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PolitikEuropa

Russland/Ukraine: Krieg auch im Cyberspace

Friedel Taube
1. März 2022

Cyberattacken sind Teil der modernen Kriegsführung - im Krieg Russlands gegen die Ukraine dienen sie der Demoralisierung und der Desinformation, haben aber auch Einfluss auf das Kriegsgeschehen.

Symbolbild I Computer Hacker
Bild: Jochen Tack/dpa/picture alliance

Es war wie ein Krieg vor dem Krieg: Bereits am Tag vor der Invasion russischer Gruppen ins Gebiet der Ukraine lagen diverse wichtige Regierungsseiten in Kiew lahm - die Seiten des Parlaments, der Regierung, des Außenministeriums und anderer staatlicher Einrichtungen waren betroffen. Hacker hatten so genannte "DDos"-Attacken gefahren ("Distributed Denial of Service"), bei denen Webserver automatisiert mit illegitimen Anfragen überflutet wurden, sodass die Infrastruktur der Server überlastet wurde und ausfiel. Die Ukraine machte Moskau dafür verantwortlich. Zudem war auf ukrainischen Rechnern so genannte "Wiper"-Software gefunden worden - Schadprogramme, die unbemerkt große Mengen Daten löschen können. Zu einem russischen Angriff auf die Ukraine mit der Wiper-Software "NotPetya" war es schon 2017 gekommen, der wirtschaftliche Schaden war enorm.

Nebenkriegsschauplatz Cyberspace

Und auch jetzt, da in der Ukraine gekämpft wird, bleibt der Cyberspace zumindest ein Nebenkriegsschauplatz. So mobilisiert die Ukraine nicht nur ihr Militär, sondern auch die IT-Experten im Land: Die Regierung suchte laut Nachrichtenagentur Reuters Freiwillige, die imstande sind, russische Hackerangriffe abzuwehren sowie eigene Attacken auf wichtige russische IT-Infrastruktur vorzubereiten.

Hilfe bekommt die Ukraine auch vom weltweiten, lose organisierten Hackerkollektiv "Anonymous", das dem Kreml seinerseits den digitalen Krieg erklärt hat. Bis zum 26. Februar wurden mehrere Websites der russischen Regierung lahmgelegt - vermutet werden dahinter Aktivisten von "Anonymous". Auch der staatliche russische Sender rt.com, der vom Westen als Kreml-Propagandainstrument angesehen wird, war von Cyberangriffen betroffen.

Hackerattacken als Teil hybrider Kriegsführung

Ob solche Attacken tatsächlich den Ausgang des Konflikts mitentscheiden können? Experten für Cybersicherheit bezweifeln das - auch Sven Herpig von der Stiftung Neue Verantwortung: "Wir reden hier über einen heißen Konflikt, wo Sachen explodieren und Menschen sterben. Ob jetzt irgendjemand Daten aus dem russischen Verteidigungsministerium leakt - da bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich kriegsentscheidend ist."

Klar ist trotzdem, dass Russland den Cyberspace flankierend für eine hybride Kriegsführung nutzt. Nicht nur, indem kritische IT-Infrastruktur angegriffen wird. Auch die gezielte Verbreitung von Falschinformationen durch Russland ist offenbar Teil davon. So wurden schon vor der Invasion Cyberoperationen zum Teil der psychologischen, modernen Kriegsführung: "Es ging darum die Bevölkerung zu verunsichern und den Widerstandswillen zu brechen", so Herpig.

Digitale Manipulation von Kriegsgerät möglich

In manchen Fällen können digitale Angriffe allerdings auch ganz konkret das Kriegsgeschehen beeinflussen. Je digitalisierter eine Armee ist, desto mehr Angriffsfläche bietet sie theoretisch. So hatten russische Akteure beispielsweise versucht, Apps, die für die Steuerung ukrainischer Artillerie benutzt werden, zu kompromittieren. Mit solch einer Aktion, so Herpig, könnte man zum Beispiel an Geodaten kommen, um diese Standpunkte dann zu bombardieren.

Sven Herpig, Leiter Internationale Cybersicherheitspolitik bei der Stiftung Neue VerantwortungBild: Sebastian Heise

Dass Hacker von Anonymous weltweit Russland angreifen und Websites wie kreml.ru lahmlegen, mag zwar öffentlichkeitswirksam sein - dass davon russische Entscheidungsträger beindruckt werden, bezweifelt IT-Experte Herpig aber und macht darauf aufmerksam, dass im gut gemeinten Engagement der Hacker auch eine Gefahr liegt: Nämlich, dass sie Russland vorab auf Sicherheitslücken aufmerksam machen, auf die eventuell bereits westliche und ukrainische Geheimdienste ein Auge geworfen haben. "Dann sind diese Zugänge verbrannt. Damit wird die Arbeit der Nachrichtendienste erschwert, das ist problematisch", so Herpig.

Für den weiteren Verlauf des Konflikts erwarten Experten eine Ausweitung der russischen Cyberangriffe - mit dem Schwerpunkt Desinformation. Einen Hinweis darauf könnten Vorfälle vom Freitag geben. Mehrere deutsche Tageszeitungen hatten Cyberangriffe auf ihre Webseiten und Auftritte in den sozialen Medien gemeldet und vermuteten eine "pro-russische Desinformationskampagne". Die Internetseiten und Social-Media-Accounts der Zeitungen und Magazine der Funke Mediengruppe aus dem westdeutschen Essen seien in mehreren Wellen von sogenannten Bots angegriffen worden, wie der Verlag bestätigte.

Seit dem 24.02. greift Russland die Ukraine militärisch an - Attacken im Cyberspace gingen dem physischen Angriff voranBild: Alisa Yakubovych//EPA-EFE

Könnte Cyberangriff NATO-Bündnisfall triggern?

Dass Russland auch die Infrastruktur von Staaten des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses NATO großflächig angreifen wird, scheint eher fraglich. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass auch ein Cyberangriff in einer Art gewertet werden könnte, dass der Artikel 5 aktiviert wird, also der NATO-Bündnisfall. "Wenn die Cyberoperation Auswirkungen hätte, die einer kinetischen Operation gleichkommen würden, dann würde auch eine Cyberoperation den Artikel 5 auslösen. Da sind die Mittel, die eingesetzt werden, unerheblich, es geht nur um den Effekt", glaubt Herpig.

Im deutschen Bundesinnenministerium sieht man derzeit allerdings keine Anzeichen für solche Cyber-Angriffe auf deutsche Ziele. Man sei aber vorbereitet, so ein Sprecher des Ministeriums am Sonntag.

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