an der Front bislang keinen operativen Durchbruch erzielen konnte. Obwohl dies im Sommer das Ziel der Russen gewesen sei, hätten sie es trotz bedeutender Gebietsgewinne nicht erreicht.

Der österreichische Militärexperte Oberst Markus Reisner beobachtet die Lage in der UkraineBild: Bianca Otero/ZUMA Press Wire/picture alliance

Sollte die Ukraine Pokrowsk tatsächlich verlieren, würde die Stadt laut Militärexperten zum zentralen Stützpunkt russischer Truppen in der Region werden, ähnlich wie zuvor für die Ukraine. Die Russen würden dann in ein Terrain mit Hochhäusern und dichter Bebauung vorrücken, wo man Tausende von Soldaten unterbringen könne. Die ukrainischen Streitkräfte, darunter Drohnenpiloten, Einheiten für elektronische Kampfführung und Aufklärung, müssten derweil in Waldgebiete ausweichen.

"Pokrowsk wäre der erste operativ-taktische Erfolg der russischen Besatzer seit der Besetzung von Awdijiwka. Über ein Jahr lang waren ihre Erfolge vorwiegend taktischer Natur. Angesichts der Verluste, des Zeitaufwands und der aufgewendeten Ressourcen ist dies eine Schande für eine so große Armee", sagte der ukrainische Militärbeobachter Oleksandr Kowalenko der Nachrichtenagentur Reuters.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, im Donbass Anfang November 2025Bild: Ukraine Presidency/Ukrainian Pre/Planet Pix/ZUMA/picture alliance

Experten sehen zwei mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung, falls die ukrainischen Streitkräfte Pokrowsk räumen müssen. Entweder werden die russische Propaganda und Putin versuchen, dies in Russland als Sieg darzustellen, um dann Verhandlungen mit der Ukraine und dem Westen zuzustimmen. Oder Putin könnte durch die Einnahme Pokrowsks zu weiteren Offensiven ermuntert werden. Dann wären nicht nur andere Städte in der Region Donezk wie Kramatorsk und Slowjansk die logischen Ziele, sondern auch die angrenzende Region Dnipropetrowsk.

Um Russland an den Verhandlungstisch zu zwingen, versuche die Ukraine, Druck durch Angriffe auf strategische Ziele tief im russischen Hinterland auszuüben, so Markus Reisner. Zudem bemühe sich Kyjiw insbesondere darum, die USA zum Verkauf von Tomahawk-Raketen mit großer Reichweite an die ukrainischen Streitkräfte zu bewegen. Putin, so der Oberst, sehe sich trotz schwerer Verluste auf dem Weg zum Sieg.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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